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| 02:52 Uhr

Immer mit dieser Sehnsucht

Erinnerung an eine bedeutende Dichterin: Ute Henschel aus Lübbenau (l.) und ihre Schwester Anne Christin Equitz stellten die niedersorbische Schriftstellerin und Publizistin Mina Witkojc vor.
Erinnerung an eine bedeutende Dichterin: Ute Henschel aus Lübbenau (l.) und ihre Schwester Anne Christin Equitz stellten die niedersorbische Schriftstellerin und Publizistin Mina Witkojc vor. FOTO: Thomas Seifert
Lübben. Die Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur Cottbus hat an die niedersorbische Schriftstellerin und Publizistin Mina Witkojc (1893 bis 1975) erinnert. Aus Anlass ihres 120. Geburtstages im Mai dieses Jahres sprach Dozentin Ute Henschel vor einigen Tagen im Lübbener Rathaus über die Frau, die nicht nur eine der bedeutendsten sorbischen Dichterinnen war, sondern auch mit ihrem Werk über die Grenzen der Lausitz und Deutschlands hinaus bekannt wurde. Thomas Seifert

Mit Ute Henschel konnte die Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur Maria Elikowska-Winkler eine Kennerin der Geschichte, Kunst und Literatur sowie Sprache der Sorben (Wenden) gewinnen. Henschel ist studierte Ethnografin und kennt sich mit sorbischen (wendischen) Bräuchen, Sitten und Trachten im Spreewald bestens aus. Zudem ist sie Mitglied der Lübbenauer Folkloregruppe "Lokasina", in der sie gemeinsam mit ihrer Mutter Christel Lehmann-Enders und ihren Schwestern Anne Christin und Katrin schon seit vielen Jahren Lieder in sorbischer (wendischer) Sprache singt. In diesem Jahr feierte die musikalische Familie das 30jährige Bestehen ihrer Folkloregruppe.

Schwester Anne Christin Equitz ist mit nach Lübben gekommen, und hat ihre Gitarre dabei. Zum gesprochenen Wort gibt es die passenden Lieder. Die etwa 20 Besucher hören aufmerksam zu. Unter ihnen ist Rentner Eckard Noack aus Lübben, der die Vortragsreihen zum Niedersorbischen regelmäßig besucht. Als studierter Kulturwissenschaftlicher weiß er um die Bedeutung von Mina Witkojc. Und so kann er der Begrüßung von Herbert Schirmer, ehrenamtlicher Sorbenbeauftragter der Landkreises Dahme-Spreewald, nur zu stimmen: "Es ist ein schöner stimmungsvoller Ausklang der diesjährigen Vortragsreihe mit einer Autorin, die höchst originell war."

Eine Frau mit Ausstrahlung. Eine Frau mit einem markanten Gesicht. Eine Frau - feministisch und weltoffen. Viele Beschreibungen passen zu Mina Witkojc. Ute Henschel hat sie in verschiedenen Lebensabschnitten skizziert, biografische Daten gesammelt und zusammengefasst, läuft den Lebensweg der Dichterin und Publizistin chronologisch ab: Geburt am 28. Mai 1893 in Burg, ärmliche Kindheit und Schulzeit im Spreewald, erste Begegnung mit Literatur der Klassiker wie Goethe, Schiller und Herder in der Burger Bibliothek, später Dienstmädchen in Berlin, Blumenbinderin, Arbeit in der Rüstungsindustrie und Tagelöhnerin in Burg. Wirtschaftliche und persönliche Probleme begleiteten Mina Witkojc ein Leben lang. All das prägte sie und schärfte ihren Blick für das Leben der Anderen.

An Wendepunkten liest Ute Henschel die Lyrik von Mina Witkojc. In ihren Gedichten drückt sie ihre Verbundenheit zu ihrem sorbischen Volk und ihrer Heimat, dem Spreewald, aus. "Liegt auf der Erde die Maiennacht" ist nur eines von mehr als 150 Gedichten, die sie schrieb. Sie werden regelmäßig verlegt beispielsweise in dem Gedichtband "Echo aus dem Spreewald". Ute Henschel: "Sie ist zur sorbischen (wendischen) Bestseller-Autorin geworden."

"Sie hatte schon als junges Mädchen eine stimmgewaltige Sprache, die sie nutzte, um der Einsamkeit zu entfliehen", so die Dozentin.

Ein Wendepunkt im Leben der jungen Mina Witkojc war die Begegnung mit einer Gruppe tschechischer und obersorbischer Intellektueller. Die traf sie zufällig im Zug nach Burg. Danach war alles anders. Sie wurde sich ihrer wendisch/niedersorbischen Nationalität bewusst, zog daraufhin nach Bautzen, wo sie von 1923 bis 1933 an der niedersorbischen Zeitung Serbski Casnik mitarbeitete, dem Vorläufer des heutigen Nowy Casnik. Als Redakteurin war sie viel in der Lausitz unterwegs und erlebte ihr Volk. "Sie erzählte die Geschichten der Menschen im Spreewald", sagt Ute Henschel. Ihr Erlebnisse beschrieb sie in Gedichten und Texten.

Dann die Vertreibung. 1933 erhielt Mina Witkojc durch die Nationalsozialisten Schreibverbot, ein paar Jahre später Aufenthaltsverbot. Sie war gezwungen, die Lausitz zu verlassen.

Erst im Jahr 1954 ließ sie sich als freischaffende Schriftstellerin wieder in ihrem Heimatdorf Burg nieder. Ihre letzten Monate verlebte sie bis zu ihrem Tod am 11. November 1975 im Altersheim in Papitz bei Cottbus.

Das Grab von Mina Witkojc befindet sich auf dem Friedhof in Burg. Ute Henschel: "Sie lebte gegen die Norm - immer mit dieser Sehnsucht."