Von Ingvil Schirling

Mit einem lauten Zischen entweicht Luft aus einem Kessel. Wer daran schnuppern mag, riecht Zitroniges – aber irgendwie erinnert der Duft auch an Pfirsich und andere Früchte, die man auf den ersten Atemzug gar nicht so genau einordnen kann. Was da reift, ist ein Pale Ale. Das bekannte englische Brauerzeugnis ist „blass“, so die Übersetzung von „pale“, wenn man relativ helles Malz verwendet.

Jan Dehning hat die Idee dafür gemeinsam mit Braumeister Uwe Zech entwickelt. Beide arbeiten in der Gasthausbrauerei des „Seinerzeit“ in Schlepzig. Dort wird schon seit vielen Jahren Frischbier hauptsächlich für den Eigenbedarf hergestellt, seit gut vier Wochen unter ganz neuen Vorzeichen. Denn die neuen Eigentümer des Komplexes aus Hotel, Restaurant und Brauerei haben ihre umfangreichen Investitionen mit einem Hopfenturm gekrönt, der Anfang Juli eröffnet wurde. Mit ihm wird nicht nur der Traum wahr, der Nachfrage entsprechend deutlich mehr Bier brauen zu können als bisher, sondern auch der, mit Lust und Leidenschaft Eigenkreationen zu entwickeln.

Nicht schrill, aber außergewöhnlich

Lust und Leidenschaft sind überhaupt das wichtigste an der Arbeit als Brauer und Mälzer, sagt Jan Dehning. Wer sich Bierbrauer mit dicken Bauch und Schürze vorstellt, unablässig in Kupferkesseln rührend, wird mit ihm mit einer ganz anderen Wirklichkeit konfrontiert. Der 23-Jährige aus Fürstenwalde ist drahtig und agil und ein „Eigengewächs“ der Brauerei, hat hier seine Lehre gemacht und arbeitet nun eng mit Uwe Zech zusammen, der aus der Schlepziger Brauerei nicht wegzudenken ist.

Lust, Leidenschaft und Pale Ale also. Zwickel, Pilsener, dunkles und helles Hefeweizen, dazu saisonal Maibock und Oktoberbier stehen fest auf der Karte der Brauerei. Im neuen Hopfenturm aber setzten sich Zech und Dehning zusammen und philosophierten gemeinsam, was für sie ein gutes, passendes Bier wäre. Etwas Überraschendes gegenüber dem doch eher konservativen Biergeschmack auf dem Lande, wie auch Marketing-Koordinatorin Victoria Haak es einschätzt, aber lange nicht so Schrilles wie die Schoko-Chili- und Melonenbiere der Metropolen dieser Welt. Herausgekommen ist etwas Kühles, Blasses. Die beiden entschieden sich für Zitrahopfen mit seiner fruchtig-herben Note, der jetzt schon am Duft deutlich erkennbar ist. Doch was wirklich bei diesem kreativen Experiment herauskommt, wird sich erst kommende Woche zeigen. Ob die erfrischende Hommage an den Sommer und die fruchtig-bittere Essenz einer Hopfenkaltschale beim breiten Publikum ankommt, dürfte spannend werden.

95 % kommen wegen des Bieres

Auch die beiden Brauer fiebern mit. Tester gibt es genug, kommen doch etwa 95 Prozent der Gäste des Bieres wegen in die Brauerei. Und als diese kurzzeitig nicht brauen konnte, weil der Hopfenturm entstand und das „Seinerzeit“ zeitweise auf eingekaufte Biere umsteigen musste, habe es enttäuschte Kommentare gegeben, sagt Victoria Haak. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Hopfenturm steht. Die erste Eigenkreation ist im abschließenden Reifeprozess. Kommende Woche können Bierliebhaber und die beiden Brauer das Ergebnis ihrer Lust und Leidenschaft als „kühles Blasses“ – hoffentlich – genießen.