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| 11:38 Uhr

Gesundheit
Eine Hüfte aus dem 3D-Drucker

Professor Wich erläutert seiner Patientin anhand von 3D-Drucken ihres Beckens ihren komplizierten Bruch.
Professor Wich erläutert seiner Patientin anhand von 3D-Drucken ihres Beckens ihren komplizierten Bruch. FOTO: Ragnhild Münch
Königs Wusterhausen. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 37. besondere Fall kommt aus dem Klinikum Dahme-Spreewald. Von Renate Marschall

Diesen 13. Februar wird Hedwig Fischer nicht so bald vergessen. Sie will nur noch schnell ihr Fahrrad in den Keller bringen und es sich dann zu Hause gemütlich machen. Hundert Mal hat sie diese Kellertreppe schon genommen, diesmal aber verfehlt sie die letzte Stufe und stürzt. „Ich habe gleich gespürt, dass etwas Schlimmes passiert ist“, erinnert sie sich. „Ich konnte nicht mehr aufstehen, hatte höllische Schmerzen.“

Glücklicherweise hören die Nachbarn ihre Hilferufe. Im Handumdrehen sind ihre Kinder und die Schnelle Medizinische Hilfe informiert. Hedwig Fischer wird ins Achenbach Krankenhaus in Königs Wusterhausen gebracht. „Ich hatte so ein Glück, dass Professor Wich an diesem Tag Dienst hatte“, weiß die Anfang 80-Jährige heute.

Prof. Dr. Michael Wich ist Chefarzt der Fachabteilung für Unfallchirurgie und Orthopädie des Krankenhauses und stellvertretender Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie der BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin GmbH. Er pendelt tageweise zwischen beiden Kliniken.

Nachdem die Bilder vom Computertomografen vorlagen, war schnell klar, Hedwig Fischer hatte sich die Hüfte gebrochen, aber nicht einfach nur so. „Die Patientin hatte sich einen komplizierten Trümmerbruch des Acetabulums (Hüftpfanne) zugezogen, der, wenn man ihn ohne Eingriff zusammenheilen lassen würde, Frau Fischer für den Rest des Lebens Probleme beim Gehen verursachen könnte“, so die Einschätzung des Mediziners. Auch hätte sie lange liegen müssen, was bei älteren Menschen oft weitere gesundheitliche Komplikationen nach sich zieht.

Der besondere Fall von Hedwig Fischer und ihre gute körperliche Verfassung sprachen für eine Operation, die optimale Heilungschancen versprach und bei der ein 3D-Drucker eine besondere Rolle spielt.

„Die Hüftpfanne ist ein für den Operateur am schwierigsten zugänglicher Gelenkanteil“, so Prof. Dr. Wich. „Und so eine zertrümmerte Hüftpfanne wie bei Hedwig Fischer ist eine der anspruchsvollsten Operationen am menschlichen Skelett überhaupt.“ Nur über einen kleinen Schnitt, weniger als zehn Zentimeter lang, ist das Gelenk zu erreichen, schlecht einzusehen. „Die Frage, wie reponiere ich am sinnvollsten, lässt sich oft erst während der Operation klären. Um die Bruchstücke aneinander zu befestigen, werden Platten eingesetzt, die an die Anatomie angepasst werden müssen. „Das heißt, sie müssen immer wieder an die Bruchstelle gebracht, ihr Sitz überprüft, wieder herausgenommen, die Form korrigiert und erneut eingesetzt werden“, beschreibt der Unfallchirurg das übliche Prozedere.

Wesentlich verkürzen lässt sich die Operationszeit, wenn schon bevor der erste Schnitt getan ist, alle Platten passgenau bereit liegen und nur noch an der richtigen Stelle platziert werden müssen, wenn selbst die Länge der Schrauben vorbestimmbar ist.

Hier kommt der 3D-Drucker ins Spiel. „Während das Röntgen ja nur zweidimensionale Bilder liefert, erhalten wir vom Computertomografen eine dreidimensionale Ansicht, sodass sich das Hüftgelenk von allen Seiten betrachten lässt. Mit diesen Daten wird dann ein 3D-Drucker gefüttert“, erklärt Prof. Wich. Dazu arbeitet er mit der Firma HumanX, die sich auf die Herstellung medizinischer Modelle spezialisiert hat, zusammen. „HumanX ist die praktische Weiterführung meiner Doktorarbeit“, erzählt Firmengründer Marcel Pfützner, der auch für Gefäß- und Herzchirurgen den Eingriff planbarer macht.

Etwa zwölf Stunden dauere es, aus Hunderten Einzelbildern ein Planungs-Modell der Hüfte mit allen anatomischen Besonderheiten und Bruchstücken herzustellen. Der finanzielle Aufwand, der je nach Aufgabenstellung zwischen 400 und 800 Euro liegt, sei vertretbar, wenn man die Vorteile für den Patienten betrachte, so Prof. Wich. Die Belastung durch die Operation werde dadurch minimiert, was gerade für ältere Menschen wie Frau Fischer nicht unerheblich sei. Bereits sechs solcher „Modell-Operationen“ hat er durchgeführt. Sinnvoll sind sie, wie er sagt, nur bei komplizierten Brüchen und schwer zugänglichen Skelettbereichen.

Hedwig Fischer jedenfalls kann sich schon wieder fortbewegen, „hopsen“, wie sie sagt, wenn auch mit einer Gehhilfe. „Ich hatte solches Glück im Unglück, dass ich auf Professor Wich getroffen bin“, erzählt sie. „Nicht jeder hätte sich solche Mühe gegeben, und ich hätte vielleicht nicht mehr laufen können. Er hat mir alles genau erklärt, mir das Modell gezeigt. Alle Achtung, wie er meine Hüfte wieder hingekriegt hat“, ist Hedwig Fischer des Lobes voll.

Im Geriatrischen Zentrum des Krankenhauses Hedwigshöhe in Bohnsdorf bei Berlin lernt sie, nach und nach das Bein wieder zu belasten. „Ich muss wieder Kräfte sammeln. Die Physiotherapie hilft mir, meine Muskeln aufzubauen.“ Optimistisch blickt sie in die Zukunft, auf ein weiterhin selbstbestimmtes Leben, das sie modernster Technik und ärztlicher Kunst verdankt – und ihrer eigenen positiven Lebenseinstellung.

www.lr-online.de/besonderer-fall

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Prof. Michael Wich Foto: Klinikum
Prof. Michael Wich Foto: Klinikum FOTO: Klinikum Dahme-Spreewald