Von Ingvil Schirling

Es gibt eine Geschichte über Eberhard Pöschke, die so oft erzählt worden ist, dass man nicht weiß, ob sie wahr ist oder Legende. Sie bezieht sich auf seine Doppelrolle als Radfahrer und Organisator von Rennen. Die Geschichte spielt in den Anfängen von Pöschkes Karriere.

Als junger Mann soll Pöschke ein Radrennen gleichzeitig gefahren und rundum organisiert haben. Er habe es gestartet, sei dem Feld hinterher gerast, habe alle überholt, wies am Wendepunkt die Fahrer ein, fuhr wieder hinterher, sauste durchs Ziel und führte schlussendlich die Siegerehrung durch.

Ein Tausensassa.

Eberhard Pöschke schmunzelt, wenn man ihn mit dieser Legende konfrontiert. Stimmt das? „Nein“, sagt er kopfschüttelnd, und die Lachfältchen graben sich tief in die Augenwinkel. Das habe sich in Wahrheit so nie zugetragen.

Die metaphorische Erzählung bringt aber die Karriere des gebürtigen Lübbeners auf den Punkt. Sie streift weitere Aspekte: Seinen Blick für Talente, für Trainingsmethoden, seine Bereitschaft zur Härte, auch sich selbst gegenüber.

Eberhard Pöschke wuchs nicht bei seiner leiblichen Familie in der Kernstadt Lübben auf, sondern in der Obhut seiner Tanten Ella und Trude in Steinkirchen. Erstere führte eine Schneiderei, zweitere eine Gärtnerei. Beide unterstützten ihn auf seinem ungewöhnlichen Weg.

Seine ersten Tritte in die Pedale tat er in Lübben-Steinkirchen. Die kleine Welt rund um das Neuhaus war sein Spielplatz, es gab einen Sandhügel, der zur Walei auserkoren wurde, um zu Ostern Eier bergab rollen zu lassen. Es gab einen geheimnisvollen Bunker, und es gibt die Erinnerung an die Kriegsflüchtlinge, die in der Nähe unterkamen, an die Schulzeit, dann die Gärtnerlehre. Endlich durfte er das Diamant-Rennrad fahren, das seine Mutter, im Keller versteckt, über den Krieg gerettet hatte.

Anfang September 1950 fuhr Pöschke sein erstes Rennen in Krausnick und wurde vierter. „Da hatte ich noch Angst. Ich bin immer alles von hinten gefahren“, sagt er. Für den 7. Oktober 1950 organisierte Pöschke sein erstes Rennen. Die Strecke führte in Lübben von der Breiten Straße über die Geschwister-Scholl- und Lindenstraße zum Houwald-Damm, dann entlang der Hauptstraße zurück. „Auch das hab ich nicht gewonnen“, sagt Eberhard Pöschke, aber fast alles rund ums Rennen hatte er in Eigenregie auf die Beine gestellt. Er fuhr noch bei der Jugend mit.

Der Tausendsassa war 16.

Und er trainierte hart. Nach seiner Lehrlingszeit übernahm er die Gärtnerei seiner Tante. Montags bereitete er alles vor, damit er dienstags früh um sechs aufs Rad steigen und nach Berlin sausen konnte. Um 10 Uhr wurde in der Dienststelle von Einheit Berlin gefrühstückt. Danach ging es zurück nach Steinkirchen. Um zwei, erzählt er, stand bei Tante Ella das Mittagessen auf dem Tisch. Dann folgte die Gartenarbeit. Der Mittwoch gehörte wieder der Vorbereitung für die Gärtnerei, der Donnerstag der Fahrt nach Berlin. 220 Kilometer Strecke legte er so zurück. Freitagnachmittags fuhr er dann „nur ein kurzes Stück zum Training“: So 70 Kilometer rund um Lübben. Am Wochenende ging es zum Radrennen.

So ging das bis 1954. Ab 1960 wurde mehr organisiert, weniger gefahren, immer gegärtnert. Bis heute, nun schon seit Jahrzehnten in Cottbus lebend, baut er sein eigenes Gemüse an. Täglich fährt er Rad, trainiert den Nachwuchs.

Der Tausendsassa von damals ist längst Legende geworden. Zu seinem 85. Geburtstag wird er sich am Samstag mit Freunden, Weggefährten und bekannten Sportlern im Lübbener Neuhaus an die Anfänge erinnern. Einen berühmten Namen nach dem anderen zaubert das Radsport-Urgestein aus dem Hut, glorreiche Siege, tragische Stürze. Manches berührt ihn tief, egal, wie lange es her ist. Vor allem fasziniert ihn eines: „Beim Radfahren gewinnt der Geschickteste, nicht immer der Beste. Einer, der im Windschatten fährt und gute Gelegenheiten zu nutzen weiß.“

Unzählige Varianten führen so zum Sieg. Der Gesprächsstoff wird im Lübbener Neuhaus wohl kaum ausgehen. So manche Legende dürfte dabei sein.