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| 02:41 Uhr

Kreisreform und Protestbriefe: Lübben wird preußisch

Mit den Beschlüssen des Wiener Kongresses wechselten vor 200 Jahren die Lübbener und Luckauer ihre Nationalität.
Mit den Beschlüssen des Wiener Kongresses wechselten vor 200 Jahren die Lübbener und Luckauer ihre Nationalität. FOTO: Ingvil Schirling
Lübben/Luckau. In diesen Tagen vor 200 Jahren vollzogen sich große Veränderungen in der Niederlausitz und in der damaligen Regierungsstadt Lübben, die jeden einzelnen Bewohner des Markgraftums betrafen: Sie verloren ihre sächsische Nationalität und wurden Preußen. Rolf Ebert

Es begann vor fast 201 Jahren. Am 18. Mai 1815 hatten der preußische und der sächsische König ein als "Friedens- und Freundschaftsvertrag" betiteltes Dokument unterschrieben. Der preußische König übernahm die Niederlausitz ganz und die Oberlausitz zum Teil.

Nach der Übernahme der Niederlausitz in das Königreich Preußen hatten die Vertreter des "preußischen Sachsens", wie König Friedrich Wilhelm III. seinen Landgewinn und die Bewohner darin anfangs bezeichnete, den Huldigungseid zu leisten. Das geschah am 3. August 1815, dem Geburtstag des Königs, in Merseburg. Diesen Eid leisteten für die Lübbener und alle anderen Niederlausitzer der Besitzer der Herrschaft Forst und Pförten, Graf von Brühl, der Landesälteste und Besitzer der Herrschaft Lieberose, Graf von der Schulenburg, der Landesälteste des Luckauer Kreises von Thermo auf Zieckau, der Landsyndikus Christian Gottlob von Houwald, der Hauptmann von Stammer, der Premierleutnant von Langen, der Landesälteste und Bürgermeister von Luckau, Richter, sowie der Bürgermeister von Lübben, Alberti.

Bereits 1815 war damit begonnen worden, die seit Jahrhunderten bestehenden sächsischen Kreise "Lübbenischer oder Krummspreeischer Kreis", "Luckauischer Kreis", "Kalauischer Kreis", Gubenischer Kreis" und "Sprembergischer Kreis", der von ihnen umschlossene preußische "Kottbuser Kreis" sowie die Herrschaften Beeskow, Dobrilugk und Sonnewalde, die oberlausitzische Herrschaft Hoyerswerda und der neu zu Preußen gekommene Teil der Oberlausitz in die neu geschaffene Provinz Brandenburg einzugliedern. Die Regierungsstadt für alle diese neumärkischen Gebiete wurde Frankfurt an der Oder.

Preußische Kreisstädte

Lübben, Luckau, Calau, Cottbus, Spremberg, Guben und Sorau erhielten jeweils den Status preußischer Kreisstädte, deren Verwaltungsbereiche durch eine Art "Kreisgebietsreform" verändert wurden. Der Kreis Sorau war durch die Halbierung des großen Kreises Guben entstanden.

In den Kreisstädten wurden nach altpreußischen Vorbildern Landratsämter eingerichtet. Ein Landrat stand vor, der nicht gewählt, sondern vom Regierungspräsidenten eingesetzt wurde. Allerdings waren die ersten Landräte in den fünf ehemaligen Kreisen Lübben, Luckau, Calau, Guben und Spremberg noch die ehemals in der sächsischen Zeit von den Ständen der Niederlausitz gewählten Landesältesten. In Lübben war das bis 1827 Ewald von Trosky.

Mit den territorialen Veränderungen verschwanden die vielen Enklaven, die nun zu den geschlossenen Kreisen gehörten. Der Krummspreekreis oder Lübbener Kreis hatte dazu Kurmärkische Gebiete aufnehmen müssen, sodass bis zur nächsten Gebietsreform 1835 das Beeskower Gebiet und die Ämter Trebatsch und Kossenblatt von Lübben aus verwaltet werden mussten.

Da nun mit der Errichtung der neuen Regierung der Provinz in Frankfurt an der Oder die Oberamtsregierung in Lübben keine Funktion mehr hatte, wurde sie abgeschafft - am 14. März 1816. Mit ihr verschwanden in Lübben die Landeshauptmannschaft und das Konsistorium. Am 10. November 1815 waren alle niederlausitzischen Gerichtsstellen angewiesen worden, ihre Rechtssachen an das preußische Spruchkollegium in Merseburg zu senden. Bis zum Frühjahr 1816 war die neue Kreiseinteilung abgeschlossen. Ab 25. März 1816 hatten die Ämter, Behörden sowie alle Bürger der Neumark die Anordnungen der neuen Regierung zu befolgen. Aus der ehemaligen Oberamtsregierungsstadt Lübben war eine einfache preußische Kreisstadt geworden. Alle Anweisungen kamen von der Provinzialregierung im fernen Frankfurt an der Oder.

Für die Lübbener höhere Knabenschule hatte die tief greifende Veränderung dramatische Folgen. Die höheren Beamten waren durch die Auflösung der sächsischen Ämter arbeitslos geworden und zogen aus Lübben weg. Das bedeutete den Verlust vieler Schüler. In Guben, Sorau und Luckau hingegen hatten durch die andere Bevölkerungsstruktur die Lyzeen weiter Bestand.

Der Kampf um die Schule

Mit der verschlechterten Bildungssituation in Lübben wollten sich der Generalsuperintendent Carl Friedrich Brescius und der arbeitslos gewordene Konrektor Christian Moritz Pauli nicht abfinden. Im April 1816 schrieb der Konrektor an den Lübbener Bürgermeister, dass er sich an die neue Regierung in Frankfurt wenden möchte, um die zu bewegen, in Lübben eine Universität oder ein akademisches Gymnasium einrichten zu lassen, damit sich die Stadt von der erlittenen Einbuße erholen könne. Doch dieser Weg war wohl dem Superintendenten Carl Friedrich Brescius nicht effektiv genug, deshalb schrieb er direkt an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. und bat in eindringlichen Worten, der in Armut versinkenden Stadt zu helfen. Er lobte dabei den Staatskanzler Graf von Hardenberg, der der Stadt Hilfen verschiedenster Art in Aussicht gestellt hatte. Doch Konkretes sei nicht bekannt. So unterbreitete er dem König die eigenartige Bitte, wenn in Wittenberg die Universität geschlossen werden sollte, sie nach Lübben umzusiedeln, um so die Stadt zu retten. Auch die Einrichtung eines akademischen Gymnasiums könnte der Stadt helfen. Damit die Umsiedlung nicht am Gelde scheitern könnte, schlug Brescius vor, für den Umzug Teile des Wittenberger Universitätsfonds und Gelder des Klosters Neuzelle zu verwenden.

In einer für den 3. Mai 1816 eilig einberufenen Sondersitzung des Ratskollegiums der Stadt Lübben wurde das Vorhaben beraten. Während der 2. Bürgermeister der Stadt Lübben seine Unterschrift unter die Eingabe verweigerte, unterschrieben ihn die Repräsentanten der Lübbener Bürgerschaft, die Herren Günther, Köhler, Kühn, Mattern und Raschke, weil sie in der Gewährung des Gesuchs nur Vorteile für die Einwohner der Stadt sahen. Jedenfalls ging der Brief des Superintendenten am 4. Mai 1816 an den König ab. Bereits sieben Tage später, am 11. Mai, antwortete der preußische König Friedrich Wilhelm III. bei völliger Ignorierung der Universitätsverlegung, dass die Errichtung eines akademischen Gymnasiums mit Geldern der Universität Wittenberg und des Klosters Neuzelle nicht zulässig sei. Er betonte jedoch, dass er bereits die Ministerien der Finanzen und des Inneren mit Anweisungen versehen habe, um der Stadt Lübben und den Einwohnern zu helfen. Am 19. Mai schrieb der Staatskanzler Fürst Karl August von Hardenberg, dass trotz der Ablehnung des Gesuchs auf Errichtung eines akademischen Gymnasiums in Lübben die Versicherung gegeben werde, der Stadt und den Einwohnern mittels verschiedener Maßnahmen zu helfen. Doch die waren auch in diesem zweiten Brief von den Repräsentanten des preußischen Staates an die Stadt Lübben nicht genannt und interpretiert worden.

Erst in den folgenden Jahren trug Folgendes zur Hebung des Wohlstandes der Stadt bei: Der Status der Kreisstadt ermöglichte die Fortführung einer regionalen Verwaltung mit einer Vielzahl von Ämtern. 1819 bekam die Stadt ein Hauptzollamt und 1823 eine Bürgerschule, die außerordentlich wichtig für die Stadt und die gesamte Region war. 1824 erhielt Lübben ein königliches Land- und Stadtgericht, sodass alle rechtlichen Verfahren nicht mehr im fernen Merseburg entschieden werden mussten. 1827 bekam Lübben die III. Jägerabteilung zur Garnisonierung.

Protest gegen Kreisreform

Die Stände fühlten sich allerdings weiterhin mit den neuen politischen Bedingungen in ihrer gesellschaftlichen Tätigkeit ins Abseits gebracht. Jahrhunderte lang war es gängige Praxis, dass bei einem Wechsel der Herrscher die verbrieften Rechte und Freiheiten der Stände grundsätzlich erneuert wurden, wenn sie dem neuen Machthaber Treue und Gehorsam bekundeten.

Nunmehr wurde der ständische Anspruch auf politische Mitwirkung überhaupt nicht akzeptiert. Selbst die Einberufung der Stände zu ihrem Landtag wurde ihnen verwehrt und somit die Einflussnahme auf die Verwaltung und Gesetzgebung genommen. Ihr bedeutendes Recht, die Steuerbewilligung, -erhebung und -verwaltung, mit dem sie in der Vergangenheit wesentlichen Einfluss auf die politische Landesverwaltung genommen hatten, war bei der Eingliederung der Niederlausitz in den preußischen Staat eingeschränkt und in der Folgezeit beseitigt worden.

Sie beklagten deshalb am 4. Dezember 1816 in einem Schreiben an den preußischen König, dass ihre sächsische Behördenverfassung einfach beseitigt wurde, sodass sie keinen Einfluss mehr auf Verwaltung und Gesetzgebung des Landes besaßen und lediglich auf kommunaler Ebene Verantwortlichkeiten und bestimmte Rechte behielten. Sie protestierten gegen diese Behandlung mit der Feststellung, dass sie das nicht verdient hätten und verlangten als Repräsentanten des Volkes, dessen Recht auch wieder politisch vertreten zu können. Diese Protestnote an den preußischen König war von allen Herrenständen der Niederlausitz unterschrieben worden. Der preußische Staatskanzler Fürst Karl August von Hardenberg antwortete am 26. Dezember. Sehr sachlich und bestimmt teilte er den Herrenständen mit, dass sie von Ansichten ausgingen, die nicht mehr die aktuellen Verhältnisse widerspiegeln. Er versichere ihnen, dass sie zu jeder Zeit Wünsche und Anträge zur Verbesserung der Verwaltung und Gesetzgebung an ihn senden können, die er umgehend Seiner Majestät vortragen werde.

Dieser Weg wurde eingeschlagen. Tatsächlich lobte König Friedrich Wilhelm III. zwei Jahre später die Landstände der Niederlausitz, dass sie ihre Kommunalangelegenheiten in Lübben und in der Niederlausitz nunmehr nach dem Willen der königlichen Regierung in Frankfurt an der Oder und auch zu seiner Zufriedenheit lösen und erfüllen.