ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 10:29 Uhr

RUNDSCHAU-Serie
Von der Vielfalt kosten

Von syrischen Kuchen bis Spreewälder Plinsen: Das Picknick-Buffet am Freitag bot eine ganze Bandbreite an interkulturellen Speisen.
Von syrischen Kuchen bis Spreewälder Plinsen: Das Picknick-Buffet am Freitag bot eine ganze Bandbreite an interkulturellen Speisen. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben. Zum ersten Interkulturellen Picknick kommen etwa 50 Menschen – aber wohl zu wenige Deutsche. Von Steven Wiesner

Yasser hat eine ganze Menge zu tun bei diesem Picknick. So viel, dass er fast gar nicht zum Essen kommt. Denn weil er bereits seit etwas mehr als zwei Jahren in Deutschland ist und gutes Deutsch spricht, wird ihm die Aufgabe zuteil, für ein paar Landsleute zu übersetzen und ihre syrischen Speisen vorzustellen. Milch, Öl, Eier, Frischkäse. Die meisten deutschen Begriffe kommen wie aus der Pistole geschossen. Und wenn er sich mal nicht sicher ist, dann greift er eben zum Handy und bekommt die Übersetzung via Google heraus.

Der 27-jährige Syrer scheint ein Paradebeispiel für einen jungen modernen Migranten zu sein, der hier Fuß fassen kann. Er hat eine eigene Wohnung, hat ein Praktikum im Krankenhaus absolviert und sobald er den nächsten Sprachkurs hinter sich gebracht hat, will er eine Ausbildung beginnen. „Yasser hat sich zusätzlich zum Deutschunterricht sogar alleine hingesetzt und mit seinem Handy gelernt“, sagt Marlies Siegert von der evangelischen Kirchengemeinde und dem Netzwerk „Miteinander für Lübben“.

Eben jenes Netzwerk hat das erste Interkulturelle Picknick am vergangenen Freitag auf der Lübbener Schlossinsel initiiert und damit den Auftakt gegeben für die Interkulturelle Woche des Landkreises Dahme-Spreewald. Das Netzwerk existiert seit Juni 2017 und soll die Arbeit mit Migranten in der Stadt vorantreiben. Zu ihren Akteuren gehören neben der Kirchengemeinde auch die Diakonie, die Caritas, das Forum gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit sowie die Stadt Lübben selbst. Auch der Landkreis hat sich finanziell am Picknick beteiligt.

Etwa 50 Menschen versammelten sich rund um das Buffet, um sowohl von der kulinarischen, aber durch Gespräche und Spiele eben auch von der kulturellen Vielfalt zu kosten. „Es kommen nur leider oft zu wenige Deutsche vorbei“, bedauert Marlies Siegert. „Aber das ist kein Problem, was nur Lübben hat. Das ist überall so in Deutschland.“

Ein paar Lübbener aber sind gekommen. Darunter auch ein Ehepaar, das sich schon länger für Flüchtlinge einsetzt und zeigt, dass Integration keine Einbahnstraße ist. „Die Flüchtlinge sind jetzt nun mal da und jeder Mensch hat seine Geschichte“, sagt der Mann, der unbekannt bleiben möchte. Das Paar hat den jungen Migranten Wohnungen und Jobmöglichkeiten vermittelt. Seine Frau erzählt: „Einer der Syrer hat mich mal um 50 Euro gebeten. Die habe ich ihm gegeben. Und obwohl ich das Geld nicht zurück haben wollte, stand er sobald er wieder Geld vom Amt bekommen hatte, bei mir auf der Matte und wollte mir den Schein zurückgeben.“ Ihr Mann ergänzt: „Ich sehe das als unsere menschliche Pflicht an, diesen Leuten zu helfen.“

Doch ein derart nobles Weltbild hat nicht jeder in diesem Land – und auch in Lübben nicht. „90 Prozent der Menschen sind sehr positiv“, sagt Yasser zwar. Sein Kumpel Ali aber fällt ihm ins Wort und sagt: „Naja, mach mal 50 Prozent daraus.“ Ali meint damit Vorfälle wie die auf dem Spreewaldfest vergangene Woche, als Flüchtlinge und auch deren deutsche Begleiter vereinzelt beleidigt wurden. Auch Ilka Gelhaar-Heider vom Lübbener Forum gegen Fremdenfeindlichkeit kennt solche Zwischenfälle, sagt aber: „Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, gab es Orte in der Stadt, wo sich Ausländer nicht blicken lassen konnten. Ich glaube, die gibt es heute nicht mehr.“ Und jedes weitere interkulturelle Picknick kann für weitere Annäherung zwischen Einheimischen und Migranten sorgen.

MORGEN So schätzt Antje Pretky, die Migrationsbeauftragte des Landkreises Dahme-Spreewald, den Stand der Integration ein.