Von Andreas Staindl

Kirchengemeinden im Kirchenkreis Niederlausitz erinnern an die friedliche Revolution 1989. Wie war das damals, als die Staatsführung der DDR alles Kritische zu unterbinden versuchte? Und wie gelang es dennoch, dem Staat die Stirn zu bieten. Was ermutigte die Bürger damals?

Antworten auf diese und weitere Fragen rund um die Ereignisse vor 30 Jahren gab es am Dienstagabend im Richard-Raabe-Haus in Lübben. Martin-Michael Passauer war zu Gast und kam mit Zeitzeugen ins Gespräch. Der evangelische Theologe, Jahrgang 1943, war während der Wendezeit persönlicher Referent des Bischofs Gottfried Forck. Er beteiligte sich an der Organisation des Protests kirchlicher und oppositioneller Gruppen gegen die Manipulation der Kommunalwahlergebnisse im Mai 1989. Zudem war Passauer Mitglied der Kommission zur Untersuchung der Übergriffe der Staatssicherheit auf Demonstranten vor der Gethsemanekirche Anfang Oktober 1989 in Berlin.

Der Pfarrer im Ruhestand erinnert sich noch genau an die damalige Zeit. Auch daran, dass der Protest gegen die Staatsmacht friedlich verlief: „Kerzen und Gebete haben die Staatsführung wehrlos gemacht.“ Für ihn haben vor allem kirchliche Rituale deshalb eine große Bedeutung. Und noch etwas habe sich als sehr erfolgreich gegenüber der Staatsmacht herausgestellt, die nur auf gewalttätige Aktionen der Protestierenden gewartet habe: „Wir haben mit dem Grundsatz ,keine Gewalt’ geantwortet. Das war die beste Antwort auf die Parolen des Staates. Es hat deeskalierend gewirkt.“

Heftigen Gegenwind gab es allerdings für ein sichtbares Verwenden eines Teilzitat aus der Bibel: Schwerter zu Pflugscharen. Dieses Symbol der Friedensbewegung in der DDR in Form von Aufnähern und Aufklebern hatte „für uns junge Leute große Symbolkraft und Charme“, sagt Jörg Dunger von der Paul Gerhardt Kirchengemeinde.

Auch Manfred Härtel erinnert sich: „Der Grundsatz ,keine Gewalt’ war für mich eine feste Haltung, aber schwierig umzusetzen, etwa bei der Frage der Wehrdienstverweigerung. Ich bin sehr froh, dass ich nicht zu Kampfhandlungen gezwungen war.“

Stefan Roth würde das Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ wieder aufgreifen und begründet das so: „Deutschland ist einer der größten Rüstungsexporteure weltweit. Auch deutsche Waffen sind für Kriege in der Welt verantwortlich.“

Der Superintendent Thomas Köhler ist nicht sicher, „ob das Symbol ,Schwerter zu Pflugscharen’ allein immer reicht“. Er erinnerte an die Niederschlagung der Protestbewegung 1989 in Peking, als das chinesische Militär mit Gewalt reagierte.

Kann die Kirche positiven Einfluss nehmen? „Wo Kirche war, war Frieden“, sagt Martin-Michael Passauer. „Ich bin mir nicht sicher, ob das heute auch noch so ist.“ Er stellt zudem die Frage nach der Autorität eines Pfarrers. „Spielen Geistliche noch eine Rolle in ihrem jeweiligen Ort?“

Marianne Roth ist skeptisch: „Wer wird denn überhaupt noch als Autorität wahrgenommen?“ Sie begründet ihre Zweifel mit dem „Werteverfall in unserer Gesellschaft“.

Kerstin Höpner-Miech, Pfarrerin in Massen (Elbe-Elster), schildert ihre Erfahrung: „Ich werde als Pfarrerin etwa bei Demonstrationen schon wahrgenommen.“ Doch was ist mit der Aufbruchsstimmung der Vorwendezeit? Jener Zeit, als „in kirchlichen Gebäuden fast alles stattfinden konnte, das anderenorts nicht möglich gewesen wäre“, fragt Martin-Michael Passauer. „Kirchen haben den Menschen in der DDR eine Stimme gegeben. Wir können auch heute mit ihnen wuchern.“

Doch „der Mut von damals, die Hoffnung die von der Kirche ausging“, wie Manfred Härtel sagt, sind längst nicht mehr so stark. „Nach der Wende ist vieles verpufft“, stellt Marianne Roth fest. „Den Menschen fehlt der Schwung.“

Dass die Veranstaltung im Raabe-Haus bescheiden besucht war, bestätigt sie in ihrer Einschätzung: „Ich hätte viel mehr Leute erwartet. Dass die meisten Bürger in der DDR Atheisten waren, das spürt man noch heute.“