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| 13:39 Uhr

Woche der Verkehrssicherheit
Herz, Hirn und Horrorshow

Polizist Jens Quitschke will den Schüler kein Auto verkaufen. Vielmehr erklärt er, was schon beim Einstellen des Sitzes überlebenswichtig sein kann.
Polizist Jens Quitschke will den Schüler kein Auto verkaufen. Vielmehr erklärt er, was schon beim Einstellen des Sitzes überlebenswichtig sein kann. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben. Am Oberstufenzentrum in Lübben beschäftigen sich die Jugendlichen eine Woche lang mit dem Thema Verkehrssicherheit – und erleben dabei mehr als nur ein Aha-Erlebnis. Von Steven Wiesner

„Na das war ja wohl eher die Reaktionszeit von einem Kühlschrank“, scherzt Polizist Jens Quitschke und grinst Gino an. Der 17-jährige Schüler sitzt gerade vor einem Gerät, das eine Vollbremsung simuliert und die Reaktion von Autofahrern testen soll. Gino braucht etwas mehr als 0,9 Sekunden, um den Fuß vom Gas- auf das Bremspedal springen zu lassen. Klingt im Grunde gar nicht mal so schlecht. „Ein guter Wert aber bewegt sich unter 0,3 Sekunden“, ordnet Jens Quitschke ein. Gino zieht vor Erstaunen die Augenbrauen hoch. Es ist nicht der einzige Moment mit Aha-Effekt an diesem Vormittag.

Seit nunmehr 20 Jahren organisiert das Oberstufenzentrum (OSZ) Dahme-Spreewald die „Woche der Verkehrssicherheit“ gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr und weiteren Akteuren. In dieser Woche war es auch in Lübben wieder soweit. Vier Tage lang wurden verschiedene Themen in den Unterricht integriert. Höhepunkt war der Aktionstag am Mittwoch, bei dem Königs Wusterhausener Polizeibeamte aus dem Sachgebiet Prävention sowie ein Vertreter des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) am OSZ vorbeischauten und diverse Stationen für die Schüler anboten.

Neben dem Reaktionstest hatten die Schüler die Möglichkeit, sich mit Rauschbrillen, die bis zu 1,5 Promille vortäuschten, zu Fuß durch einen Kegelparcours zu manövrieren, die richtige Sitzposition im Auto kennenzulernen, einen Sehtest zu absolvieren und sich in einen Auffahrsimulator zu setzen, um mit verschiedenen Geschwindigkeiten gegen eine Wand zu knallen. Weil sie ein Gefühl für Geschwindigkeiten und dadurch wirkende Kräfte bekommen sei vor allem letzteres laut DVR-Mitarbeiter Andreas Hecker immer wieder „eine einschneidende Erfahrung“ für Jugendliche.

Andreas Hecker (l.) vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat sorgt bei den Schülern für „einschneidende Erfahrungen“ im Auffahrsimulator.
Andreas Hecker (l.) vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat sorgt bei den Schülern für „einschneidende Erfahrungen“ im Auffahrsimulator. FOTO: LR / Steven Wiesner

Das dürften auch so manche Ausführungen von Jens Quitschke gewesen sein. Der Polizist führte den Schülern eine Bildergalerie von Unfällen vor und erreichte damit wohl genau das, was er erreichen wollte: Abschreckung, Innehalten, Nachdenken. Er erzählte ihnen von Unfällen, nach denen er besorgten Eltern Todesnachrichten überbringen musste und was mit Köpfen passiert, die bei einem Fahrradunfall ohne den Schutz eines Helmes auf den Asphalt klatschen. Eine kleine Horrorshow zwar, aber eine mit Wirkung, weil sie den Teenagern vor Augen führte, dass das Leben keine Party ist, die nur aus Pokemon Go, „Bachelorette“ und Instagram besteht – und dass es eben auch vom einen auf den nächsten Augenblick vorbei sein kann. Denn bei einem Unfall kann schon eine einzige unaufmerksame Sekunde, die beim Bremsen fehlt, über Leben und Tod entscheiden. „Da sollte man sich überlegen, ob man die nächste WhatsApp-Nachricht wirklich am Steuer checken muss“, gibt Jens Quitschke zu bedenken. „Es geht darum, die Jugendlichen zu sensibilisieren“, sagt auch seine Kollegin Ulrike Geburzi. „Denn die Unfallzahlen durch die Ablenkung technischer Geräte steigen.“

Für die Lehrerin Frau Tölpe hat die Verkehrserziehung eine große Bedeutung. Ihre 16- bis 20-jährigen Schüler am OSZ in Lübben seien schließlich „genau die richtige Zielgruppe für dieses Thema“, sagt sie. „Es ist das Alter, in dem sie Führerscheine machen und sich für Mopeds und Autos interessieren.“ Der Unterricht am OSZ soll nicht nur akademisch ausbilden, sondern vor allem auf das Leben vorbereiten. Tölpe: „Wir wollen Herz und Hirn öffnen. Dazu gehört auch die Courage, seinem betrunkenen Kumpel, der noch Autofahren will, zu sagen: Nein, du fährst heute nicht mehr und ich steige nicht bei dir ein!“ Jens Quitschke ergänzt: „Wenn man nur einen Jugendlichen mit solchen Veranstaltungen erreicht und damit ein Leben retten kann, ist das auch schon was wert.“

Auch David (17) erkennt den Mehrwert der letzten Tage: „In der Fahrschule lernt man zwar die grundlegenden Sachen, aber eben nicht alles. Von daher hat uns die Woche auf jeden Fall weitergebracht.“ Martin (18), der gerade aus dem Auffahrsimulator ausgestiegen ist, meint: „ich glaube, nach so einer Erfahrung fährt man automatisch langsamer im Straßenverkehr.“ Und letztlich sagt auch Gino: „Mir war nicht klar, was man schon alles bei der Einstellung des Sitzes und beim Anschnallen beachten muss.“ Am Dienstag hat er seine praktische Fahrprüfung. Ganz bestimmt wird Gino dann bei der Vollbremsung auch keine Reaktion mehr wie ein Kühlschrank haben.

Polizistin Ulrike Geburzi (r.) überprüft die Schnelligkeit der Schüler mit dem Reaktionstestgerät. Ein guter Bremswert liegt bei unter 0,3 Sekunden.
Polizistin Ulrike Geburzi (r.) überprüft die Schnelligkeit der Schüler mit dem Reaktionstestgerät. Ein guter Bremswert liegt bei unter 0,3 Sekunden. FOTO: LR / Steven Wiesner