Denn derzeit herrscht beim Lübbener Kinderhilfsverein für Tschernobyl große Unsicherheit, ob die Gasteltern ihre weißrussischen Schützlinge im Sommer wieder in ihre Arme schließen können.
Der Grund für diese Ungewissheit ist Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko. Der hatte sich im November in einer Rede vor seinem Parlament ganz und gar nicht positiv über die Leistungen der deutschen Hilfsvereine geäußert und ein Ausreiseverbot für die Tschernobyl-Kinder angedroht (die RUNDSCHAU berichtete).

Vereinsarbeit vor dem Aus?
Den Gedanken, dass ihr Projekt deshalb möglicherweise vor dem Aus steht, versucht Brigida Melzer, die Vorsitzende des Lübbener Kinderhilfsvereins, derzeit weit von sich weg zu schieben. Dennoch muss sie sich eingestehen: „Wir wissen alle nicht, in welcher Form es weitergehen wird.“
Geschürt werden die vorherrschenden Ängste auch durch eine Nachricht von der Deutschen Botschaft in Minsk, in der es heißt: „Wir müssen damit rechnen, dass die Behörden die Gedanken des Präsidenten zügig in die Tat umsetzen werden. Ob dies konkret auf ein Verbot bzw. ein extrem erschwertes Verfahren zur Genehmigung solcher Reisen hinauslaufen wird, lässt sich noch nicht abschließend sagen.“

Das große Zittern
So war bei den Beteiligten bereits in der Vorweihnachtszeit großes Zittern angesagt, ob die weißrussischen Waisen und Halbwaisen überhaupt kommen würden, um den Jahreswechsel im Spreewald zu verbringen. Zur Freude aller Gasteltern waren dieser Reise jedoch keine Steine in den Weg gelegt worden. „Für die Kinder wäre es bitter gewesen, sie verstehen das doch nicht“ , sagt Brigida Melzer.
Lukaschenkos Beweggründe wollen ihr nicht so recht in den Kopf. Fassungslosigkeit macht sich in ihrem Gesicht breit, wenn sie sich die Worte des Präsidenten ins Gedächtnis ruft, der gemeint habe, die Sachspenden der deutschen Hilfsorganisationen seien nichts als „Lumpen und Plunder“ .
Dem widerspricht die Vereinsvorsitzende vehement und verweist auf die zwei Hilfstransporte, die der Verein zweimal jährlich nach Weißrussland schickt. Gut ausgesuchte Kleidung, Lebensmittelpakete, Fahrräder und Haushaltsgeräte würden dort die Reise antreten. Selbst Krankenhausbetten, Ultraschallgeräte und OP-Tische seien auf diese Weise schon transportiert worden.
Lukaschenkos Plänen, künftig den Minister für Bildung jegliche Ausreise eines Kindes genehmigen zu lassen, versucht Brigida Melzer gelassen entgegen zu blicken: „Wir lassen uns nicht verrückt machen.“ Dennoch hat sie vorsorglich Briefe an den deutschen Außenminister Joschka Fischer und an die Weißrussische Botschaft in Berlin geschickt, mit der Bitte, „zum Wohle der Kinder mäßigend auf den Präsidenten Lukaschenko (einzuwirken)“ . Bisher gibt es darauf jedoch keine Reaktionen.
Brigida Melzer bemüht derweil ihren Optimismus. Der Plan des Vereins für 2005 ist lange schon ausgearbeitet, die Sommerferien-Gestaltung für die Tschernobyl-Kinder vom 21. Juli bis 15. August steht - von der Fahrt zum Filmpark Babelsberg bis zum Besuch des Wildparks Johannismühle.

Unerschrockene Vorsitzende
Brigida Melzer zeigt sich unerschrocken und ist mit Leib und Seele für ihren Verein da, wenngleich ganz ohne materielle Entlohnung. Seit mehr als zehn Jahren begibt sie selbst sich zwei- bis dreimal jährlich auf die „nervlich strapaziöse“ Reise nach Weißrussland. So sehr sie mit dem Verein verwachsen ist - aus gesundheitlichen Gründen würde die 67-Jährige ihren Vorsitz gern abgeben. Allein der Nachwuchs fehlt. Derzeit wünscht sich Brigida Melzer nichts sehnlicher, als dass die Arbeit des Lübbener Kinderhilfsvereins für Tschernobyl weitergeführt werden kann - in jeder Hinsicht.