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Lübben
Von schwarzen Katzen, Holzscheiten und Hirsebrei

Ute Henschel hat kürzlich einen Vortrag über Aberglaube bei den Sorben und Wenden gehalten. Sie war in Neu Zauche und Schlepzig zu Gast.
Ute Henschel hat kürzlich einen Vortrag über Aberglaube bei den Sorben und Wenden gehalten. Sie war in Neu Zauche und Schlepzig zu Gast. FOTO: Andreas Staindl / LR
Lübben. Aberglaube ist ein Phänomen. Alle Kulturen der Neuzeit sind betroffen. Die Spreewälder machen da keine Ausnahme.

Ute Henschel hat sich mit dem Aberglauben bei den Sorben und Wenden zur Winterzeit auseinandergesetzt. Die Ergebnisse ihrer Recherche bringt die Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus Interessierten näher. Mit ihrem Vortrag war sie kürzlich in Neu Zauche (Lieberose-Oberspreewald) und Schlepzig (Unterspreewald) zu Gast.

Auch im Spreewald glauben ihr zufolge Menschen an Vorgänge, die Einfluss auf das Schicksal nehmen. Das war früher verbreiteter als heute, doch Aberglaube gibt es noch immer. Vor allem in der Winterzeit und ihren langen, dunklen Stunden.

Für junge Mädchen im Spreewald hatte die Andreasnacht vom 29.  zum 30. November eine ganz besondere Bedeutung. Sie führten bestimmte Rituale durch, die ihnen Hinweise zu ihrem zukünftigen Ehemann bringen sollten. So lauschten sie etwa, ob irgendwo ein Hund bellte. Von dort nämlich, so ihr Aberglaube, kommt ihr Zukünftiger her. Und den Holzscheit, den sie aus einem Holzstapel ziehen, weist auf die Eigenschaften ihres künftigen Manns hin. Zudem wurden Geräusche unterschiedlich gedeutet. Eines durften die Mädchen in der Andreasnacht nicht — nämlich spinnen.

Den Spruch „Geld zu Geld“, kannten sogar Teilnehmer des Vortrags in Neu Zauche. In früheren Zeiten durften Spreewälder Männer allerdings erst heiraten, wenn sie eine Familie ernähren konnten. „Deshalb haben viele Männer früher erst mit über 30 Jahren geheiratet“, erzählt Ute Henschel. Die Folge war, dass es viele Jungfern gab, also Frauen, die nicht verheiratet waren. Diese trafen sich während der Winterzeit in der Spinnstube, um dort zu plaudern, zu singen und ihre Trachten herzustellen. Der Aberglaube spielte in der so genannten Spinte eine große Rolle. Bestimmte Haushaltsdinge, die die Mädchen unter ihrem Teller fanden, deuteten an, welchen Mann sie einmal heiraten werden, etwa, ob dieser arm sein würde oder reich.

Vieles war wohl auch Zeitvertreib, wurde von den Jungfern nicht allzu ernst genommen. Katzen jedoch wurden und werden schon immer für Schicksalsdeutungen genutzt. Eine schwarze Katze bedeutet Unglück, eine gescheckte Glück. Ebenso ein Aberglaube: Leckt sich die Katze die Pfoten, kommt Besuch ins Haus. Kratzt die Katze am Tischbein, dann wird es windig. Geht sie lange nicht aus dem Haus, wird es kalt.

Mädchen im Spreewald haben früher Salzgebäck an einen Jungen verschenkt, bei dem sie sich Chancen ausrechneten. Nicht immer allerdings wurde ihre Hoffnung erfüllt. Tiere bekamen Figuren aus Salzgebäck in den Futtertrog gelegt, um ihnen etwas Gutes zu tun.

Der Aberglaube wurde über Generationen nur mündlich überliefert, sagt Ute Henschel. Erst später, vor allem durch die Kirche, wurden viele Bräuche schriftlich festgehalten. Dazu gehören auch die „Zwölften“.

Die zwölf Weihnachtstage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar waren vor allem in ländlichen Regionen mit Sagen und Bräuchen verbunden. Diese Zeit galt Ute Henschel zufolge bei den Sorben als besonders gefährlich. Es sollte keine Wäsche gewaschen und auch kein Holz gehackt werden. Zudem sollten man keine Erbsen und Bohnen essen. Und so, wie sich die Sonne an den zwölf Tagen zeigt, so wird sie es während der nächsten zwölf Monate tun.

So mancher Aberglaube früherer Generationen ließ die Zuhörer des Vortrags schmunzeln. Etwa, dass man Erbsen in die Ecke des Zimmers geworfen hatte, um die Hausgeister gnädig zu stimmen. Oder, dass ein guter Geist im Haus war, wenn das Feuer im Ofen gut brannte.

Einiges könnte man durchaus mal versuchen: Erbsen vom Tisch werfen, soll das ganze Jahr über Geld bringen. Doch ob an die Zimmerdecke geworfener Hirsebrei tatsächlich die Geister gütig stimmt, wird kaum jemand ausprobieren. Ute Henschel hatte eine Vielzahl an Ritualen parat, von denen einige heute noch lebendig sind. „Und wer weiß“, sagt die Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur, „vielleicht ist das alles gar kein Aberglaube, sondern kann irgendwann mal bewiesen werden. Wer weiß das schon?“