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| 12:20 Uhr

Kultur
Vom Kreuz befreit

Laudator Uwe Mücklausch (stehend) während der Ausstellungseröffnung von Lithografien Fritz Cremers in der Dahmer Kirche St. Marien.
Laudator Uwe Mücklausch (stehend) während der Ausstellungseröffnung von Lithografien Fritz Cremers in der Dahmer Kirche St. Marien. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Dahme. Auf Initiative von Pfarrer Carsten Rostalsky werden in der Dahmer Kirche St. Marien Lithografien von Fritz Cremer gezeigt. Von Ingvil Schirling

Das Kreuz zerbrechen, vom Kreuz springen, sich die Dornenkrone herunterreißen und befreien – derlei Szenen sind derzeit in der Dahmer Kirche St. Marien zu sehen. Vor wenigen Tagen eröffnete Pfarrer Carsten Rostalsky mit Laudator Uwe Mücklausch eine kleine, aber sehr feine Ausstellung mit neun Lithografien zum Motivkreis „Gekreuzigter“ des großen Künstlers Fritz Cremer.

„Genug gekreuzigt!“, heißt es derzeit in der Dahmer Kirche St. Marien.
„Genug gekreuzigt!“, heißt es derzeit in der Dahmer Kirche St. Marien. FOTO: LR / Ingvil Schirling

„Ich verehre ihn sowohl als Bildhauer als auch als Grafiker“, bekannte Uwe Mücklausch gleich zu Beginn. Der Berliner Künstler hat mehr als ein Standbein in der Region und an der Sanierung der Dahmer Kirche St. Marien ebenso Anteil. Für die Ausstellung kniete er sich nochmals tief in die Biographie des 1906 geborenen und in einer Bergarbeiterfamilie als Ziehkind aufgewachsenen Künstlers, Kommunisten und Gläubigen. Im Zentrum des Abends stand vor allem dessen Menschenbild: Trotz (oder wegen) eigener Schicksalsschläge und dramatischer Ereignisse im Leben ist es positiv, kraftvoll, sinnlich, ermächtigend und selbstbestimmt.

Die Entwicklung dahin ist anhand der neun Lithografien aus einer Originalmappe, ergänzt von Fotografien von Bronzestatuen, leicht nachzuvollziehen. Der Gekreuzigte, der Jesus sein könnte – oder ein Mensch in einer scheinbar ausweglosen, quälenden Hängepartie, auf physischer Ebene eine der furchtbarsten Foltermethoden – löst sich Stück für Stück aus eigener Kraft. Erst ein Arm. Dann fliegt die Dornenkrone weg, in mehreren Varianten immer schwungvoller und entschlossener werdend. Schließlich wird der schwere Kreuzbalken übers Knie zerbrochen oder geht in einem beherzten Sprung aus der Situation gleich mit zu Bruch. Aus der Qual wird ein Triumph der Eigenmacht.

„Das Thema ist die grundsätzliche Befreiung von Fesseln, egal ob physisch, gedanklich, geistig oder seelisch“, brachte es Mücklausch auf den Punkt. Die ersten dieser Arbeiten entstanden Mitte der 1970er-Jahre, und das Thema beschäftigt Cremer bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Augenzwinkernd erzählte Uwe Mück­lausch, dass er die Laudatio auf Anfrage von Carsten Rostalsky als „Strafarbeit“ übernommen habe, weil er ein Bild nicht wie versprochen geliefert hätte – grinste jedoch gleichzeitig in Vorfreude auf die Aufgabe. Dabei entdeckte der gebürtige Lübbenauer durchaus Parallelen zu seiner eigenen Biographie, was die Ausstellungseröffnung umso lebendiger machte. Die Liebe zum Menschen, die Cremer ausdrückte, jenseits von Leid und Krieg, hin zu Entfaltung und Kreativität stand im Mittelpunkt des Abends und ist in den kommenden Wochen im Seitenraum der Dahmer Kirche zu sehen.