ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:17 Uhr

Züchter spricht Klartext
Hier wird nicht gekuschelt

Kaninchen aus der Zucht von Heinz-Günther Neumann.
Kaninchen aus der Zucht von Heinz-Günther Neumann. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben. Bei der Jungtierschau in Lübben buhlen Kaninchenzüchter darum, wer die schönsten Tiere aufgezogen hat. Ihr Hobby ist penible Maßarbeit — was irgendwie mit Jogi Löw zu tun hat. Von Steven Wiesner

Vor Heinz-Günther Neumann liegt ein 280-Seiten-Wälzer auf dem Tisch. Doch der 58-jährige Lübbener liest keinen der Harry-Potter-Bände und er sucht im Reisekatalog auch nicht nach dem nächsten Urlaubsort. Heinz-Günther Neumann ist Kaninchenzüchter – und der Roman gewissermaßen seine Bibel. Denn Kaninchen zu züchten, ist ein äußerst minutiöses und penibles Hobby. Und das Buch des deutschen Kaninchenzuchtverbands gibt die Standards und Spielregeln vor.

„Es gibt 80 Positionen, die bewertet werden“, sagt Neumann. Körperform, Farbe, Fell, Krallen, Zähne, Fußstellung, Ohrenlänge und und und. Jedes kleine Haar, das nicht die richtige Farbe hat, bestrafen die Preisrichter mit Punktabzug. So genau schaut nicht mal Heidi Klum hin, wenn sie Möchtegern-Models castet. Wer hier Fünfe gerade sein lässt, wird vermutlich nie einen Preis mit seinen Tieren gewinnen.

Der Kaninchenzuchtverein Lübben/Steinkirchen aber hat schon eine ganze Palette an Preisen gesammelt in seiner 105-jährigen Geschichte. „Wir haben Landesmeister, Bundessieger und Europasieger im Verein, manche Züchter sind schon 60 Jahre lang dabei“, sagt Neumann, der seit 1985 dazugehört und dem Verein seit 2003 vorsteht. „Wir sind europaweit bekannt, das ist schon vom Allerfeinsten. Aber unsere ganze Region ist bekannt für gutes Zuchtmaterial.“ Der Lübbener Verein ist im Kreisverband Dahme-Spreewald organisiert, genau wie die Standorte Luckau, Lieberose, Jamlitz, Neu-Zauche und Königs Wusterhausen.

Und genau diese Vereine haben sich am Wochenende auch bei der Jungtierschau des Kreises zusammengefunden in Lübben. Hier durften die Züchter nur Tiere an den Start bringen, die maximal acht Monate alt sind. Die Jungtierschau im Sommer ist so was wie das Warm Up vorm eigentlichen Rennen im Herbst, wenn der nächste Wettbewerb stattfindet. „Es war ein erster Meilenstein, um zu schauen, wo man steht mit seinen Tieren“, sagt Heinz-Günther Neumann. „Man hat als Züchter immer Herzchen in den Augen und denkt, es gibt keine schöneren Tiere als die eigenen.“ Doch wenn ein schlecht  gelaunter Preisrichter das Kaninchen erst mal auseinandergenommen hat, ist es vorbei mit den Herzchen. Das perfekte Kaninchen gibt es sowieso nicht. Neumann: „Das Beste, was ich erlebt habe, waren 98 von 100 Punkten.“

Auf ein paar Kriterien und Details können Kaninchenzüchter selbst einwirken. „Manches kann man fütterungstechnisch beeinflussen, und man muss auch mit den Tieren trainieren“, sagt Neumann. „Letztlich ist ein Kaninchen aber Natur – und die lässt sich nicht bescheissen.“ Das Zauberwort für Kaninchenzüchter heißt also Selektion. Ähnlich wie Fußballmanager und Talentspäher müssen sie ein Auge und Gespür dafür haben, aus welchen Würfen mal richtige Prachtexemplare hervorgehen könnten. Neumann: „Das ist ein bisschen so, wie wenn Jogi Löw seinen WM-Kader zusammenstellt.“

Zwei Tage lang stellten die Kaninchenzüchter ihre Prachtexemplare am Wochenende aus. Für Heinz-Günther Neumann ist das alles aber nicht nur ein Wettbewerb – sondern auch Werbung. 22 Mitglieder zählt sein Verein noch. Zu Spitzenzeiten in der DDR können es auch schon mal bis zu 60 gewesen sein. „Und es geht auch darum, Kinder dafür zu begeistern. Die kommen doch sonst nur über das Fernsehen oder den Zoohandel mit den Tieren in Berührung“, sagt Neumann. „Man sollte ihnen aber auch vermitteln, dass ein Kaninchen eigentlich etwas zu essen ist und kein Kuscheltier.“

Als Züchter baut er zwar auch eine Bindung zu den Tieren auf, am Ende des Tages geht es aber darum, die Kaninchen zu schlachten und zu verkaufen. „Man darf nie vergessen, dass es ein Wirtschaftstier ist. Was wir daraus gemacht haben, geht eigentlich am Sinn vorbei.“