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| 02:44 Uhr

"Gesunder Menschenverstand ist das Wichtigste"

Carl-Heinz Klinkmüller (CDU).
Carl-Heinz Klinkmüller (CDU). FOTO: Ingvil Schirling
Eigentlich wäre Carl-Heinz Klinkmüller (CDU) ein waschechter Landwirt geworden. Zwischen "eigentlich" und der Wirklichkeit standen die DDR, die Bodenreform und die Wende. Er wurde erst Wirtschafts-, dann Baudezernent in der Kreisverwaltung Dahme-Spreewald und blieb doch mit beiden Beinen auf der Luckauer Scholle. In wenigen Wochen verabschiedet er sich aus dem Berufsleben.

Carl-Heinz Klinkmüller hat allerbeste Laune. Die blauen Augen blitzen unternehmungslustig, als er zum letzten großen Interview als Dezernent zur LR kommt. Das Gespräch läuft sofort auf Hochtouren - noch ehe wir richtig sitzen, sind wir schon mittendrin.

Herr Klinkmüller, wie sind Sie eigentlich in die Landkreisverwaltung gekommen?
1988 machte ich mich selbstständig. Zuvor hatten wir zehn Jahre nebenbei auf unserem Grundstück Champignons angebaut, ich war 16 Jahre lang beim Agrochemischen Zentrum, die letzten zehn Jahre als Abteilungsleiter - ach und es ging jedes Jahr rückwärts. Ich konnte mich nicht mehr motivieren und die Mitarbeiter auch nicht. Die Selbstständigkeit war der Ausbruch aus der Situation. Doch mit 38 Jahren im Champignonanbau, da fragte ich mich: ,Willst du das bis an dein Lebensende machen?'

Manches muss man eben ausprobieren, um zu wissen, ob es das ist. So ähnlich war es mit meiner Kandidatur für den Bundestag für die CDU 2005. Danach wusste ich: Den Leuten auf dem Marktplatz was erzählen, ist überhaupt nicht mein Ding.

Doch zurück zu meiner Frage von damals. Kurz danach begann die Wendezeit. Ich wurde Gründungsmitglied des Luckauer Forums, eine unwahrscheinlich spannende Zeit. 1990 fragte mich Günter Sando, der dann im Altkreis Luckau Landrat wurde, ob ich mit in die Kreisverwaltung wolle. Mit mir stiegen Christoph Kalz und Manfred Hartfelder ein. Siegfried Rieck wurde Dezernent, ich sein Stellvertreter. Im gleichen Jahr trat ich in die CDU ein, für den Kreistag an und wurde gewählt - mit den drittmeisten Stimmen. Viele kannten mich vom Agrochemischen Zentrum.

Da bekomme ich jetzt aber Schnappatmung. Sie waren gleichzeitig Dezernent, Abteilungsleiter und Kreistagsabgeordneter?
Carl-Heinz Klinkmüller sagt einen Moment nichts.

Da hätten Sie doch nie gegen Ihren eigenen Verwaltungsvorschlag stimmen können?
Nee. Das ging auch nur drei Jahre lang.

Dann kam die klare Trennung von Amt und Mandat.
1993 kam auch die Fusion aus den Altkreisen Luckau, Lübben und Königs Wusterhausen - das Beste, was dieser Region damals passieren konnte. Ich musste mich neu bewerben. Eigentlich war ich ja studierter Landwirt und wohne heute noch auf dem Hof, den ich von meinen Eltern übernommen habe. Wäre ich im Westen großgeworden, wäre ich sicher Landwirt geworden.

Was bedeutete die Bodenreform für Sie?
Meine Familie ist spät in die LPG eingetreten. Als Zehnjähriger bekam ich die harten Diskussionen darüber mit, das prägt einen. Es war eine ganz schlimme Zeit. Es gab zig Beispiele von Bauern, die arme Äcker, aber so ein hohes Soll hatten, dass sie es nicht erfüllen konnten und eingesperrt wurden. Danach traten sie gezwungenermaßen in die LPG ein. Auch wir haben uns gefragt, ob wir in den Westen gehen sollen. Mein Großvater sagte dann: ,Wir werden auch den Kommunismus überstehen.' 1988 konnte mein Vater mir aber nur den Hof überschreiben. Erst nach der Wende bekam ich den Wald, die Wiese und den Acker zurück - es wäre über zwei, spätestens drei Generationen eine massenhafte, schleichende Enteignung gewesen. Das hat mich bis heute geprägt.

Wir hatten aber auch - 70 Kilometer von Berlin entfernt - sehr guten Fernsehempfang. Mir war klar: Auch im Westen fliegen dir die gebratenen Tauben nicht in den Mund. Erfolg gibt es nur gegen Leistung. Übrigens mussten wir unsere Antenne dann abbauen, sie ragte sehr hoch übers Dach. Gegen ein geschlachtetes Schwein und ein halbes Kalb bekamen wir sie unters Dach gebaut.

Solche Tauschgeschäfte, zu wissen, was andere wollen oder brauchen - hat Ihnen das bei harten Verhandlungen im Arbeitsleben eines Dezernenten geholfen?
Ich habe sehr viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. Meine Großmutter war eine sehr intelligente, gebildete Frau mit viel gesundem Menschenverstand. Ich denke, dass dieser sowieso das Allerwichtigste ist. Sie vermittelte mir schon als Kind Lebensweisheiten, die, so einfach sie sein mögen, mir später im Studium, während meiner Militärzeit, aber auch als Dezernent unheimlich geholfen haben. Zum Beispiel alle so zu behandeln, wie du selbst behandelt werden möchtest. Oder sich in die Lage anderer zu versetzen. Manchmal, wenn ich gar nicht durchkomme mit meinen Argumenten und jemand unbedingt ein Bauvorhaben durchdrücken will - auch wenn es gesetzes- oder satzungswidrig ist und damit Tür und Tor für Klagen öffnet -, dann lade ich denjenigen ein, sich einen Moment auf meinen Stuhl zu setzen, in meinem Büro, an meinen Schreibtisch. Manche halten mich für verrückt. Aber manche schauen sich dann auch die Satzung oder das Schriftstück an und sehen ein, dass ihr Projekt nicht zu bewilligen ist. Mit den Gutwilligen geht das. Meine Mitarbeiter sind da ähnlich, alles nicht solche verknöcherten Bürokraten.

Da dürften Sie aber in Sachen Flughafen so manches Mal auf Granit gebissen haben.
Carl-Heinz Klinkmüller legt das Gesicht in beide Hände, schüttelt den Kopf, schaut dann ins Leere. Das ist eine ganz andere Dimension. Die ,Heldentat' des Landkreises, die Genehmigung versagt zu haben, ist aus meiner Sicht unheimlich hochgepuscht worden. Kein Mitarbeiter hätte das genehmigen können. Ein Auto ohne Motor wird ja auch nicht für den Straßenverkehr zugelassen.

Der Druck, auch auf politischer Ebene, muss riesig gewesen sein.
Trotzdem. Wenn das Schutzziel, dass die Luft auf 2,50 Meter Höhe in 15 Minuten sauber sein muss, nicht erreicht ist, geht der Flughafen auch in zwei Jahren nicht ans Netz. Brandschutz und Statik sind für mich unverhandelbar, über alles andere kann man reden, und das verkennen manche Leute.

Der Flughafen gehört sicher zu den ganz großen Herausforderungen der 22 Jahre als Dezernent. Was noch?
Dass Cargolifter nicht gekommen ist, hat mich sehr getroffen. Wir haben wirklich alles versucht, auch beim Spreewaldpark. Nun ist mit Tropical Islands ein guter Ausgleich gekommen. Der Wirtschaftsraum Spreewald mit der Dachmarke und der regionalen Wertschöpfungskette ist für mich ganz entscheidend, der Tourismusverband, das Engagement der Wirtschaftsförderungsgesellschaft auch im Süden, dass die JVA in Duben geblieben ist, gehören für mich zu den positiven Entwicklungen, um nur eine Auswahl zu nennen.

Andererseits: Die Diskussion um den ÖPNV und die Gründung der NAN als Tochter der RVS statt einer Privatisierung gingen an die Substanz. Oder auch die Zusammenlegung der Krankenhäuser in Lübben und Königs Wusterhausen zur GmbH als Klinikum Dahme-Spreewald. Ich weiß noch genau, wie ich mit Martin Wille, damals Landrat, mit dem Rücken zur Wand in der Cafeteria stand, völlig durchgeschwitzt, während die Mitarbeiter uns mit Vorwürfen bombardierten, uns beschimpften. Trotz dieser massiven Empörung wusste ich: Mit Martin Wille ziehen wir das durch. Ich konnte mich 100-prozentig darauf verlassen. Auch wenn einmal mehr geprüft und länger nachgedacht wurde: Was dann entschieden war, das galt. Mich überzeugte damals, dass der Landkreis als Träger die absehbaren Defizite der Krankenhäuser hätte übernehmen müssen. Die Zusammenlegung war der richtige, ein weitsichtiger Schritt. Das Klinikum wirtschaftet heute kostendeckend.

Wie sehen Sie den Landkreis für die Zukunft aufgestellt?
Das bringt mich gleich zum Thema Energieregion. Aber erstmal das: Der Berliner Raum wird sich entwickeln, das ist ein Selbstläufer. Wir müssen im Auge behalten, die notwendigen Wohnungen mit zu entwickeln und einen guten Zugang zum Flughafen über Straße und Schiene gewährleisten. Wir müssen den zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke nach Cottbus hinkriegen, das wird gnadenlos unterschätzt, und die A 13 muss dreispurig werden. In zehn bis 15 Jahren werden Lübben und Lübbenau, die an der Bahnstrecke liegen, Teil des Ballungsraums sein. Es ist ein weltweiter Trend, dass sich die Metropolen ausdehnen.

Nun zur Energieregion Lausitz/Spreewald: Aus Brüsseler Sicht, dem Sitz großer Fördertöpfe, wird in Regionen gedacht. Braunkohle wird im Moment noch gebraucht, aber irgendwann geht sie zu Ende, da muss man über den Tellerrand hinausblicken. Südbrandenburg und Nordsachsen müssen eine Region werden, wenn das nicht verstanden wird, fallen sie hinten runter. Förderprogramme dürfen nicht an Landesgrenzen haltmachen, das wäre verheerend.

Damit zielen Sie auf die Spreeverockerung.
Genau darum geht es, aber auch um den künftigen Umgang mit Tagebauen, die Nachbehandlung und die Frage, was kommt stattdessen. Ich bin optimistisch, dass die Beteiligten und Politiker zusammenarbeiten. Das bringt mich zurück zu meiner Großmutter, die sagte: ,Wenn es Leuten schlecht geht, rücken sie zusammen.'

Und mich bringt es zurück ins Private. So leidenschaftlich, wie Sie erzählen, ist es schwer zu glauben, dass Sie einfach aufhören können.
Er schüttelt entschlossen den Kopf. Für mich wird der Abschied nicht schwer. Ich habe einen festen Freundes-, Bekannten- und Nachbarschaftskreis. Der bewahrt einen übrigens davor, sich zu wichtig zu nehmen. Im Kopf gehe ich ganz klar in einen neuen Lebensabschnitt. Die Familie steht ganz oben. Auf meinem Hof wohnen vier Generationen unter einem Dach. Meiner 93-jährigen Mutter hole ich bei dem Wetter morgens als Erstes die LR aus dem Briefkasten, sie liest sie genau und erzählt mir abends dann das Wichtigste. Meine Tochter wohnt mit meinen Enkeln, sieben und neun Jahre alt, mit auf dem Grundstück. Ich habe Angebote bekommen, als Berater zu arbeiten. Eine Rückkehr in die Politik als Stadtverordneter schließe ich aus. Stattdessen werde ich … wie heißt das gleich … haushaltsnahe Dienstleistungen betreiben. Die Fahrzeuge meiner Familie warten, die Kinder fahren, die Hausaufgabenbetreuung übernehmen. Er lächelt versonnen.

Und dann habe ich ja noch den T4, einen VW-Pritschenwagen, mit dem ich den Wald und den Teich bewirtschafte, und mein großes Hobby Tischtennis …

Und Sie haben einen Feng-Shui-Brunnen im Büro. Was wird aus dem? Bleibt der allein zurück?
Diesen Job hat man auf Zeit. Ende Februar räume ich mein Büro für den Nächsten. Ich habe mich mit der Lehre des Feng Shui beschäftigt, nicht sklavisch, aber schon, und dabei festgestellt, dass unser 1928 gebautes Haus genau diesen Richtlinien entspricht. Im Büro habe ich nicht nur den Brunnen, der außerdem die Luft befeuchtet, sondern auch eine Schreibtischunterlage mit Abmaßen nach Feng Shui und einer Sonne darauf. Vielleicht ist das der Grund, warum ich die Welt von der positiven Seite sehe.

Mit Carl-Heinz Klinkmüller

sprach Ingvil Schirling

Zum Thema:
Der gestrige Neujahrsempfang des Landkreises Dahme-Spreewald war für Carl-Heinz Klinkmüller der letzte in seiner Funktion als stellvertretender Landrat. Sein letzter offizieller Arbeitstag ist in diesem Schaltjahr der 29. Februar. Das große Hobby Tischtennis wird den Luckauer im Mai zur Senioren-Weltmeisterschaft nach Alicante in Südspanien führen. Klinkmüller ist seit 25 Jahren zweiter Vorsitzender von Einheit Luckau. Den Sport begann er als 13-Jähriger. Die Stelle des Beigeordneten ist deutschlandweit ausgeschrieben, Bewerbungsschluss ist am 22. Januar. Bisher sind Verwaltungsangaben zufolge 15 Bewerbungen eingegangen. Alle sollen Ende Januar von Landrat Stephan Loge (SPD), Kreistagsvorsitzendem Martin Wille (SPD) und den Fraktionsvorsitzenden gesichtet werden. Danach werden Bewerbungsgespräche vereinbart. Derzeitiger Plan ist, dass der neue Beigeordnete am 13. April vom Kreistag gewählt wird. Das Vorschlagsrecht hat der Landrat.