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"Im Mai war das Budget erfüllt"

Goyatz. Wer bisher in die Allgemeinmedizinische Praxis von Dr. Konrad Ulrich in Goyatz kam und zur Linderung seiner Beschwerden eine physiotherapeutische Behandlung wünschte, erhielt bei entsprechender Diagnose auch eine Verordnung. Ingvil SchirlingUnd Ingrid Hoberg

"Physiotherapie bringt ohne Medikamente Linderung", sagt der Allgemeinmediziner aus beruflicher Erfahrung. Doch in diesem Jahr wird in der Goyatzer Praxis noch strenger als bisher abgewogen, wenn Physiotherapie oder auch Logopädie in Anspruch genommen werden sollen. Dr. Ulrich verweist auf LR-Nachfrage darauf, dass er in den Jahren zuvor zu viel verschrieben habe. Das sei ihm bei einer Prüfung des Jahres 2015 zur Last gelegt worden. Das werde auch für 2016 zu erwarten sein, wenn diese Prüfung ansteht. "Im Mai ist bereits das Budget für 2017 erfüllt gewesen", erklärt er, warum nun auf die Bremse getreten werden musste. Seitdem könne er nur noch für die Fälle eine Behandlung verschreiben, die auf der Liste der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) stehen. "Jeder einzelne Fall muss begründet werden", sagt der Allgemeinmediziner, der auch einige Jahre in England praktizierte, ehe er die Praxis des Vaters in Goyatz übernahm. "Dort hatten wir einen Physiotherapeuten selbst angestellt und konnten dementsprechend verordnen", sagt Dr. Konrad Ulrich.

Auf das Problem hatte ein RUNDSCHAU-Leser aufmerksam gemacht. Dass das Ausstellen von Physiotherapie-Rezepten an Grenzen stößt und oft mehr gewünscht wird, wird in anderen Praxen bestätigt. Dabei liegt der Spagat genau zwischen dem, was der Patient als Bedarf empfindet, und dem, was der Arzt diagnostiziert - unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit.

Geregelt sei die Verordnung von Heilmitteln wie Physiotherapie-Rezepten in einer Richtlinie, erklärt Gabriele Rähse als Sprecherin der AOK Nordost. "Die Verordnungsmenge richtet sich ausschließlich nach dem medizinischen Erfordernis des jeweiligen Patienten", unterstreicht sie. "Danach ist die Anzahl der Heilmittelverordnungen grundsätzlich unbegrenzt." Sei die im Regelfall zur Erreichung des Therapieziels vorgegebene Verordnungsmenge erreicht, könne der Arzt Verordnungen darüber hinaus ausstellen, wenn er die medizinische Notwendigkeit im Einzelfall entsprechend begründet.

Beachtet werden müsse aber auch die Wirtschaftlichkeit. "Bei der Verordnung von Heilmitteln müssen sich die Vertragsärzte an das gesetzlich normierte Wirtschaftlichkeitsgebot halten", sagt Gabriele Rähse. Dies gelte im Übrigen auch für alle anderen medizinischen Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden. "Die Prüfung einer wirtschaftlichen Verordnungsweise der Vertragsärzte erfolgt in der gesetzlichen Krankenversicherung durch unabhängige Prüfgremien."

Bei einer "Auffälligkeitsprüfung", so heißt es weiter, werden Rezepte bei bestimmten Krankheiten ebenso herausgerechnet wie Verordnungen aufgrund von langfristigem Bedarf. So könnten Vertragsärzte "entlastet" werden. Die Prüfgremien entscheiden aber auch, ob der Arzt gegen das Wirtschaftlichkeitsgebot verstoßen hat und welche Maßnahmen ergriffen werden, geht aus der Antwort von Gabriele Rähse weiter hervor.

In strittigen Fällen würden diese Grundsätze den Versicherten erläutert - die sich bei Beschwerden auch an die Kassenärztliche Vereinigung wenden können. Diese wiederum räumt ein: "Generell sind Vertragsärzte nicht in der Anzahl von Rezepten, sondern finanziell gedeckelt." Das mag unterm Strich auf dasselbe herauskommen - je nachdem, wie gerechnet wird. Auch Sprecher Christian Wehry weist auf das Wirtschaftlichkeitsgebot hin, dem die Vertragsärzte nach dem Sozialgesetzbuch V verpflichtet sind: "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten", heißt es dort. Die Einschätzung, ob und welche Physiotherapie erforderlich ist, obliege dem Vertragsarzt und nicht dem Patienten, unterstreicht er.

Ärzte, die sich beim Verschreiben von Rezepten in diesen Fällen unsicher seien, könnten sich an die Abrechnungsberatung der KV Berlin-Brandenburg wenden. Patienten wiederum können auf die Unabhängige Patientenberatung zugehen.