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| 18:44 Uhr

Einzigartig in Dahme-Spreewald
Psychisch Kranke in Familien – eine positive Bilanz

 Sylvia Scheibel (r.) berichtet von ihren Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen. Die Lübbenerin ist eine von derzeit 17 Gastfamilien im Landkreis Dahme-Spreewald. Sie ist von Beginn an in der psychiatrischen Familienpflege engagiert.
Sylvia Scheibel (r.) berichtet von ihren Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen. Die Lübbenerin ist eine von derzeit 17 Gastfamilien im Landkreis Dahme-Spreewald. Sie ist von Beginn an in der psychiatrischen Familienpflege engagiert. FOTO: Andreas Staindl
Lübben. Wer psychisch krank ist, hat es schwer, das Leben allein zu meistern. Oft bleibt nur eine stationäre Einrichtung. Doch es gibt Alternativen: betreutes Wohnen in Familien. Was als Modellprojekt gestartet war, feierte jetzt seinen 20.Geburtstag. Akteure von einst und heute blickten während eines Fachtags zurück, in die Gegenwart und nach vorn. Von Andreas Staindl

„Ich bin sehr froh, dass wir ein so attraktives Angebot in unserem Landkreis vorhalten“, sagte Carsten Saß (CDU). Der Sozialdezernent verwies darauf, dass es betreutes Wohnen in Familien landesweit flächendeckend nur im Landkreis Dahme-Spreewald gibt. Die Idee wird ihm zufolge auch in anderen Bundesländern nur wenig umgesetzt.

In Dahme-Spreewald ist sie erfolgreich. 72 psychisch kranke Menschen konnten während der vergangenen 20 Jahre in 47 Familien ein neues Zuhause finden, sagte Diplom-Psychologin Ines Kalisch vom Trägerverein Profil-Betreutes Leben in Gastfamilien. 24 Gäste – auch aus andern Kreisen – in 17 Familien seien es derzeit.

Herz und Türen geöffnet

Sylvia Scheibel aus Lübben hat von Beginn an nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Türen für psychisch kranke Menschen weit geöffnet. „Es ist mir einfach ein Bedürfnis, Betroffenen ein Familienleben zu ermöglichen.“ Zwei Männer waren schon ihre Gäste, eine Frau ist es aktuell. „Sie gehört inzwischen fest zu unserer Familie dazu“, sagte Sylvia Scheibel. „Wir nehmen sie auch mit in den Urlaub.“

Ihr Mann Klaus-Peter empfindet die Gäste „als Bereicherung meines eigenen Lebens. Das Zusammenleben mit ihnen erweitert unseren Horizont. Es gab nie eine Zeit, wo wir die Aufnahme bereut haben.“

Peter Stolz nannte es „ein Stück Entwicklungshilfe für Betroffene“, was Gastfamilien leisten. Der Professor für Sozialmedizin im Ruhestand hatte das Projekt von Beginn an begleitet, es maßgeblich mit angeschoben. „Es war anfangs nicht einfach, die Verwaltung des Landkreises zu überzeugen. Auch die Kliniken hatten Bedenken. Sylvia Lehmann allerdings hat die Idee von Beginn an unterstützt.“ Die heutige Kreistagsvorsitzende (SPD) war damals die zuständige Dezernentin in der Kreisverwaltung.

Auf der Suche nach Familien

Gastfamilien zu finden, ist nicht einfach. Diplom-Sozialpädagogin Sabine Lehmann von Profil sagte: „Wir bekommen immer weniger Angebote.“ Das Leben mit psychisch kranken Menschen in den eigenen vier Wänden ist ihr zufolge „kein Job, sondern ein Ehrenamt“ – für das es ein Betreuungsgeld gibt – „und eine Herausforderung“.

Tabea Weiß aus Kaden (Stadt Luckau) nimmt diese gern an. „Peter ist jetzt seit zehn Jahren bei uns“, erzählte sie. „Wir sind super zufrieden mit ihm, haben nur positive Erfahrungen gemacht. Ich würde mich immer wieder für eine Aufnahme entscheiden.“ Und wie reagieren die Leute im Dorf? „Sie sind sehr aufgeschlossen“, sagte Tabea Weiß. „Es gibt überhaupt keine Probleme.“

Der Verein Profil mit Sitz in Königs Wusterhausen begleitet die Gastfamilien fachlich. „Auch wir haben mit dieser Wohnform nur positive Erfahrungen gemacht“, sagte Andrea Pleßow, Sachgebietsleiterin im LDS-Sozialamt. Psychisch kranke Menschen gestalten mit ihren Gastfamilien gemeinsam den Alltag. Das gebe ihrem Leben eine Struktur, das Gefühl der Zugehörigkeit, und bietet ihnen Entwicklungschancen, die sie in stationären Einrichtungen in der Regel nicht hätten.

„Betroffene nehmen wieder aktiv am Gemeinschaftsleben teil“, sagt Carsten Saß. Er dankte den Familien, „die ihre Haustüren und Arme für psychisch kranke Menschen geöffnet haben“.Wer das ebenfalls möchte, kann sich an das Familienpflegeteam von Profil wenden. Kontakt: Ines Kalisch (0170 5430024) oder Sabine Lehmann (0170 5430023). Infos unter www.bwf-brandenburg.de.