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| 16:06 Uhr

Hochwasser-Diskussion
Nach dem Hochwasser istvor dem Starkregen

Arnulf Weingardt, Armin Himmelrath, Sylvia Schönke und Sylvia Belka-Lorenz (v.l.) gingen dem Thema Hochwasser und Starkregen während einer Deutschlandfunk-Livesendung in Lübben nach.
Arnulf Weingardt, Armin Himmelrath, Sylvia Schönke und Sylvia Belka-Lorenz (v.l.) gingen dem Thema Hochwasser und Starkregen während einer Deutschlandfunk-Livesendung in Lübben nach. FOTO: Lausitzer Rundschau Medienverlag / Schirling Ingvil
Lübben. Radiosendung zeigt in Lübben Wissenswertes für Verbraucher auf. Von Ingvil Schirling

Was machen zwei blaue Deutschlandfunk-Transporter vor der Kaffeerösterei Piamo in Lübben? Und warum liegen abgeklebte Kabel auf dem Gehweg? Diese  Fragen dürfte sich kürzlich der ein oder andere Lübbener gestellt haben, der zwischen Kino, Bank und Markplatz unterwegs war. Die Antwort: Mit der gleichnamigen Sendung („Marktplatz“) hatte der Deutschlandfunk in der Spreewaldstadt Station gemacht. Live aus der Kaffeerösterei wurde eine Gesprächsrunde zum Thema „Nach dem Hochwasser ist vor dem Hochwasser“ gesendet. Hörer aus ganz Deutschland wählten sich mit ihren Fragen ein, die vor allem die Themen Starkregen, Versicherungsschutz und Vorsorge berührten.

Moderator Armin Himmelrath leitete gekonnt vom strahlend schönen, sehr warmen Sommertag zum nassen Hochwasserszenario über. Derweil bereitete sich Sylvia Belka-Lorenz darauf vor, Gesprächspartner zu einzelnen Fragen zuzuschalten. Abwechslungsreich, professionell und informativ vergingen knapp 90 Minuten wie im Flug.

Vier Gesprächspartner beleuchteten gemeinsam mit den beiden Moderatoren Aspekte von Starkregen und Hochwasser, eine Expertin vom Hochwasserkompetenzzentrum war zugeschaltet. Es war Jutta Lenz, die stellvertretende Geschäftsführerin, die auf Armin Himmelraths Überleitung treffend einging: „Alle können die Zeit jetzt nutzen, um sich zu schützen.“

Objektschutz ist ein wichtiger Punkt, bei dem auch Arnulf Weingardt aus Lübben dazugelernt hatte. Der erfahrene Naturschützer, Mitarbeiter des Biosphärenreservats Spreewald, war 2012 selbst betroffen von einem Starkregen, von dem in Lübben noch viele erzählen werden. Im Internet waren kleine Filmchen zu sehen, in denen das Wasser zur Toilette hoch kam, weil die Kanalisation die Massen nicht mehr fassen konnte. Auch Arnulf Weingardt hatte den Keller voll. Es waren zwar „nur“ 30, 40 Zentimeter, doch die Schäden waren enorm. Neben den eigentlichen Wasserschäden ging auch noch die Heizung kaputt. Langwierig und teuer war der Trocknungsprozess. Die Versicherung sprang ein, laut Arnulf Weingardt verlief das problemlos. Dennoch hat er sich in der Folge zwei Schmutzwasserpumpen besorgt, die jederzeit einsetzbar sind, und alles Wertvolle erhöht gelagert.

Das Thema Versicherung bewegte viele der Anrufer. Soll es wieder eine Pflichtversicherung geben? Da war Sylvia Schönke von der Brandenburgischen Verbraucherzentrale gefragt. Für und Wider wurden abgewogen, verbunden mit den Hinweis, dass dann eben auch Menschen einzahlen, die nie und nimmer von Hochwasser betroffen sein würden. „Daraus können neue Ungerechtigkeiten entstehen“, warnten die Experten. Vor Starkregen, darin waren sich alle einig, wäre allerdings niemand gefeit.

Zum Thema Hochwasser wurde schließlich auch Bürgermeister Lars Kolan (SPD) begrüßt. „Man könnte denken, dass wir durch die Spree in dieser Hinsicht unheimlich angefasst sind“, schätzte er ein, „doch in der Alltagsarbeit im Rathaus hält sich das Thema in Grenzen“. Dennoch sei klar, dass Lübben ein „Nadelöhr ist, wo das Delta zusammenfließt. Wenn es nicht schnell genug abfließt, kann man sich Sorgen machen, dass die Stadt quasi von hinten her ertrinkt.“

Aktuell wird auf Landesseite an Hochwassermanagementplänen gearbeitet. „1975 wurde die Spree bei Hartmannsdorf zu eng eingedeicht“, schätzte Arnulf Weingardt ein. Seit 1981 habe es Hochwasserschäden nicht mehr in Besiedlungsgebieten gegeben. „Aber man weiß nicht, wie es wäre, wenn ein Hochwasser wie 1958 kommt“, gab er zu bedenken. Damals sei doppelt so viel Wasser wie in den Hochwasserjahren 2010/12 die Spree entlang geflossen und über die Ufer getreten. Aufgrund der Tagebauseen und der Verdunstung sei fraglich, ob so viel Wasser wie 1958 wieder kommen würde. Wichtig sei, im Zuge der neuen Planungen auch alte Fließe wieder anzubinden, die dann ebenfalls Wasser aufnehmen würden wie etwa die Altzaucher Spree, so Weingardt.

Lars Kolan ging weiterhin auch auf die bekannten Entwässerungsprobleme im Spreewald ein: die mangelhafte Krautung aufgrund von finanziellen Rahmenbedingungen und die nur sporadisch erfolgende Entschlammung. Beides verringere den Wasserabfluss.

Wie extrem Hindernisse – in dem Fall eine weggeschwemmte Brücke, die unglücklich zum Liegen kam – den Wasserlauf schon im Starkregenfall beeinflussen können, zeigte ein vom Deutschlandfunk eingespieltes Beispiel aus Hasenmühle bei Solingen. Die Brücke hatte den Abfluss des teils in Rohren verlaufenden Baches versperrt, sodass die angrenzende Hofschaft zu einem einzigen See wurde – mit hohen Schäden.

Dass sich Starkregenereignisse aufgrund des Klimawandels mehren werden, darauf machte Frank Selbitz aufmerksam, den der Deutschlandfunk in seiner Eigenschaft als Wetterbeobachter seit 1987 eingeladen hatte. „Die Hochwasserrisikomanagementplanung stockt“, kritisierte er, „da sollte das Land sich sputen“. Fatale Auswirkungen von Hochwassern seien „ein hausgemachtes Problem, weil wir es nicht koordinieren“. Uwe Neumann vom Nabu machte als ein weiterer Diskussionsteilnehmer auf die Probleme durch die teils zu enge Eindeichung im Spreewald aufmerksam.

Viele praktische Tipps von Jutta Lenz und eine Einladung, sich beim deutschlandweit agierenden Hochwasserkompetenzzentrum zu engagieren, komplettierten die Sendung. Nachzuhören ist sie in der Mediathek des Deutschlandfunks unter „Marktplatz – Hochwasser und Starkregen“.