Wer Musik liebt, weiß um ihre Macht. Sie spendet Trost und gibt Sicherheit, macht Laune oder beruhigt, schließt manchmal auch per Kopfhörer die laute Welt und die Gedankenkreise aus. Sie ordnet, entführt, bewegt, lindert Krisen und trägt über Schwellen. Zum Beispiel über die des Erwachsenwerdens.

Einer, der sich damit auskennt, ist Rolf-Udo Paul. Der Klavierlehrer an der Kreismusikschule Lübben, versierter Pianist in Klassik- und Unterhaltungsmusik sowie Mitglied bekannter Bands in der Region, gilt selbst unter denjenigen, die dort seit Jahrzehnten unterrichten, als Urgestein. Seit 1983, schätzt er grob, dürfte er so zwischen 500 und 600 jungen Menschen das Klavierspielen beigebracht haben. Er hat ihr Talent erfasst, es angefacht, in Übungsflauten motiviert, den roten Teppich zum ersten Erfolg auf der Bühne ausgerollt. „Wir haben viele gute Nachwuchsschüler bei der Klavierausbildung. Das Interesse ist groß“, schätzt er ein. So mancher Schüler brachte einen Freund oder eine Freundin mit, um in den Unterricht von Rolf-Udo Paul einfach mal hineinzuschnuppern. Nicht wenige blieben – und der Lehrer kennt alle Tricks, um sie am Notenblatt und in den Harmonien zu halten.

Auch aus eigener Erfahrung. Die Familie flüchtete Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Sudetenland, dem heutigen Tschechien. Rolf-Udo Pauls Mutter hatte eine Klavierausbildung erhalten. Als die Zeiten nach Kriegsende wieder ruhiger wurden, überredete sie seinen Vater, ein Instrument zu kaufen. Das erlernte zuerst die elf Jahre ältere Schwester, dann der damals Neunjährige. Der Funke sprang über, nachdem er vom Können eines Klassenkameraden angespornt worden war.

Damals wohnte Rolf-Udo Paul in Lübbenau und ging dort zur Schule. Die ersten Versuche als Jungpianist machte er bei Erika Violett Riechert, die damals sozusagen die Außenstelle der Außenstelle Lübben des Cottbuser Konservatoriums führte. Der Neunjährige holte, obwohl relativ spät eingestiegen, in wenigen Monaten auf, bestand später die Eignungsprüfung an der Spezialschule für Musik in Berlin, heute das Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach. Doch dort wurde er immer wieder krank. Seine Mutter holte ihn schließlich zurück. Dem Schulabschluss folgte das Studium an der Hochschule für Musik in Dresden in den Fächern Tanz- und Unterhaltungsmusik sowie Klassik. 1983 begann Rolf-Udo Paul als Lehrer an der Lübbener Musikschule und spielte nebenbei mit so bekannten Musikern in der Region wie Lutz Neumann (Shawue), Schlagersänger Andreas Schenker, bei Report und anderen Bands Tanz-, Hotel- und Barmusik, gab und gibt aber auch klassische Konzerte.

Rückschauend ist ihm heute klar, warum seine Lehrer ihn und seine Freunde so unterschiedlich unterrichteten – ihn zum Beispiel viel strenger als andere. „Raus aus dem Fenster und über den Hof in die Stadt – na klar haben wir das auch gemacht“, erinnert er sich an Zeiten, in denen die Übungsmotivation eher gering war. Fortgeschrittenen zuhören, Stücke auswählen, mit denen der Schüler seinen Erfolg erleben kann, in Bildern, in Farben sprechen und erklären, die geistige Nähe beim gemeinsamen Musizieren erleben – das Repertoire pädagogischer Methodik ist breit, basiert aber viel mehr auf der hundertfachen Erfahrung mit Heranwachsenden als auf jedem Studiumswissen, sagt Rolf-Udo Paul mit einem Lächeln.

„Es ist schon ein Privileg, ein Kind zu begleiten von klein auf bis zur Abiturzeit“, sagt er, „und in dieser Zeit die musikalische Entwicklung aufzubauen. Darin steckt viel Herzblut.“ Er freue sich über jeden Fortschritt, „und Fortschritte macht jeder, egal von welcher Ausgangsposition“. Es berührt ihn nach wie vor tief, wenn einer seiner Schüler Erfolg hat. „Ich gebe immer auch einen Teil von mir weiter – und man bekommt genauso viel vom Kind zurück, wie man gibt.“ Demut vor der Kreativität, vor dem Talent, das sich auch gegen Widerstände einen Weg bahnt, gehört dazu, ebenso, sich selbst immer wieder neu inspirieren zu lassen. Die „Tastenzaubereien“ von Anika Drabon, eine Serie von Büchern, Audio-Stücken und kleinen Videos, sind in jüngster Zeit eine seiner Hauptquellen.

 Das passt, denn Rolf-Udo Paul darf mit Fug und Recht selbst als Tastenzauberer gelten. Wer ihn erlebt, auf der Bühne am Piano, kann sehen, hören und spüren, wie die Musik ihn durchströmt, wie er sie spielt – oder vielleicht eher: sie ihn.  Dutzende seiner vielen Schüler haben es in den Jugend-musiziert-Wettbewerb geschafft. Er selbst dürfte unzählige Male als Korepetitor am Klavier ihre Vorträge begleitet haben. Ein Fels in der Brandung, möchte man meinen – doch die Wahrheit ist eine andere. „Ich bin immer noch wahnsinnig aufgeregt“, lüftet er ein wohlgehütetes Geheimnis. Anmerken lässt er sich das natürlich nicht. Er begleitet am Klavier – mit Herz, Professionalität und einer gewissen Portion Magie.

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.