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Jamlitzer Totenbuch wird erarbeitet

In diesem Jahr jährt sich die Auflösung des sowjetischen Speziallagers Nr. 6 in Jamlitz zum 60. Mal. 19 Monate lang waren dort über 10 000 Häftlinge ohne vorheriges Gerichtsurteil unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert. Die Namen von mehr als 3300 Menschen, die das Lager nicht überlebten, sollen in einem „Totenbuch“ dokumentiert werden. Von Torsten Richter

„Unser Werk soll ein Stück regionale Vergangenheitsbewältigung darstellen“ , erzählt Andreas Weigelt, Historiker und Mitautor des im Entstehen begriffenen „Totenbuches“ des sowjetischen Speziallagers Nr. 6 in Frankfurt/Oder und Jamlitz. Es sei in einer Auflage von 500 Exemplaren geplant und werde voraussichtlich am 8. September zur Gedenkveranstaltung in Jamlitz vorgestellt. Danach sei es für eine Schutzgebühr zu erwerben.
Bereits seit mehreren Jahren arbeite die Kirchengemeinde Lieberose als Träger an dem Buch. Das Projekt werde darüber hinaus durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz gefördert. Unterstützung gebe es auch von der Gedenkstätte Sachsenhausen sowie vom DRK-Suchdienst Berlin.
„Mehr als 3300 Tote, die von 1945 bis 1947 im Speziallager Nr. 6 umkamen“ , sind dokumentiert, berichtet Andreas Weigelt. Ab Mai 1945 habe dieses Lager zunächst auf der Ostseite der Oder bei Frankfurt existiert. Von dort hätten bereits die Namen von 200 verstorbenen Häftlingen Eingang ins „Totenbuch“ gefunden. Ab September 1945 sei das Speziallager von Frankfurt nach Jamlitz verlegt worden, wo es bis April 1947 bestanden habe.
In mühseliger Arbeit seien die tatsächlichen Schreibweisen der Namen der umgekommenen Gefangenen ermittelt worden, erzählt der 43-jährige Historiker Weigelt. Anfragen von Angehörigen an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) seien überprüft worden, ob sie in entsprechenden sowjetischen Unterlagen verzeichnet seien. „Bei unseren Vergleichen der deutschen mit der russischen Quelle mussten drei Kriterien identisch sein: der Name, der Vorname sowie das Geburtsdatum“ , berichtet Weigelt. Nur dann sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um ein und dieselbe Person handele. Problematisch habe sich dabei die „Rückübersetzung“ der Namen aus den Listen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD gestaltet. Immerhin sei auf diese Weise die Identität von über 1000 Personen festgestellt worden.
Darunter hätten die Forscher auch Prominente gefunden: „Zum Beispiel ist der Freiberger Bürgermeister Hartenstein im Lager Jamlitz gestorben. Er hatte zwar seine Stadt durch Kapitulation vor der Zerstörung verschont, wurde aber später als Nazi verhaftet“ , berichtet Andreas Weigelt. Ähnlich sei es dem Oberbürgermeister von Wurzen, Armin Graebert, ergangen.
Neben den Archivrecherchen seien Angehörige und Überlebende befragt worden. „Ihre Angaben sind uns besonders wertvoll“ , sagt Weigelt.
Außer den Namenslisten werde der Leser einen Aufsatz von Andreas Weigelt zum damaligen Umgang mit den Toten finden. „Die Russen haben die Totenfrage zunächst nie beantwortet. Später wurde die Bemerkung ,in der Sowjetunion verstorben' verbindlich“ , erklärt der Lieberoser Historiker. Darüber hinaus sei es äußerst schwierig festzustellen, wer im Speziallager Nr. 6 wirklich Nazi war und wer nicht. „Und ob jeder Nazi immer ein Verbrecher gewesen ist, steht noch auf einem anderen Blatt“ , sagt Weigelt. „Diese Frage wird wohl nie detailliert beantwortet werden können“ , vermutet der Lieberoser Historiker.

Hintergrund Jeder Dritte starb
 Das sowjetische Speziallager Nr. 6 bestand von Mai bis September 1945 zunächst in Frankfurt/Oder, anschließend bis April 1947 in Jamlitz. Von den rund 10 200 Häftlingen starb fast jeder Dritte an Hunger und Krankheiten. Inhaftiert waren vor allem frühere Angehörige der NSDAP in niedrigen Funktionen, informiert die evangelische Kirchengemeinde Lieberose auf der Internet-Seite www.die-lager-jamlitz.de. Darüber hinaus waren 500 Jugendliche und 800 Frauen in Jamlitz gefangen. Nach der Lagerauflösung wurden die überlebenden Häftlinge auf andere Speziallager, die teilweise wie in Mühlberg/Elbe bis Anfang 1950 bestanden, verteilt.