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| 18:27 Uhr

Ärger mit einem ungewollten Nachbarn
Hör mal, wer da baggert

Ingo Nitschke ist selbst Vodafone-Kunde und deutet auf sein Mobiltelefon – auch ohne neuen Funkturm hat er bereits vollen Empfang.
Ingo Nitschke ist selbst Vodafone-Kunde und deutet auf sein Mobiltelefon – auch ohne neuen Funkturm hat er bereits vollen Empfang. FOTO: LR / Steven Wiesner
Staakow. Ingo Nitschke wehrt sich gegen einen Vodafone-Funkturm, der ohne sein Wissen vor seinem Haus gebaut werden soll. Der Netzbetreiber aber verweist auf einen Auftrag, der von niemand geringerem als der Regierung erteilt wurde. Von Steven Wiesner

„Ich bin kurz vorm Nervenkoller“, sagt Ingo Nitschke. Und selbst wenn er sich nicht ständig wiederholen würde, würde man es merken. Es ist der Hilferuf eines Menschen, der nicht mehr weiter weiß. Der 53-Jährige aus Rietzneuendorf-Staakow ist schwerbehindert, seine Wirbelsäule wird nur noch von Schrauben zusammengehalten, und seit sieben Jahren verhindert eine Morphinpumpe in seinem Körper Schlimmeres. Er bildet eine Wohngemeinschaft mit seiner 92-jährigen Oma, die im Rollstuhl sitzt und pflegebedürftig ist. Und jetzt versucht er auch noch, gegen ein Multimilliarden-Euro-Unternehmen anzukämpfen. „Ich laufe Achten“, sagt Nitschke.

Der Grund für seine Aufregung ist ein Funkturm der Vodafone GmbH, der 35 Meter von seinem Haus entfernt entstehen soll. Der Telekommunikationskonzern mit Sitz in Düsseldorf plant, in einer bundesweiten Maßnahme Funklöcher zu stopfen. Auch hier in Staakow. Für Ingo Nitschke kein Argument, das Gewicht hat. „Das können die gerne machen, aber warum direkt vor meiner Tür?“, fragt er. „Es gibt hier Ecken im Umkreis von fünf Kilometern, da würde so einen Turm gar keiner mitkriegen. So ist das nur rotzfrech und pure Provokation.“

Der Invalide will sich nicht mit seinem neuen Nachbarn abfinden und einen Aufruf starten. „Der Profitgier und dem Diktat des Kapitals wird alles untergeordnet, als Mensch existierst du gar nicht mehr“, sagt er. „Aber noch haben wir das Grundgesetz und Artikel 1.“ Er hat auch schon Klage beim Verwaltungsgericht Cottbus eingereicht. Aktuell stoppt der Bau, obgleich das Fundament erahnen lässt, was hier für ein 50-Meter-Turm entstehen soll. Nitschke: „Das wird ein Monster.“

Am meisten ärgert er sich aber, dass er nie darüber in Kenntnis gesetzt worden ist, was hier geplant ist. „Alles lief hinter meinem Rücken ab“, sagt er. Im Mai seien die ersten Bagger vorgefahren und hätten ihn aus dem Schlaf gerissen. „Da wirst du morgens wach und hast einen Turm vor der Tür stehen. Das kann nicht sein! Ich wusste zunächst nicht mal, wer dahinter steckt.“

Ein Vorwurf, der sich auch gegen die Kommune und den Landkreis richtet. Denn nach Rücksprache mit der Gemeinde und Bürgermeister Andreas Andrack sei Ingo Nitschke versichert worden, dass es keine Baumaßnahme vor seinem Grundstück geben würde. Andrack bestätigt das, verweist aber auch auf „eine Verkettung dummer Sachen“ und „ungeklärte Eigentumsverhältnisse“ und sagt: „Eigentlich war die Sache schon vom Tisch.“ Doch die Sache scheint eben auch kompliziert zu sein. Andrack: „Der Bauantrag wurde schon vor sechs oder sieben Jahren gestellt. Damals hatte keiner etwas dagegen.“ Ingo Nitschke besitzt aber auch erst seit vier Jahren eine Generalvollmacht für das Grundstück seiner Großmutter.

Die Baugenehmigung ist trotzdem erteilt und auf die bezieht sich auch Vodafone: „Da die Behörden im Landkreis Dahme-Spreewald nach sorgfältiger Prüfung die Genehmigung erteilt hatten, hat Vodafone mit der Errichtung der Mobilfunk-Station begonnen“, schreibt Konzernsprecher Volker Petendorf. Dem vorausgegangen sei ein Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahr 2015, der die drei Netzbetreiber Telekom, O2 und Vodafone verpflichtete, alle ICE-Strecken und Autobahnen bis zum 31. Dezember 2019 mit der neuesten Mobilfunk-Technologie LTE zu versorgen. „Um dies zu erfüllen, erweitert Vodafone seine Infrastruktur an der A13 an zehn Stellen. Der Standort in Rietzneuendorf-Staakow ist fundamentaler Bestandteil dieses Programmes.“

Die beiden ähnlichen Türme, die bereits auf der anderen Seite der Autobahn stehen, könnten diese Versorgung nicht mehr erfüllen, begründet Volker Petendorf weiter. „Wir machen das nicht aus Lust und Laune.“ Ingo Nitschke will trotzdem weiter kämpfen: „Wenn hier fünf seltene Frösche leben würden, hätte es nie eine Baugenehmigung gegeben. Aber bei behinderten Menschen wird keine Rücksicht genommen. Ich bin kurz vorm Nervenkoller.“

Ingo Nitschke wohnt hier mit seiner 92-jährigen, pflegebedürftigen Oma.
Ingo Nitschke wohnt hier mit seiner 92-jährigen, pflegebedürftigen Oma. FOTO: LR / Steven Wiesner
500 Meter von Nitschkes Grundstück entfernt steht bereits ein Funkturm.
500 Meter von Nitschkes Grundstück entfernt steht bereits ein Funkturm. FOTO: LR / Steven Wiesner