Von Ingvil Schirling

Emma, Lexi, Vivien, Leon, Ben – sie wissen, wie man Gäste begrüßt und willkommen heißt. Noch ein Keks? Ein Träubchen? Was zu trinken? Wer am Freitagnachmittag zur Ausstellungseröffnung der Sieben- bis Elfjährigen in den früheren Tanzsaal in der Lieberoser Remise neben dem Landambulatorium kam, durfte sich wahrlich fühlen wie ein von allen Seiten umhegter VIP. Die fünf genannten und drei weitere Kinder hatten sich vier Tage lang mit Kunst beschäftigt und mit sehr viel Fantasie Raketen, einen Pflanzendschungel und Herzenswünsche aufs Parkett des Saals gestellt.

Und sie brannten darauf, ihre Ergebnisse vorzustellen. Das besondere an dem Kunstprojekt: Es dreht sich ums Thema Warten. Wenn Kinder warten müssen, werden Eltern nicht selten nervös. Und geraten manchmal so unter Druck, die aufblühende Fantasie der Jüngsten in sozialverträgliche Kanäle zu lenken, dass sie sogar das heilige Handy herausgeben, damit der Nachwuchs beim Spiele spielen und Bildschirmwischen die Ruhe bewahrt.

Genau das war in Lieberose ganz anders. Künstlerin Anna Grunemann leitete gemeinsam mit ihrer Schwester, der Töpferin Mareile Grunemann, nun schon zum dritten Mal das Kunstprojekt. Die neunjährige Vivien aus Lieberose äußerte sich in ihrer ganz persönlichen Bilanz der vier Tage sehr klar: „Ich wünsche mir, dass die Kunst AG nie zu Ende geht! Und die Anna hab ich ganz doll lieb.“

So öffnet Kunst Herzen. „Kultur macht stark“ und „Künste öffnen Welten“ heißen die Förderprogramme des Bundesbildungsministeriums und der Bundeszentrale für kulturelle Bildung, die das Lieberoser Projekt ermöglichen. Wie erfolgreich sie umgesetzt wurden, merkten die Ausstellungsgäste schon daran, dass die Kinder ohne jede Schüchternheit und sehr souverän ihre Bilder zeigten und kommentierten – und dabei ganz zwang­los wertvolle Interpretationshilfen gaben.

Zum Beispiel zu den Kartons, die von den Wänden hingen. Einer davon war von innen mit einem Sternenhimmel beklebt – eine Allegorie, wie man manchmal den Kopf in die Wolken oder in die eigene Fantasie und Traumwelt steckt, wenn man warten muss. Das Thema „Warten“ ergab sich übrigens fast von selbst, scheinbar mühelos bei der Suche nach dem passenden Raum. Denn nach einigem Hin und Her landeten die beiden Leiterinnen im ehemaligen Tanzsaal, der zurzeit ungenutzt ist und somit auf eine neue Aufgabe „wartet“. Daraus generierten die Grunemann-Schwestern das Thema. Lieberoses neue Bürgermeisterin Petra Dreißig war begeistert: „Ich glaube, der Raum hat genau auf diese jungen Künstler und Ideen gewartet.“

„Langeweile“, was einem bei der Kombination von Kindern und Warten wohl als erstes in den Sinn käme, wurde beim ersten Brainstorming der jungen Teilnehmer übrigens nur einmal genannt, so Anna Grunemann. „Spielen“ sei hingegen häufig assoziiert worden. Auch „Träumen“, „sich etwas vorstellen“, sich die Zeit vertreiben. Mit diesen Gedanken im Kopf besuchten die Kinder in Lieberose Räume, die zurzeit leerstehen und ebenfalls auf neues Leben warten. Der frühere Schuhladen beispielsweise, dessen verbliebene Einrichtung durch die Fenster fotografiert wurde. Oder die Ruine der Stadtkirche mit ihrer besonderen Atmosphäre. Wie schnell die Natur solche Räume übernimmt, erlebten sie dort unmittelbar – und das inspirierte die Kinder unter anderem zur Installation großer Gewächse im Tanzsaal, mit Bambusstäben, Papierblättern und Blüten aus halbierten bunten Bällen aus dem Bällebad auf farbigen Untertellern.

„Warten kann man auch nutzen, um nachzudenken“, sagt die achtjährige Lexi aus Siegadel. Emma weiß, „dass es da draußen noch so viel Unerforschtes gibt“ – und davon inspiriert, hängt an der Wand des Tanzsaals eine klar erkennbar durchstartende Rakete mit eindeutigem Ziel: dem Mond. 50 Jahre nach der ersten Mondlandung sind zumindest diese Lieberoser Kinder bereit zu neuen Abenteuern.