Von Katrin Kunipatz

Erinnern Sie sich noch als der Lübbener Markt der Parkplatz hinter dem Kaufhaus war und die Kirche keine Haube hatte? Noch lange nachdem ein Trabi vorbeigefahren war, der typische Geruch der Zweitaktabgase in der Luft hing? Oder Lübben ein eigenes Freibad hatte, in dem man sich im Winter zum Eishockey traf?

Mit dem neuen Bildband über Lübben in den Jahren 1960 bis 1989 ist es jetzt möglich, diese Erinnerungen aufzufrischen. Herausgegeben wird das Buch von Museumsleiterin Corinna Junker, Kreisarchivar Thomas Mietk und die ehemalige Museumsleiterin Christina Orphal. Sie haben in den zurückliegenden Monaten Fotografien gesichtet, Bilder ausgewählt und vor allem versucht, sie richtig zuzuordnen. „Denn viele Aufnahmen, die uns mit Nachlässen erreichen, sind nicht datiert“, sagt Thomas Mietk.

Die Idee für den Bildband reifte im Zusammenhang mit zwei Ausstellungen: „Rote Lippen soll man küssen“, konzentrierte sich 2009 auf die 1960er Jahre. Und im März 2019 endete die Sonderausstellung über Lübben in den 70er und 80er Jahre. Schon damals hatte das Museum aufgerufen, Fotos aus dem Alltag, Innenansichten der Betriebe, aus Kindergärten, von Jugendweihen oder dem Vereinsleben abzugeben. „Es gibt ein großes Interesse an verbildlichter Geschichte“, sagt Corinna Junker. „Diese Sonderausstellung für die Jahre 1971 bis 1989 war die meistbesuchte.“ „In dem Buch geht es darum, das Lebensgefühl dieser Zeit darzustellen“, ergänzt Thomas Mietk. Seine Mutter ist Lübbenerin. Doch der Mensch neigt dazu, verschwundene Dinge zu vergessen. Beim Anschauen der Fotos falle von ihr oft der Satz: „Stimmt, so sah es aus“, so Mietk. Er selbst sei zu jung und kenne diese Zeit nicht aus eigenem Erleben. Corinna Junker wuchs woanders auf.

Um die verschiedenen Fotografien richtig einzuordnen, holten sich die beiden Historiker deshalb den Lübbener Hans-Richard Groschke mit ins Boot. Als geschichtsinteressierter Handwerker konnte sich der Lübbener an viele Details erinnern. Junker erinnert sich an seinen Hinweis: „Dieses Bild muss aus den 60ern sein, denn dann waren andere Fenster drin.“ Neben der Auswahl der rund 440 Bilder für das Buch nahm gerade die richtige Zuordnung viel Zeit in Anspruch.

Glücklich sind Junker und Mietk über zwei Lübbener Fotografen, denen es oft gelungen sei, die Stimmung des Augenblicks einzufangen, so Junker. Ihr gefallen besonders gut die Aufnahmen von Menschen an ihrem Arbeitsplatz. „Mein absolutes Lieblingsfoto zeigt die Werkküche der Pappenfabrik mit Köchin“, verrät die Museumsleiterin. Thomas Mietk blättert für sein Lieblingsbild bis zum letzten Foto im Buch. Es zeigt ein Ehepaar, das am Tag der Trauung einen Strauß Nelken am sowjetischen Ehrenmal ablegt. Aufgenommen hat das Bild Rundschau-Volkskorrespondent Willi Reinke, von dem die meisten Aufnahmen im Buch stammen. Junker nennt Fotografin Sibylle Traube. Sie hat ganz typische Momente, wie die Schlange vorm Obstgeschäft,  den Trabi in der Pfütze oder spielende Kinder in Lübben-Nord fotografiert.

Neben den Menschen lebt das Buch von den Stadtansichten. Darauf sind Gebäude und Straßen zu sehen, die es so nicht mehr gibt. Aus ihrer Arbeit mit Zeitzeugen, weiß Junker, dass gerade Bilder Erinnerungen anschieben und Zugang zu den Hintergrundgeschichten sind. Der Bildband könnte also der Schlüssel zu sein, um wieder einmal über die „alten“ Zeiten in Lübben zu reden, deren Teil man war.