ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:42 Uhr

Drei Lübbener mit Migrationshintergrund erzählen
„Ich kann verstehen, wie es Özil geht“

Deutsch? Türkisch? Oder beides? Nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan ist eine bundesweite Debatte um Fußball-Nationalspieler Mesut Özil ins Rollen gekommen, die in seinem Rücktritt mündete.
Deutsch? Türkisch? Oder beides? Nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan ist eine bundesweite Debatte um Fußball-Nationalspieler Mesut Özil ins Rollen gekommen, die in seinem Rücktritt mündete. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd
Lübben. Wie erleben Menschen mit Migrationshintergrund   die Debatte um Mesut Özil? Die RUNDSCHAU hat mit drei Lübbenern gesprochen. Über zwei Herzen in der Brust, Integration und Rassismus.

Was ist deutsch? Wann ist man deutsch? Warum können einige nicht akzeptieren, dass es Menschen mit multikulturellen Stammbäumen gibt? Und haben wir jetzt wieder ein Rassismus-Problem in Deutschland? Die Causa Mesut Özil hat viele Fragen aufgeworfen. Der mittlerweile zurückgetretene Nationalspieler erklärte in einem offenen Brief: „Viele kritisieren nicht meine Leistung, sondern meine türkische Abstammung. Das überschreitet eine persönliche Linie, die niemals überschritten werden sollte.“ Wie aber nehmen andere Menschen mit Migrationshintergrund das Deutschland wahr, in dem wir alle zusammen leben? Fühlen sie sich integriert und akzeptiert? Schwingen ihnen ähnliche Ressentiments und Vorurteile entgegen, wie sie Özil beschreibt? Und wie lebt es sich eigentlich mit zwei Herzen in der Brust? Drei Lübbener erzählen:

Natalya Zimina
Natalya Zimina FOTO: Evangelischer Kirchenkreis / Franziska Dorn

Natalya Zimina (35) ist gebürtige Usbekin und lebt seit 14 Jahren in der Lausitz, zunächst in Luckau-Uckro und seit 2006 in Lübben. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin im Migrationsfachdienst vom Diakonischen Werk.

„Ich verstehe nicht, warum das Thema um Mesut Özil so wichtig gemacht wird. Ich glaube, wir haben andere Probleme in der Welt mit den Kriegen in Syrien oder Libyen. Solche Themen lenken eigentlich nur ab von dem, was in der Welt passiert. Ich kann aber verstehen, wie es Özil geht. Auch ich trage zwei Herzen in der Brust, obwohl ich seit vier Jahren nur noch die deutsche Staatsbürgerschaft besitze. Seine Heimat oder die der Eltern kann man einfach nicht aus dem Leben löschen. Ich fühle mich trotzdem sehr wohl in Lübben, habe ein Haus gebaut und möchte auch hier bleiben mit meiner Familie. Mit Rassismus habe ich persönlich auch noch nie zu tun gehabt. Ich bekomme aber mit, dass Menschen mit Migrationshintergrund, die unsere Beratungsstelle aufsuchen, durchaus andere Erfahrungen machen und sogar von Gewalttaten berichten – auch in Lübben. Das macht mich genauso ängstlich wie die stärker werdende rechte Szene in Deutschland um die AfD. Man muss dazu aber auch sagen, dass Rassismus kein rein deutsches Problem ist. Den gibt es leider überall, auch zwischen Russland und Usbekistan. Mit dem Unterschied, dass man hier in Deutschland wenigstens darüber spricht.“

Walder Alves Ferreira
Walder Alves Ferreira FOTO: FuPa Brandenburg

Walder Alves Ferreira (36) ist gebürtiger Brasilianer mit portugiesischer Staatsbürgerschaft. Vor neun Jahren kam er als Fußballer nach Deutschland und spielte unter anderem für die TSG Lübbenau und GW Lübben.

„Das ganze Theater um Özil hat viel Kindergarten-Mentalität. Für mich ist nicht entscheidend, was im Pass steht. Wichtig ist die Mentalität und Kultur, die man in sich trägt. Ich bin dankbar, dass ich in Deutschland leben kann und meine Kinder hier aufwachsen. Also muss ich auch die Kultur verstehen und akzeptieren. Lübben ist wie eine zweite Heimat. Ausländer fallen hier natürlich mehr auf als in einer Millionenstadt wie Berlin, wo Fremde ganz normal sind. Ich habe in Lübben aber keine schlechten Erfahrungen mit Rassismus gemacht und möchte für immer hier bleiben. Ich habe einen Job, meine Kinder sind hier geboren und sprechen besser Deutsch als Portugiesisch.“

Anna Lorej
Anna Lorej FOTO: LR / Steven Wiesner

Anna Lorej (38) ist gebürtige Russin, die seit 17 Jahren in Deutschland zuhause ist. 2010 kam sie nach Lübben, seither leitet die Sozialarbeiterin die Flüchtlingsunterkunft in der Stadt.

„Die Diskussion um Mesut Özil habe ich kaum verfolgt. Ich weiß aber, dass es Rassismus und rechte Parteien gibt in Deutschland, genau wie in Russland. Das Jahr 2016 kurz nach der ersten Flüchtlingswelle war schlimm. Die Menschen, die in unsere Unterkunft kamen, haben erzählt, dass sie in der Stadt beleidigt und bespuckt wurden. Heute höre ich sowas nicht mehr. Die Kinder gehen in Vereine und haben deutsche Freunde. Die Flüchtlinge kommen allmählich klar mit dem System. Es ist auch wichtig, dass sie sich an Regeln halten und die Sprache lernen. Anders ging es bei mir auch nicht. Ich hatte das Glück, nur gute Menschen getroffen zu haben. Niemand hat mir gesagt, dass ich hier nichts zu suchen hätte. Kollegen und Nachbarn haben immer geholfen. Ich bleibe zwar russische Staatsbürgerin, meine Kinder und ich denken aber wie Deutsche, und ich habe auch die gleichen Rechte bis aufs Wahlrecht. Mir gefällt es sehr gut hier.“

Protokoll: Steven Wiesner