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"Ich will weg von der Saison im Spreewald”

Kahnfahrten sind der Klassiker im Spreewald – und ein Alle-Jahreszeiten-Programm.
Kahnfahrten sind der Klassiker im Spreewald – und ein Alle-Jahreszeiten-Programm. FOTO: Jan Gloßmann
Interview der Woche. Es geht wieder los – Saisonstart im Spreewald, der keiner mehr sein soll. Das beliebte Reisegebiet will sich als Ziel für Urlaub zu jeder Jahreszeit profilieren. "Ich will weg von der Saison", sagt Annette Ernst, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Spreewald.

Der Spreewald steht für Idylle, aber mit der Ruhe dürfte es erstmal vorbei sein - die Saison beginnt.
In gewisser Weise ja, aber genau genommen geht die Saison in Frühling und Sommer über. Man kann im Spreewald zu jeder Jahreszeit Urlaub machen und sich erholen. Und das wird immer besser angenommen, wie die jüngsten Zahlen zeigen.

Warum sollten die Leute in diesem Jahr in den Spreewald kommen?
Für mich ist die Natur immer wieder das überzeugendste. Man fühlt sich hier geborgen, gut aufgehoben, wie in einer Nussschale. Man kann bei sich selbst sein.

So eine Nussschale kann schnell ins Schwanken geraten.
Aber nicht, wenn wir die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Natürlich brauchen wir die Infrastruktur, wobei ich da gern ein Stückchen zurück zur Natur möchte.

Das müssen Sie erklären.
Fragt man die Leute, erzählen sie von der Natur und von der Bewegung, Sie fahren Rad, fahren Paddelboot oder im Kahn. Und mit etwas weniger Asphalt auf den Wegen sind diese für die Radfahrer dennoch gut und sogar noch besser fürs Wandern geeignet. Das ist durchaus ein Trend, nicht jeder will mehr hohe Berge raufklettern oder Serpentinen heraufkraxeln.

Aber erstmal müssen die Gäste ja bis zu den Wegen kommen.
Ja, für die Infrastruktur muss Geld da sein. Wir machen uns da jetzt Gedanken über ein Verkehrskonzept für den Spreewald, das die Elektro-Mobilität einschließt. Denn viele Gäste kommen mit dem Zug in den Spreewald. Und wie fahren sie dann weiter? Vielleicht mit dem E-Bike, mit Elektroautos auf Leihbasis oder einem Rundbus durch die Region.

Sie träumen.
Nein, daran wird gearbeitet. Fast die Hälfte der Berliner hat kein Auto. Diese Leute wollen wir dennoch hier haben, sie aufnehmen. Dazu brauchen wir ein Netz, wie man nach dem Zug mit Rad, Kahn oder Bus weiterkommt. Aber ich bin auch so verbindlich, das ich sage: Entweder es kommt bald was heraus, oder man verwendet keine Zeit mehr drauf.

Letztlich scheitern solche Ideen meist am Geld.
Man muss es durchdenken und schauen, ob Unternehmen oder die drei Landkreise einsteigen. Es gibt auch mit der Uni in Cottbus Kontakte, und da gibt es Know how aus der Region. Außerdem bietet sich die Verknüpfung an zwischen dem Alltags- und dem Urlauberverkehr. Die Beschäftigten wollen zur Arbeit kommen, die Leute zum Arzt oder zum Einkauf, die Gäste zu ihren Zielen. Man kann da sehr viel schaffen.

Sie sind als Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Spreewald jetzt ein gutes halbes Jahr im Amt. Schon ernüchtert?
Ich liebe diese Region, diese Geborgenheit, diese Mystik, das Verwunschene der Landschaft. Das den Leuten zu zeigen ist eine tolle Aufgabe. Und wer die Gäste bei den Messen erlebt, der weiß, es ist nicht schwer, die Leute zu überzeugen, wenn sie erstmal an unserem Stand sind.

Das sind vermutlich die Krimi-Fans.
Durchaus. Es ist schon erstaunlich, wie viele Besucher uns ansprechen, was sie da im Fernsehen gesehen hätten von der Landschaft. Manchem Spreewälder mag das zu viel Mystik sein.

Sie haben der Spreewald-Werbung ein deutlich luftigeren Auftritt verpasst. Wollten Sie eine gewisse Biederkeit und Gewohnheit abstreifen?
Zuallererst ging es darum, das Natürliche, Luftige, aber auch Geheimnisvolle, das Wohltuende des Spreewaldes hervorzuheben. Das moderne Design heißt nicht, dass wir die Traditionen außen vor lassen. Das greift ineinander. Die Tracht und das Wendische wird man immer erkennen. 90 Prozent unserer Besucher bei den Tourismusmessen haben sich von der neuen Werbung angesprochen gefühlt und uns die Schulnote 1,5 gegeben. Und was die Leute weitererzählen, ist die beste Werbung.

Oft ist es so, dass lieber kritisiert wird und sich so etwas herumspricht. Wie wollen Sie da gegensteuern?
Mit Qualität. Zunächst aber, die übergroße Mehrheit der Gäste fährt zufrieden nach Hause und kommt dementsprechend wieder. Das ist jedoch kein Selbstläufer. Wenn sich Gastronomen oder Kahnfährmänner nichts Neues einfallen lassen, dann kommen die Leute zwar zu den üblichen Touren, aber ob die Zufriedenheit wächst, hm.

Sie wollen einerseits die Zahl der Gäste steigern, also Masse, andererseits mehr Klasse. Wie passt das zusammen?
Zuerst einmal sind viele Gäste bereit, etwas mehr zu zahlen, wenn die gebotene Leistung stimmt. Das tut es leider nicht immer. Originalität wird sich durchsetzen, wer nur auf Masse geht, wird es künftig schwerer haben. Wir brauchen natürlich die Busgruppen, aber auch für die immer bessere Qualität. Und wir wollen Angebote stricken für neue Gäste.

Die dann den Spreewald überrennen.
Sicher gibt es einzelne Wochenenden und Feiertage im Frühjahr und Sommer, da ist es recht voll. Aber ich will weg von der Saison. Unser Ziel ist ein längerer Aufenthalt zu allen Jahreszeiten. Auch Herbst und Winter haben so viele schöne Seiten. Im Dezember hatten wir ein Übernachtungsplus von gut elf Prozent, im Januar waren es zehn. Wenn wir dahin kommen, wird der Spreewald nicht zertrampelt. Ich habe mich riesig gefreut, dass das Schlosshotel Lübbenau mit genau solch einem Angebot den Brandenburger Tourismuspreis gewonnen hat. Total cool. Zudem wurde der Louisenhof in Burg auf der ITB mit dem Marketing-Award "Leuchttürme der Tourismuswirtschaft" für das Land Brandenburg ausgezeichnet. Dort sind zum Beispiel alle Zimmer und der Wellnessbereich attraktiv gestaltet und barrierefrei zugänglich. Das sollte allen Mut machen, auf diesem Weg weiter zu gehen. Zudem gibt es viele Möglichkeiten, in der Region zusammenzuarbeiten. Cottbus hat viele Hotelkapazitäten, von denen man zur Spreewaldtour aufbrechen kann. Gleichzeitig freuen wir uns über Angebote wie in Calau oder Luckau für Ausflüge, die dazu beitragen können, dass die Gäste länger bleiben. Viele Leute investieren in ihre Häuser, das sehen wir an den aktualisierten Interneteinträgen. Sie haben verstanden, dass sie mehr bieten müssen, um Gäste zu binden. Und wir habe das durchaus einen Vorsprung vor anderen Regionen, den wir halten sollten.

Ist dieser Vorsprung nicht in großer Gefahr, wenn jedes Jahr ein Hochwasser oder die Verockerung der Spree droht?
Als Verband sind wir da vorbereitet. Die Gäste dürfen nicht denken, dass sie nicht kommen können, wie das im vergangenen Jahr zeitweise der Fall war. Schließlich ist nicht der Spreewald verockert, und es gibt auch bei Hochwasser keinen Grund, den Urlaub abzusagen. Wir wollen da deutlich differenzierter vorgehen und informieren. Das ist das, was wir als Touristiker leisten können.

Im Lausitzer Seenland werden Millionen investiert, andere sagen verpulvert oder versenkt, für das Gewässernetz. Neidisch, was da alles geht?
Nein, auch wenn wir Geld hier immer auch gebrauchen können. Als Touristiker setze ich lieber auf Zusammenarbeit und gegenseitiges Ergänzen. Im Seenland entsteht Großartiges. Wir werden die Vorzüge des Spreewaldes natürlich immer besser darstellen müssen. Mit der Internationalen Naturausstellung in der Lieberoser Heide oder einer Biosphäre Niederlausitz gibt es grandiose Ideen und riesige Entwicklungschancen. Schließlich haben wir mit dem Biosphärenreservat Spreewald ein Pfund. Wir können aus eigener Kraft besser werden.

Mit Annette Ernst

sprach Jan Gloßmann

Zum Thema:
Das Reisegebiet Spreewald ist nach dem Seenland Oder-Spree das beliebteste Ziel in Brandenburg. Im vergangenen Jahr verbuchte die Branche etwa 1,45 Millionen Übernachtungen, ein leichtes Plus von 1,4 Prozent gegenüber 2012. Allerdings sind dabei nicht die Gäste mitgerechnet, die in einer der Herbergen oder Pensionen nächtigten, die weniger als zehn Betten haben und somit aus der Statistik fallen. Als Ziel für Tagesausflügler erfreut sich der Spreewald ungebrochener Popularität.

Zum Thema:
Annette Ernst ist Spreewälderin. Geboren 1970 in Burg, studierte sie Betriebswirtschaft und Marketing und war sieben Jahre Verkaufsdirektorin im Holiday-Inn-Hotel in Cottbus, später in leitender Funktion bei der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH (TMB) sowie Direktorin für Kommunikation und Marketing im Filmpark Babelsberg.

Zum Thema:
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