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| 19:15 Uhr

Gegen Vernachlässigung und Missbrauch
Kooperation beim Kinderschutz

Landkreis und Staatliches Schulamt regeln Wege vom Lehrer zum Jugendamt Von Ingvil Schirling

Immer wieder blaue Flecken. Ausreden vor dem Sportunterricht, besonders beim Schwimmen. Verändertes Verhalten, verdächtiges Schweigen – die Anzeichen für Missbrauch und Vernachlässigung bei Kindern sind vielfältig. Und oft schwer zu erkennen. Und wenn sich so etwas zeigt, was dann?

Vor dieser Frage stehen neben anderen auch Lehrer und Lehrerinnen. Sie verbringen viel Zeit mit Kindern und Jugendlichen. Doch was, wenn sie einen Verdacht haben?

Den Weg zwischen Schule und Jugendamt regelt eine Kooperationsvereinbarung zwischen Landkreis Dahme-Spreewald als zuständiger Behörde für den Kinderschutz und dem Staatlichen Schulamt als Verantwortlichem für die Lehrer. Sie stammt aus dem Jahr 2011 und ist in diesen Tagen erneuert worden. Landrat Stephan Loge (SPD) und Schulamts-Leiter Gerald Boese unterzeichneten sie vor Pressevertretern in der Landstube der Kreisverwaltung an der Lübbener Reutergasse.

Ziel sei es, heißt es in der Kooperationsvereinbarung, „Gefahren für das Kindeswohl von jungen Menschen zu erkennen und abzuwenden, insbesondere junge Menschen vor Vernachlässigung, Gewalt und Misshandlung zu schützen“. Und dies beginnt lange vor den blauen Flecken oder Schlimmerem. Da mag ein Kind dauerhaft kein Pausenbrot dabei haben, keine warme Winterjacke tragen, wenn es kalt ist, oder keine Hefte, Stifte und Bücher besitzen. Oder es entwickelt sich einfach nicht so, wie es für sein Alter angemessen wäre.

Die Kooperationsvereinbarung regelt den Weg für die Lehrer, um bei Verdacht das Jugendamt zu informieren. Anonyme Meldungen sind, davon abgesehen, immer möglich. Aus der Schule heraus aber sollen Auffälligkeiten und Verdachtsmomente zunächst dokumentiert und dann die Schulleitung informiert werden. Es kann zuerst auf schulischer Ebene gehandelt werden (außer, wenn Gefahr im Verzug ist und das Jugendamt direkt informiert werden muss). Eine Fallkonferenz wird einberufen, möglicherweise ein Hausbesuch mit Einverständnis der Eltern durchgeführt oder Unterstützung durch das geschulte Personal einer Familienberatungsstelle angefordert. Die Schritte regelt die Vereinbarung, der Fragebögen zur Dokumentation, nützliche Adressen und ein Schaubild über den Weg zwischen Schule und Jugendamt beigefügt sind.

Was darin nicht geregelt werden kann, ist, wie Lehrende auf diesem herausforderndem Weg unterstützt werden. Wie erkennt man Vernachlässigung oder Missbrauch? Wie führt man Gespräche, ohne dem Kind zu schaden oder sich selbst in Gefahr zu bringen? Auf LR-Nachfrage verwies Gerald Boese vom Staatlichen Amt auf Schulpsychologen und versprach, Beispiele für entsprechende Fortbildungen für Lehrende zuzuarbeiten. Die Antwort blieb bisher aus. Unterzeichnet wurde der Vertrag Mitte des Monats.

Notwendig ist die Regelung der Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendamt allerdings, das zeigen die Zahlen der Kinderschutzfälle in Dahme-Spreewald. 374 Meldungen gab es Kreisangaben zufolge im vergangenen Jahr, davon 32, also knapp zehn Prozent, aus Schulen, die übrigen aus Nachbarschaft, Polizei oder Sozialarbeit. Etwas mehr als die Hälfte führt nach genauer Klärung zum Ergebnis, dass Hilfebedarf besteht, wenn auch nicht immer akut, geht aus diesen Angaben weiter hervor.

72 Meldungen betrafen Vernachlässigung, 16 körperliche und 26 psychische Misshandlung. Vier Mal wurde sexueller Missbrauch gemeldet. 115 Kinder wurden 2017 in Obhut genommen.