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| 17:39 Uhr

Herzensmensch und Vollblut-Feuerwehrmann
„Das Herzgefühl entwickelt man“

 Viel Erfahrung und Wissen, Spürsinn und das Herz auf dem rechten Fleck machen einen Vollblut-Feuerwehrmann aus. Ronald Judis, Kreisbrandmeister a.D., hatte zwei herausfordernde Jahre, ehe er im Dezember mit großem Zapfenstreich auf dem Lübbener Marktplatz verabschiedet wurde.
Viel Erfahrung und Wissen, Spürsinn und das Herz auf dem rechten Fleck machen einen Vollblut-Feuerwehrmann aus. Ronald Judis, Kreisbrandmeister a.D., hatte zwei herausfordernde Jahre, ehe er im Dezember mit großem Zapfenstreich auf dem Lübbener Marktplatz verabschiedet wurde. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben/Töpchin. Die neue RUNDSCHAU-Serie „Herzensmenschen“ startet mit Kreisbrandmeister a.D. Ronald Judis und seinen unglaublichen Erlebnissen bei der Feuerwehr. Judis gehört zu den sieben Brandenburgern, die morgen am Neujahrsempfang des Bundespräsidenten teilnehmen. Von Ingvil Schirling

Es gibt Herzensmenschen, die brennen für ihre Sache. Und es gibt Vollblut-Feuerwehrleute, die sich dem Schutz des Gemeinwohls verschreiben. Ronald Judis ist beides. In den letzten beiden Jahren seiner Zeit als Kreisbrandmeister in Dahme-Spreewald dürfte er bis auf die Knochen geprüft worden sein von den Ereignissen, die von ihm und den Feuerwehrleuten unter seiner Führung 100-prozentigen Einsatz forderten. Die verheerenden Waldbrand-Monate im Sommer 2018 waren längst nicht das Schlimmste.

 Herzensmenschen
Herzensmenschen FOTO: LR / Schubert, Sebastian

Die Geschichte von Ronald Judis als Vollblut-Feuerwehrmann mit dem Herzen auf dem rechten Fleck beginnt vor vielen Jahren. Aufgewachsen in Jessen (Elbe-Elster) lernte er als Maschinist für Kraftwerksanlagen in Boxberg, schloss 1973 ab und ging 1980 als Berufsfeuerwehrmann zur Kommando-Feuerwehr nach Königs Wusterhausen. Sein Leben lang lernte er weiter. Ordner an Ordner reihen sich Unterlagen von Schulungen in seinem Zuhause am Töpchiner See. Vor allem aber lernte Ronald Judis eins: „Dass Familie nicht nur die unmittelbaren Angehörigen sind. Feuerwehr ist wie Familie. Man ist 24 Stunden zusammen und kann sich aufeinander verlassen. Das ist es eben, was Feuerwehr auch ausmacht.“

Ein Beispiel: Spät an einem Freitagabend, noch zu DDR-Zeiten, kam Ronald Judis von einer Schulung nach Hause. Seine Frau saß auf gepackten Kisten – aber nicht, weil er so viel unterwegs war, sondern, weil es einen Schornsteinbrand gegeben hatte. Die Wohnung sollte renoviert werden und Familie Judis so lange umziehen. Allerdings von jetzt auf gleich, sprich: Samstag.

Ronald Judis erzählt nicht, was er in dem Moment gedacht hat. Man kann sich aber ohne Mühe vorstellen, dass er sich seinen einzigen freien Tag in der Woche anders vorgestellt hat als mit Kistenschleppen und Fahrzeuge beladen. Ganz anders. Noch heute, Jahrzehnte später, schaut er nach unten und räuspert sich kurz, ehe er berichtet, was dann geschah: Am Samstagmorgen reihten sich feuerrote Fahrzeuge die Straße entlang. Seine Kameraden aus der Berufsfeuerwehr stiegen aus, bereit zum Anpacken, damit Familie Judis sicher in ihr neues Zuhause kam. Fragen zu Kameradschaft, zur Zusammengehörigkeit waren damit geklärt.

Andere Fragen bleiben offen, vielleicht für immer. Warum lässt das Schicksal jemanden seine Familie verlieren? Wie können zwei sterben, während einer fast unversehrt bleibt? Nicht nur Ronald Judis dürfte dies nach einem der emotionalsten Einsätze der jüngsten Zeit noch lange umtreiben. Im Sommer 2017 geriet bei einem Unfall auf der A13 zwischen Staakow und Baruth ein Pkw unter einen Lkw. Durch die Wucht des Aufpralls wurde er quer darunter geschoben. „Die ersten Kräfte, die ankommen, machen sich ein Bild der Lage“, sagt Ronald Judis. „Dazu gehört auch zu schauen, wer am Leben ist.“ Drei Personen waren in dem Pkw, zwei davon starben bei dem Unfall. Der dritte Familienangehörige hatte überlebt und meldete sich. Er selbst konnte  zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der Tragödie nicht überblicken. Doch an den Kampf der Feuerwehrleute erinnert sich Judis ganz genau. Der Lkw ließ sich nicht bewegen. Keinen Millimeter. Keine Chance. Modernste Technik, und doch kam die Feuerwehr zunächst nicht weiter. Schwere Bergetechnik musste gerufen werden. Das kann dauern.

Die Helfer konnten zwar einiges machen, kamen aber nicht direkt an den Verletzten heran.

Und mussten das aushalten.

„Zwei, drei Stunden hat es gedauert, bis wir ihn am Ende raus hatten. Es war ein Lichtblick, dass er überlebt hat.“

Für Ronald Judis war das einer der schwierigsten Einsätze seiner Karriere. Er nennt ihn gleich nach dem Flugzeugabsturz bei Bohnsdorf 1986. Zuletzt brachten ihn wie viele Feuerwehrleute die Waldbrände in der Lieberoser Heide im Sommer 2018 an die Leistungsgrenze. Es waren nicht nur die langen Tage und kurzen Nächte, die Ausdehnung der Flammen auf Hunderte von Hektar und die Herausforderung, dafür ein Gefühl zu entwickeln. Es waren vor allem auch die harten Auseinandersetzungen um die Bekämpfung aus der Luft. Durch die Munitionsbelastung auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz hätte das Feuer ohne das Löschen vom Hubschrauber aus eine solche Wucht entwickeln können, dass auch 50 Meter breite Brandschutzstreifen keine Hürde mehr gewesen wären. Dann wäre es um Leib und Leben gegangen, vor allem in Klein Liebitz.

„Das Helfenwollen muss einem liegen“, bilanziert Ronald Judis. „Man wird mit Dingen konfrontiert, die nicht alltäglich sind. Als Feuerwehrmann entwickelt man das Herzgefühl für die Sache.“

Wenn oft auch früh herangeführt, wird man als Feuerwehrmann nicht geboren. Mit wachsendem Können stelle sich der Stolz darauf ein, die Technik bedienen zu können. „Der Spürsinn für den Augenblick entwickelt sich ebenfalls. Indem man sich verpflichtet, das ehrenamtlich zu machen, kommt das Herz zur Sache.“ Die Bereitschaft, sich in einer Hierarchie einzuordnen, an die Leistungsgrenze zu gehen und immer weiter zu lernen, ergibt unterm Strich einen hohen Anspruch an sich selbst.

Und doch sieht genau das bei Ronald Judis ganz leicht aus. Wer ihn in Lieberose traf, erlebte einen zuversichtlichen, freundlichen, verbindlichen Mann, Vertrauen erweckend im Angesicht des Ernstes der Lage. „Es war ein Riesenpotenzial für eine gefährliche Entwicklung da. Aber wir hatten einen Plan, und der hat funktioniert.“

Mittlerweile ist das Feuer aus, und Ronald Judis seit Jahresanfang Kreisbrandmeister a.D. Mit einem großen Zapfenstreich in Gänsehaut-Qualität wurde er auf dem Lübbener Marktplatz verabschiedet. Nun kann er sich anderen Dingen widmen, die ihm am Herzen liegen. Mit seiner Frau wird er dieses Jahr 40. Hochzeitstag feiern. Seine Söhne, 36 und 38 Jahre alt, haben eigene Familien. Gelegentlich wird Judis zur Jagd gehen. In der Feuerwehr bleibt er Mitglied. „Die große Politik will ich nicht mehr rocken.“ Wenn ihn einer fragt, wird er mit Sicherheit Hinweise geben. Solche, die zur Sache sprechen. Und solche, die aus dem Herzen kommen.

 

In einer neuen Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.