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| 18:03 Uhr

80 Jahre Pogromnacht
Kein Verblassen der Erinnerung

Der Stolperstein für Johanna Wolff ist in der Lübbener Hauptstraße zu finden, wo sie mit ihrem Mann ein Warenhaus hatte. Nach der Putzaktion am Freitag wird er wieder messingfarben glänzen. Sie soll ebenso die Erinnerung an Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus auffrischen.
Der Stolperstein für Johanna Wolff ist in der Lübbener Hauptstraße zu finden, wo sie mit ihrem Mann ein Warenhaus hatte. Nach der Putzaktion am Freitag wird er wieder messingfarben glänzen. Sie soll ebenso die Erinnerung an Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus auffrischen. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Lübbener Bürgermeister und Landrat rufen für Freitag zu Putzaktion für Stolpersteine auf. Von Ingvil Schirling

Zum 80. Mal jähren sich am Freitag die Novemberpogrome. Vom 7. bis 13. November, besonders in der Nacht zum 10., wurden von Nationalsozialisten hunderte Juden ermordet und tausende jüdische Geschäfte, Wohnungen und Einrichtungen zerstört. Im Gedenken an die Lübbener Juden sollen am Freitag die in der Stadt verlegten Stolpersteine in einer Gemeinschaftsaktion gereinigt werden. Dazu rufen Lübbens Bürgermeister Lars Kolan und Landrat Stephan Loge (beide SPD) mit weiteren Akteuren wie dem LDS-Kulturdezernenten Carsten Saß (CDU) und dem Lübbener Jörg Asshoff auf. Treffpunkt ist um 17 Uhr vor dem Rathaus.

„Im vergangenen Jahr hatten die Lübbener Künstlerin Karen Ascher sowie Carsten Saß die Steine gereinigt“, heißt es in der Mitteilung. Zuvor hatten Mitglieder des Lübbener Forums gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus die Steine gereinigt. Nun sind weitere Lübbener eingeladen, sich daran zu beteiligen.

„Damit wollen die Initiatoren daran erinnern, dass jüdisches Leben einmal selbstverständlich zu Lübben gehörte. Sie rufen dazu auf, Vielfalt – egal ob bei Herkunft, Lebensform oder Glauben – als Bereicherung wahrzunehmen und anzuerkennen“, heißt es weiter.

Die ersten drei Stolpersteine hatte der Künstler Günter Demnig in Lübben 2004 vor dem heutigen Asklepios-Fachklinikum verlegt, um die Erinnerung an drei Jugendliche wachzuhalten, die von den Nationalsozialisten getötet worden waren. 2008 verlegte er unter anderem in der Hauptstraße und Am Schutzgraben weitere Steine, initiiert vom Lübbener Forum gegen Gewalt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

In eine Oberfläche aus Messing ist der Name des oder der Ermordeten sowie Lebensdaten und eine Information zu Leben oder Wohnort eingearbeitet. Der Stein wird bündig in das Pflaster eingelassen, meist vor dem letzten Wohn- oder Arbeitsort des Ermordeten.

Bei der Putzaktion am Freitag geht es vom Rathaus aus zu den Stolperstein-Orten. Mitzubringen sind Schwämmchen oder Bürsten, Läppchen, Taschenlampen sowie Teelichter, heißt es in dem Aufruf weiter. Diese sollen im Anschluss an die Reinigung während einer Gedenkminute angezündet werden.

Mit der Reichspogromnacht, wie die Novemberpogrome auch genannt werden, hatte sich im Vorfeld ebenso der 21-jährige Lübbener Wilhelm Tarnow beschäftigt. Er ist Schatzmeister bei den Lübbener Schützen und Schiedrichter beim Fußball. Auf Basis eines Heftes über das jüdische Leben in Lübben, das das Forum mit der Spreewaldschule 2009 erarbeitet hatte, las er sich in die Geschichte ein und wandte sich mit seinen Erkenntnissen an die RUNDSCHAU. Er will dazu beitragen, dass sich solche Ereignisse auch nicht im Ansatz wiederholen, und auf die Bedeutung von Glaubens- und Religionsfreiheit, heute im Grundgesetz verankert, aufmerksam machen.

In der Nacht zum 10. November 1938 wurde die Lübbener Synagoge zerstört. „Der Chef der Geheimen Staatspolizei Heinrich Müller hatte mittels einer geheimen Mitteilung auch seine Dienststelle in Lübben informiert“, erinnert Wilhelm Tarnow. „Der Auftrag lautete, in kürzester Frist Aktionen gegen Juden, insbesondere gegen Synagogen, stattfinden zu lassen. Ein Brandstifter hatte im Gebäude Feuer gelegt.“

Die Lübbener Feuerwehr rückte aus, um den Brand zu löschen. Der Einsatz dauerte etwa zwei Stunden und verhinderte, dass das Feuer auf die benachbarten Gebäude übergriff. Die Wehr wurde für ihr Eingreifen gelobt, aber auch kritisiert.

Lübbens Synagogengemeinde war im Jahre 1857 amtlich anerkannt worden. Heute befindet sich ein Gedenkstein sowie ein gepflasterter Davidstern im Innenhof zwischen der Hauptstraße und der Kirchstraße.