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| 17:45 Uhr

Ferien für Kinder aus Tschernobyl
Ein anderes Leben im Spreewälder „Schlaraffenland“

Seit 1996 Gast-Mama: Bärbel Pötschick (l.) mit ihren Gastkindern Alina und Janina. Die kleine Janina guckt nur so traurig, weil sie für das Foto aus der Hüpfburg geholt wurde.
Seit 1996 Gast-Mama: Bärbel Pötschick (l.) mit ihren Gastkindern Alina und Janina. Die kleine Janina guckt nur so traurig, weil sie für das Foto aus der Hüpfburg geholt wurde. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben. Tschernobyl-Kinder verbringen ihre Ferien im Spreewald. Dank des Kinderhilfsvereins und 30 Gastfamilien. Eine Geschichte voller Helden. Von Steven Wiesner

Bärbel Pötschick kommen fast die Tränen. Als ihr langjähriges Gastkind Alina bei der Eröffnungsfeier vor das Mikro tritt und sich für all die Liebe und Offenherzigkeit bedankt, werden die Augen etwas feuchter bei der Gast-Mama. Das sind die Momente, in denen Menschen wie die 70-jährige Radensdorferin, die so viel geben, beinahe alles wieder zurückbekommen. „Das ist ein schönes Gefühl“, sagt sie.

Seit 1996 ist Bärbel Pötschick Teil des „Lübbener Kinderhilfsvereins für Tschernobyl“. Ein Mitglied der ersten Stunde also. Seinerzeit gründete sich der Verein, um die Arbeit der evangelischen Kirchengemeinde fortzuführen, die sich seit der Wende um das Austauschprojekt verdient gemacht hatte. „Nun können wir stolz sagen, dass wir bereits zum 29. Mal Kinder aus Weißrussland hier bei uns haben“, sagt Brigida Melzer, die Ehrenvorsitzende des Vereins. Fast 1000 Kinder aus dem Bezirk Minsk haben in all den Jahren den Weg in den Spreewald gefunden, um hier für einen Monat die Ferien zu genießen. 28 sind es auch in diesem Jahr wieder.

Stehen und fallen tut die ganze Nummer selbstredend mit den vielen ehrenamtlichen Gasteltern, die sich freinehmen und ihre Häuser und Wohnungen für die Waisenkinder aus Weißrussland herrichten, sie verpflegen und zu diversen Unternehmungen kutschieren, während Freunde oder Arbeitskollegen in den Urlaub fliegen. Melzer: „Wir haben so viele hervorragende Gasteltern, die mit Liebe, Einsatzbereitschaft und Fürsorge dabei sind.“

Ein paar Familien machen zum ersten Mal mit, andere engagieren sich seit nunmehr zwei Jahrzehnten. So wie Bärbel Pötschick. „Wer einmal Blut geleckt hat, kommt nicht mehr davon los“, sagt sie. „Das Schlimmste ist, wenn die Kinder fahren. Dann wartet man sehnsüchtig auf den Tag, an dem man sie wiedersieht.“ Neun Mädchen hat sie in der ganzen Zeit schon unter ihre Fittiche genommen, für fast alle ist sie eine wichtige Bezugsperson geworden. Die Kinder nennen sie „Mama“ oder „Oma“. „Sie sind für mich wie meine eigenen Enkelkinder.“

Die Beziehungen, die hier zwischen Eltern und Kindern entstehen, gehen weit über „Hallo und Tschüss“ hinaus. Hier bilden sich tiefergehende Freundschaften, die über Jahre Bestand haben. Das bestätigt auch Erich Lehmann aus Lübben: „Wir hatten früher einen Jungen bei uns. Heute ist er 25, hat selbst drei Kinder und steht nach wie vor mit uns in Kontakt. Wir haben ihn auch schon in Weißrussland besucht.“ Bärbel Pötschick ergänzt: „Das hält einen einfach jung.“

Nichtsdestotrotz muss sich der Verein nicht nur gefühlstechnisch, sondern auch biologisch verjüngen. Das weiß auch Brigida Melzer. Auch sie ist bereits 81 und sagt: „Wir brauchen Nachwuchs, der das Projekt irgendwann am Leben hält.“

Darauf hoffen sie alle. Zu wertvoll erscheint der Austausch, als dass es ihn eines Tages nicht mehr geben könnte. „Unsere Kinder aus Weißrussland können hier für 28 Tage ein anderes Leben leben“, sagt Galina Bronko vom Kinderfonds Minsk, die das Projekt von weißrussischer Seite aus organisiert. Die Region um Tschernobyl, die noch 30 Jahre danach von der Nuklearkatastrophe gezeichnet ist, weist nicht mal ansatzweise den Luxus auf, der in Deutschland vorherrscht. „Die Zustände sind dort so primitiv“, sagt Bärbel Pötschick, „nachdem ich da war, habe ich ein halbes Jahr gebraucht, um das zu verarbeiten. Das, was wir hier haben und ihnen für ein paar Wochen bieten können, ist für die Kinder wie ein Schlaraffenland.“

Die Worte von Alina zeigen das. Mit sieben Jahren kam sie das erste Mal in die Lausitz, heute ist sie 19 und sagt in perfektem Deutsch ins Mikrofon: „Wir sind dankbar für die Gelegenheit. Wir lieben euch alle.“

Der „Lübbener Kinderhilfsverein für Tschernobyl“ braucht Unterstützung. Über folgende Bankverbindung kann gespendet werden: Mittelbrandenburgische Sparkasse, IBAN: DE45160500001000783568, BIC: WELADED1PMB, Kennwort: Kinderhilfe Tschernobyl.