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| 01:36 Uhr

„Jazz hat nichts mit Alter zu tun“

Schlepzig/Berlin. Die Sir Gusche Band aus Berlin spielt am heutigen Samstagabend, 20 Uhr, im Brauhaus in Schlepzig Jazz vom Feinsten. Seit 1961 machen die Männer um Band-Gründer Klaus „Gusche“ Beyersdorff Musik. Die RUNDSCHAU sprach mit Tilo Wedell, Kontrabassist bei der Sir Gusche Band, über Jazz in Deutschland und eine lange Karriere als Jazz-Musiker.

Tilo Wedell, auf der Internetseite der Sir Gusche Band ist zu lesen, dass sie mit 50 Jahren die dienstälteste Jazzband Berlins ist. Stimmt das?

Ja, im ehemaligen West- Berlin sind wir es. Papa Binne und seine Jazz Band aus dem ehemaligen Ost-Berlin könnte es ein oder zwei Jahre länger geben als uns.

Ihre musikalische Stilrichtung ist der New Orleans Revival Jazz. Wie haben sich in den 50 Jahren des Bandbestehens die musikalischen Einflüsse verändert?

Eigentlich gar nicht. Unsere Musik haben wir zwar ein bisschen mit Schlagern angereichert, aber das gab es auch schon bei Louis Armstrong beispielswiese mit “Hallo Dolly„.

Während einer Reise nach New Orleans im Jahr 1967 erhielten drei Musiker der Sir Gusche Band die Ehrenbürgerschaft der Geburtsstadt des Jazz. Welche Rechte und Pflichten hat man als Ehrenbürger einer solch bekannten Stadt?

Viele meinen, dass man als Ehrenbürger steuerfrei dort leben könnte. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Wir haben die Ehrenbürgerschaft bekommen, weil wir offiziell als Botschafter des Berliner Senats dort waren, der die Reise auch gefördert hat.

Besuchen Sie als Band noch manchmal New Orleans, um sich dort musikalische Anregungen zu holen?

Unser leider verstorbener Banjospieler Lothar Brendel hat mehr als zehn Jahre lang Reisen zum dortigen Festival Anfang Mai organisiert. Einige aus der Band waren schon mehr als einmal da. Dort waren auf dem Gelände einer Pferderennbahn zwei Wochen lang auf zehn Bühnen alle Richtungen des Jazz vertreten, zum Teil mit mehr als 100 000 Zuhörern an einem Tag. Ein tolles Erlebnis, bei dem wir uns viele Anregungen für unsere Musik geholt haben.

Sie haben 1979 im ICC in Berlin ein Konzert unter anderem mit dem britischen Posaunisten, Bassisten und Sänger Chris Barber, der trendsetzend die Entwicklung eines eigenständigen britischen Jazz beeinflusst hat, eröffnet. Was zeichnet die ganz Großen im Jazz-Musikgeschäft aus?

Neben uns, die wir diese Musik als Hobby betreiben, müssen Bands wie Chris Barber professionelle Geschäftsleute sein, um davon leben zu können.

Wollten Sie als Sir Gusche Band auch einmal ganz groß herauskommen?

Nein.

Wie schätzen Sie die Situation des Jazz in Deutschland ein? Gibt es gute Jazz-Musiker?

Die Situation ist eher schlecht. Viele Musiker sind alt oder leben nicht mehr. Nachwuchs gibt es wenig.

Wie sieht es mit der Föderung des Nachwuchses aus und was für Perspektiven sehen Sie für den Jazz in Deutschland?

Gefördert werden überwiegend nur noch Festivals. In Berlin findet immer Anfang November das Jazz-Fest statt, allerdings in kleiner werdenden Rahmen. Dort wird beispielsweise nur Modern-Jazz geboten. Dixieland als eine von vielen Stilrichtungen des Jazz gilt als Gebrauchsmusik und gehört in die Frühschoppenlokale und Sportvereine. In unserem nördlichen Nachbarland Dänemark gibt es noch reine Dixieland-Festivals, auf denen wir seit vielen Jahren regelmäßig spielen, und Dresden natürlich.

Haben Sie eigentlich mal zu DDR-Zeiten beim Dixieland-Festival in Dresden gespielt?

Zu DDR-Zeiten waren wir nicht in Dresden. Da kamen nur Bands hin, die spezielle Beziehungen hatten.

Warum hört man Jazz so selten im Radio?

In den 50er- und 60er -Jahren war Jazz die Musik der Jugend, beeinflusst durch die amerikanischen Radiosender. Heute hört die Jugend andere Musik. Aber es gibt in Berlin, und ich glaube nicht nur da, einen Radiosender, da wird nur Jazz gespielt. Aber Dixieland hört man dort eher selten.

Muss man, um Jazz wirklich lieben und genießen zu können, ein gewisses Alter oder eine bestimmte Lebenseinstellung haben?

Überhaupt nicht. Jazz hat nichts mit dem Alter zu tun. Obwohl unser Publikum zwischen 60 und 70 Jahren alt ist, so wie wir auch.

Mit Tilo Wedell sprach

Thomas Seifert

Zum Thema:

Klaus “Gusche„ Beyersdorff (Klarinette), Joachim König (Trompete), Sören Pehrs (Posaune), Tilo Wedell (Kontrabaß), Oliver “Olli„ Küntzel (Banjo) seit dem Tod von Lothar Brendel im vergangenen Jahr neu in der Band, Reiner Ahrens (Schlagzeug)