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| 01:20 Uhr

„Kein Mensch sollte allein sterben“

„Kein Mensch sollte allein sterben“
„Kein Mensch sollte allein sterben“ FOTO: Foto: Adi Wawro
Lübben.. Am gestrigen Neuhaustag bekam Karin Sander, ehemalige Geschäftsführerin der Lübbener Diakonie, die Neuhausmedaille verliehen. Geehrt wurde sie damit als Mitbegründerin des Hospizhelferkreises. Anerkannt wird ihr Wirken in dem Kreis seit 1994, aber auch das Engagement aller ehrenamtlicher Helfer in der Hospizbewegung. Was aber ist das genau„ Und was treibt und befähigt die Mitglieder des Hospizhelferkreises, sich so intensiv und immer wieder mit dem Tod und dem Sterben zu befassen“ Von Ingvil Schirling

Mit einem energischen „Das ist nicht so“ begegnet Karin Sander dem Gedanken, dass man doch ganz traurig werde, wenn man sich so oft mit dem Sterben beschäftige. „Es wird vielleicht das Sterben ein Stückchen normaler“ , sagt sie.Dies sind Themen, die die meisten Menschen - wenn sie die Wahl haben - lieber verdrängen. Die Krankenschwestern aber, die in der Pflege arbeiten, können das nur schwer. Und so begann die Geschichte des Hospizhelferkreises. Karin Sander erzählt: „Wir sind von Anfang an im Pflegedienst gewesen, und in der Regel pflegen wir Alte und Kranke. Die sind den Schwestern ab und an in den Armen gestorben. Das ist für die Schwestern nicht so leicht auszuhalten gewesen.“
Für sie begann Geschäftsführerin Karin Sander, eine Fortbildungsmöglichkeit zu suchen. Von 1994 an konnte das Pflegepersonal eine zusätzliche Ausbildung machen und Sterbebegleiter werden. Als solche eingesetzt wurden jedoch nicht alle, sondern nur diejenigen, die es wollten und konnten. „Sterbebegleiter sein“ , sagt Karin Sander, „heißt auch, sich um die Angehörigen zu kümmern, Kinder zu betreuen, Besorgungen zu machen, verloren gegangene Verwandschaftsbeziehungen wieder herzustellen und mehr. Es stellt sich heraus, wofür jeder geeignet ist.“
Mit der Ausbildung wurde die Begleitung für die Pflegenden zwar etwas leichter, aber beide Aufgaben zusammen brachten sie schnell an ihre Grenzen. So entwickelte sich die zweite Säule der Hospizarbeit: Ehrenamtliche Helfer, als Sterbebegleiter ausgebildet und befähigt, kleinere Handreichungen in der Krankenpflege zu machen.
Koordiniert werden beide Säulen derzeit noch ehrenamtlich von Dr. Heidi Preß. Unterstützt werden soll dies aber künftig von der Krankenkasse mit einer Viertelstelle.
„Die Jahre haben uns gezeigt, dass die Helfer immer Lernende bleiben“ , sagt Karin Sander. Man lerne viel von den Sterbenden, „denn jeder stirbt anders“ . Die Sterbegleitung hat viel mit dem Helfer selbst zu tun, denn jeder schöpft in seinem Umgang mit Tod und Sterben aus eigenen Erfahrungen. Auch Karin Sander: Eine Schwester starb, als sie ein Kleinkind war. Die Großeltern verschieden in ihrem Elternhaus. Ihre Mutter aber starb allein, im Krankenhaus, die Familie ließ man, erzählt Karin Sander, nicht hinein. „Ich habe mir geschworen: Das passiert dir nicht noch mal.“ Sie ist überzeugt: „Kein, kein, kein Mensch sollte alleine sterben müssen.“
Dem Hospizhelferkreis, den sie mit aufgebaut hat, gehören inzwischen 30 Personen an, darunter zwei Männer. Die Altersspanne reicht von 23 bis 70 Jahre. Vielleicht ein oder zwei Sterbende kann ein Helfer pro Jahr begleiten. Danach braucht jeder eine Auszeit. „Manchmal ist es ganz schwer, dann geht es lange nicht“ , sagt sie. Die Helfer können Supervision bekommen, sich aber auch an Gruppen abenden austauschen. Karin Sander selbst, die sich nicht als traurigen Menschen sieht, aber in der Sterbensbegleitung jedes Mal neu trauert, findet Trost in der Musik. „Darin kann man so viel ausdrücken“ , sagt die Kirchenchorsängerin. „Das gibt mir was.“
Bereichert habe die Arbeit sie alle. Ihre eigene Hospizarbeit geht weiter, auch im Ruhestand. „Als ich noch gearbeitet habe“ , sagt sie, „träumte ich von einem kleinen Hospiz in Lübben für diejenigen, die Zuhause nicht sterben können und im Krankenhaus nicht sterben wollen. Dafür würde ich mich gern noch mal engagieren.“

Info zum Thema Ausbildung
 Die Ausbildung zum Sterbebegleiter dauert ein bis eineinhalb Jahre. Sie findet an Wochenenden und Abends statt, hauptsächlich in Lehnin und bei der Diakonie in Lübben.