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| 17:31 Uhr

Konzert unter der alten Linde
„Chordophone“ hinterfragt Folklore in Schlepzig

 Tänzerin Alexandra Wagner gab den Stimmungen in dem vierteiligen Werk „Quasi una Fantasia“ Ausdruck. Es war Teil des Konzerts von „Chordophone“ am Samstagabend im Schlepziger Bauernmuseum unter der alten Linde.
Tänzerin Alexandra Wagner gab den Stimmungen in dem vierteiligen Werk „Quasi una Fantasia“ Ausdruck. Es war Teil des Konzerts von „Chordophone“ am Samstagabend im Schlepziger Bauernmuseum unter der alten Linde. FOTO: framerate-media.de / Stefan Otto
Schlepzig. „Klingende Nachtfantasien“ der anderen Art holten wohltuende und humorvolle Irritationen unter die alte Linde. Von Ingvil Schirling

Damit hatte keiner gerechnet. Eine Sängerin betrinkt sich auf offener Bühne? Es gibt modernen Ausdruckstanz, wenn ein Teil des Sorbischen Nationalensembles auftritt? Und statt der erwarteten Folklore ertönt ein rauhes Klangwerk aus dem Jahre 1991?

Fast schon lustvoll, so schien es, brach das Ensemble Chordophone mit den Erwartungen seines Publikums. Etwa 60 Zuhörer saßen am Samstagabend unter der lauschigen Linde im Innenhof des Schlepziger Bauernmuseums und freuten sich auf ein Konzert von vier Musikern, die an sich Teil des Sorbischen National-Ensembles sind und an diesem Abend mit ihrer Künstlergruppe „Chordophone“ auftraten. Und sie wurden gehörig überrascht.

Es fing ganz harmlos an

Nicht sofort, versteht sich. Den Anfang machte ein obersorbisches Lied, in dem es, ähnlich wie in Romeo und Julias „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, um die ungestörte Zweisamkeit des nachts geht und die Frage, wie lange diese süße Zeit noch anhalten mag. Ganz sachlich im Titel als „Budzer – Der Wecker“ ausgedrückt.

Der gesprochene Text wurde von Instrumentaleinlagen ergänzt – schon etwas unerwartet, aber warum auch nicht. Eher düster wurde es im Hauptstück „Quasi una Fantansia“ von Henryk Mikolaj Gorecki aus 1991. In der Tat wurden die „folkloristischen Motive der Hohen Tatra obsessiv wiederholt“, wie es im Programmheft treffend stand, und sie entwickelten die angekündigte aggressive Energie. Gründlich gegen den Strich gebürstet wird hier die Folklore, und die Tänzerin Alexandra Wagner drückte dazu alle möglichen Emotionen aus: Verzweifelte Suche, absolute Erschöpfung, tiefe Traurigkeit, vorsichtiges Kraftschöpfen. Das Stück verlangte Zuschauern und Musikern einiges ab. „Geht das jetzt die ganze Zeit so weiter?“, flüsterte es sogar entsetzt aus einer hinteren Reihe.

Die Adiemus-Variationen versöhnten

Doch die Pause nutzte keiner zur Flucht. Die Art, wie Bettina Witke (1. Violine) und ihre Kollegen die Streichquartette deuteten, wie Aggression und Sanftmut, Verzweiflung und Hoffnung als zutiefst menschliche Emotionen herausgearbeitet wurden, faszinierte über die anstrengenden Passagen hinweg. Die Adiemus-Variationen versöhnten – doch dann kippte sich Sängerin Lisa Zschornak einen Weißwein nach dem anderen hinter die Stimmbänder. Wegschauen, Irritation, Getuschel – bis klar wurde: Es gehört natürlich zum Programm und ist die ironische Antwort auf die Folgen des Schäferstündchens vom Anfang. Was, wenn der Wecker den Alltag einziehen lässt? Oder einer von beiden eigentlich nicht frei ist? Grandios und selbstironisch beklagt die junge Frau ihre versunkene Liebe.

Am Ende gab es noch zwei Zugaben – und ein trotz oder gerade wegen der unerfüllten Erwartungen ein zufriedenes Publikum. „Es war schon anspruchsvoll“, sagte Gisela Christl aus Lübben, besser bekannt als Spreewald-Christl. Sie sei „gerne dabei, weil es eine sorbische Veranstaltung ist – das unterstütze ich. Dass das Eintrittsgeld in die Arbeit des Museums fließt, finde ich super.“ Einziger Wunsch: Die sprachlichen Teile hätten auf nieder- statt auf obersorbisch sein können. Ingrid Köhler aus Dresden fand das Konzert „sehr anregend“, gerade weil es „recht ungewöhnlich“ war. Sie war begeistert „vom Ambiente des Bauernmuseums“ mit seinem Innenhof und der alten Linde im Zentrum.

Nächste Aquamediale-Veranstaltung

Das Konzert von Chordophone in Schlepzig war Teil des Aquamediale-Rahmenprogramms. Das internationale Kunstfestival zeigt bis 21. September Arbeiten unter dem Titel „Spreeland trifft...“ am Hafen und im Schlosspark in Straupitz. Die nächste Veranstaltung in diesem Rahmen und als Teil des Fontane-Jahres ist am 7. September das „Fließende Atelier“ in Burg. Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon kreiert eine größere Arbeit, deren letzter Teil während einer Kahnfahrt entsteht. Die inhaltliche Klammer bietet eine Hörgeschichte von Uwe Leo. Treffpunkt ist am Bootshaus Rehnus, Waldschlößchenstraße 40, 03096 Burg, Beginn um 17 Uhr. Näheres unter www.aquamediale.de. Die Aquamediale ist darüber hinaus Teil des „Kunstraums Spreewald“.