| 02:51 Uhr

Kormorane plündern Schwielochsee

Am Schwielochsee entwickeln sich Kormorane immer mehr zur Plage. Bis zu 5000 Exemplare wurden schon gesichtet. Der Fischbestand ist stark zurückgegangen. Auch die Umwelt leidet.
Am Schwielochsee entwickeln sich Kormorane immer mehr zur Plage. Bis zu 5000 Exemplare wurden schon gesichtet. Der Fischbestand ist stark zurückgegangen. Auch die Umwelt leidet. FOTO: Sauer/dpa
Jessern/Goyatz. Rudi Schmidt ist seit mehr als 37 Jahren regelmäßig auf dem Schwielochsee unterwegs. Doch was der Lübbener dort diesen Winter sah, machte ihn sprachlos. Auf 800 bis 1000 schätzte er die Zahl der Kormorane. Fischer sprechen sogar von bis zu 5000 – mit verheerenden Folgen. Ingvil Schirling

"Die Bäume sind weiß, und der Himmel ist schwarz, wenn die Kormorane auffliegen." Helmut Hotopp aus Jessern bringt es auf den Punkt. Ihm gehört eine kleine Insel im See. Sie ist von einem dichten Baumrand gesäumt - noch. Denn die Äste sind grau überzogen vom Vogelkot der Kormorane. Wie Rudi Schmidt fragt sich auch Hotopp, wie lange diese Bäume überleben werden unter dem Druck von Tausenden von Kormoranen. Wie lange der Seeadler noch seinen Nistplatz behalten wird. Und wie lange die Fischer dort noch arbeiten können.

Die Zahlen basieren derzeit auf geschätzten Werten. Durchschnittlich, so Silvio Klemm, halten sich 1500 und mehr Kormorane am Schwielochsee auf. Er betont die Worte "und mehr". "Das große Problem sind die Durchzügler. Dann werden es manchmal 4000 bis 5000 Kormorane", sagt er. "Jeder einzelne frisst ein Pfund Fisch am Tag." Und nicht nur das: "Mit mindestens einem weiteren Pfund Fisch pro Tag spielt jeder Vogel, verletzt den Fisch, der dann verendet." Der Anblick toter Fischer auf dem Wasserspiegel des beliebten Sees wiederum schrecke Touristen ab.

Vor 15 Jahren, so der Fischwirtschaftsmeister aus Tauche, fing es an. "Die Fangerträge sind seither stark zurückgegangen. Doch unter Wasser sieht das ja keiner", sagt er. Rund 20 Prozent des früheren Fischbestandes gebe es heute noch im Schwielochsee. Was Klemm und andere schmerzt, formuliert er so: "Ich sehe gerne dem See- und Fischadler zu, wie sie jagen. Das ist alles natürlich. Aber die Kormorane jagen die Fische einfach durch die Gegend." Dadurch nehmen sie ihnen die Ruhe, die sie gerade im Winter dringend brauchen.

Lösungsansätze sehen die Beteiligten kaum. Vergrämen durch Abschuss helfe nicht, sagt Silvio Klemm. "Wir haben schon geschossen. Aber wenn man fünf bis zehn aus einem Schwarm von 5000 Vögeln rausschießt, ist man am Ende des Tages auch nicht weiter. Kormorane lernen ganz schnell, wie groß die Schussreichweite ist." Und er fragt: "Vergrämen - wohin? Auf den nächsten See?" Das könne auch nicht die Lösung sein. In Naturschutzgebieten braucht man zudem eine Ausnahmegenehmigung. Klemm fordert schon eher eine europäische Lösung. Auf dieser Ebene müsste der Kormoranbestand seiner Meinung nach systematisch dezimiert werden.

Auch Helmut Hotopp fordert, die Zahl der Vögel wirklich zu reduzieren. "Dann kommen nicht mehr so viele." Rund ein Hektar groß ist die Insel in seinem Besitz. Die Bäume, Eichen und Erlen, seien alle weiß vom Kot. "Als ich am Mittwoch dort war, habe ich die Zahl der Kormorane mal wieder geschätzt. 1000 reichen nicht", sagt der Jesserner.

Silvio Klemm erinnert sich an jemanden aus dem Naturschutz, der vor 15 Jahren gesagt habe: "Wenn die Kormorane alle Fische gegessen haben, gehen sie - und kommen nicht wieder." Klemm habe sich das damals nicht vorstellen können. Jetzt schon.