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| 01:26 Uhr

Ein Stück Heimat Die stille Schlesierin in Weißwasser

Der beliebte Seelöwe vor der Kita Ulja ist zurzeit in einer Restaurationswerkstatt. Im Frühjahr soll er aber wieder an seinen alten Platz zurückkehren.
Der beliebte Seelöwe vor der Kita Ulja ist zurzeit in einer Restaurationswerkstatt. Im Frühjahr soll er aber wieder an seinen alten Platz zurückkehren. FOTO: Archiv / Brinkop
Was macht eigentlich die Region um Weißwasser zwischen Schleife und Bad Muskau, von Boxberg bis Rietschen lebens- und liebenswert? Das sind vor allem Menschen, die diese Lausitzer Gegend prägen oder geprägt haben, die sie für andere zur Heimat machen und deshalb selbst so etwas wie ein Stück Heimat geworden sind. Heute: Die Bildhauerin Dorothea von Philipsborn. Von Thoralf Schirmer

„Dorothea von Philipsborn? Da müssten Sie sich mal mit Gerhard Schicht unterhalten.“ Irgendwann fällt dieser Satz immer, wenn man Kulturverantwortliche, Historiker oder Denkmalschützer in Weißwasser auf die Künstlerin anspricht, die 1946, aus ihrer schlesischen Heimat vertrieben, nach Trebendorf kam und ab 1953 bis zu ihrem Tod 1971 in Weißwasser lebte. Viel über ihre Lebensumstände vor und nach dem Krieg ist nicht bekannt. Ihre wenigen engen Vertrauten, darunter der Künstlerkollege Jürgen von Woyski, sind verstorben. Und wenn einer heute noch aus eigenem Erleben über sie berichten kann, dann ist es Gerhard Schicht.
Der 72-Jährige, der heute in Döbern (Spree-Neiße) lebt, hatte Dorothea von Philipsborn als Bildhauerin kennengelernt, die ihr Wissen und ihre kreative Leidenschaft in Kunstkursen weitergab, so auch an ihn. Er kannte sie als Christin, die zur gleichen Kirchgemeinde wie seine Mutter gehörte. Und er schätzte sie und ihre Arbeit auch auf der Berufsebene, denn Schicht arbeitete in der DDR als Kreissekretär des Kulturbundes in Weißwasser.
Auch (oder gerade) über die Wendezeit hinaus hat Gerhard Schicht mit viel Geduld, Kraft-, Zeit- und Rechercheaufwand versucht, das Andenken von Dorothea von Philipsborn genau so zu bewahren wie ihre Kunst. Eine Kunst, die sich einer einfachen Zuordnung entzieht, die sich weder dem martialischen Heldenpathos des Dritten Reiches noch dem sozialistischen Realismus der jungen DDR unterordnete, sondern allein einer Bewunderung für die Anmut und Ungezwungenheit der Jugend, für die Schönheit des Natürlichen und des einfachen Lebens im Einklang mit der Natur folgte. Sie selbst sprach von „figürlichem Realismus“ .
Ihre schlesische Heimat - sie lebte bis zu ihrem 41. Lebensjahr auf Gut Schweidnitz - mag sie so geprägt haben. Sicher auch die Zeit der freien und befreiten Künste in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, die sie als junge Frau und bereits anerkannte Künstlerin erlebte. Im Haus ihrer Eltern verkehrten zahlreiche Künstler. Ihre ersten eigenen plastischen Arbeiten hatte Dorothea von Philipsborn schon mit 14 Jahren geformt.
1946 von ihrem Gut vertrieben, kam sie auf der Flucht mit drei Freundinnen bis Trebendorf. Sie blieb in der Lausitzer Grenzregion, die eine zweite Heimat für sie wurde. „Sie hätte auch nach Westberlin gehen können“ , weiß Gerhard Schicht. „Es gab einige Künstlerkollegen aus ihrer früheren Zeit, die sich am Wannsee niedergelassen hatten, und die ihr anboten, auch dorthin zu kommen. Aber das hat sie immer abgelehnt. Sie wollte hier bleiben.“
An seine erste Begegnung mit Dorothea von Philipsborn erinnert sich Schicht noch gut. Eine Diskussionsrunde mit deutschen und sorbischen Teilnehmern in Trebendorf. Er damals als Kulturverantwortlicher der FDJ, sie als das Fräulein von Philipsborn, das weder die Künstlerin und den Adel erkennen ließ. „Sie war unheimlich bescheiden, und sie hat sich gut mit den sorbischen Menschen auf dem Dorf verstanden. Vielleicht hat sie so eine Art Geistesverwandschaft zwischen der schlesischen und der sorbischen Kultur gespürt“ , meint Schicht.
Arm und ohne Habe war sie 1946 in Trebendorf angekommen. Ihre künstlerische Arbeit nahm sie aber sofort wieder auf. Am Anfang, erinnert sich Schicht, habe sie bei den Bauern Kunst gegen Naturalien getauscht - „Zum Beispiel kleine Kruzifixe. Ich kenne jemanden in Mühlrose, der seins heute noch hat.“ So ernährte sie ihre kleine Solidargemeinschaft, in der sie zusammen mit ihrer früheren Gesellschafterin Elisabeth Hein, der Köchin Gertrud Kahmann und der Künstlerin und Lehrerin Eva Maria Volk lebte.
Langsam gab es auch Aufträge für Dorothea von Philipsborn. 1947 Büsten von Gerhard Hauptmann und Wilhelm Pieck für das Lehrerinstitut in Leipzig. 1948 der Christus am Kreuz - eine Holzplastik für den Altar der Schleifer Kirche. 1953, in ihrem schaffensreichsten Jahr in der neuen Heimat, entstanden unter anderem die Steinzeugton-Plastiken des „Seelöwen“ (die Plastik am Brunnen vor der Kita Ulja in Weißwasser wird mittlerweile im Volksmund fälschlicherweise gern die „Robbe“ genannt) und des überlebensgroßen „Bergmannes“ für die Bergbauhochschule in Senftenberg. Die Keramikteile für diese Plastiken wurden im Steinzeugwerk Krau schwitz geformt und gebrannt. „Ich sehe Dorothea von Philipsborn noch vor mir, wie sie auf dem Fahrrad dort hin fuhr, in ihrer abgewetzten braunen Lederjacke, eine Baskenmütze auf dem Kopf und eine große Umhängetasche“ , erinnert sich Gerhard Schicht. „Sie war nicht direkt unordentlich, aber vielleicht ein bisschen nachlässig mit sich selbst. Sie legte nicht so viel Wert aufs Äußere. Das trifft auch auf ihre Wohnung in der Rothenburger Straße 16 in Weißwasser zu.“
Ein vollständiges Werksverzeichnis zu Dorothea von Philipsborns Arbeiten gibt es bislang nicht. Aber Freizeithistoriker Schicht hat immerhin seit 1962 und bis 2003 insgesamt 130 große und kleine Kunstwerke in Brandenburg und Sachsen gesichtet und auch in Polen, so zum Beispiel im Nationalmuseum Breslau Arbeiten der Künstlerin ausfindig gemacht. Er selbst verwahrt 15 Gipsplastiken nach Entwürfen der Künstlerin, die auch als kleinere Bronzeplastiken existieren.
Damit, mit Leihgaben des Nationalmuseums Breslau und viel Fotomaterial hatte er Philipsborn-Ausstellungen zusammengestellt. Auch in Weißwasser war sie 2004, im Jahr des 110. Geburtstages der Künstlerin, zu sehen. Ein wenig enttäuscht habe ihn damals, gesteht Schicht, dass die Stadt Weißwasser, die ein „Liegendes Paar“ von Dorothea von Philipsborn in ihrem Besitz hat, diese Bronze-Kleinplastik (sie ist heute im Glasmuseum zu sehen) für die Ausstellung nicht habe zur Verfügung stellen wollen. Auch mit seinem Vorschlag, im Glasmuseum eine Dauerausstellung zur Erinnerung an die Künstlerin aus Weißwasser einzurichten, habe er bislang keinen Erfolg gehabt, bedauert Schicht.
Eines aber hat er immerhin doch erreicht. Nachdem er seit 1990 mehrmals vergeblich an die Stadt Weißwasser mit dem Antrag herangetreten war, Dorothea von Philipsborn, posthum zur Ehrenbürgerin zu ernennen, wird nun - so hat es der Stadtrat im Dezember beschlossen - ihre Grabstätte auf dem Weißwasseraner Friedhof in ein Ehrengrab umgewandelt.
Die Denkmalskommission der Stadt kümmert sich indessen, so gut sie kann, um den Erhalt und die Pflege der Kunstwerke, die in der Stadt noch verblieben sind. Der „Seelöwe“ von der Kita Ulja, dessen Keramikkörper durch die Witterung gerissen und bröckelig geworden war, wird zurzeit restauriert und soll, so der Vorsitzende der Kommission Günther Segger, im Frühjahr am alten Standort aufgestellt werden.
Vielleicht, so hofft Gerhard Schicht, wird Dorothea von Philipsborn in der Stadt, die sie für ihre letzten zwei Lebensjahrzehnte zu ihrem Lebensmittelpunkt wählte, am Ende doch noch die Anerkennung bekommen, die sie in der DDR zeitlebens vermisste. Dass sie bekennende Schlesierin war und blieb (so entwarf sie zum Beispiel ein beeindruckendes Grabmal für ein schlesisches Ehepaar auf dem Bad Muskauer Friedhof), dass sie Christin war und blieb, dass mancher ihre Kunst der Vorkriegsjahre - so zum Beispiel das Oberschlesierdenkmal (1922) oder ein Kriegerdenkmal (1936) in die Nähe nazistischer Heldenverehrung rückte und nicht zuletzt, dass sie von Adel war, machten es ihr schwer, ihren Platz im sozialistischen Kunstbetrieb zu finden. Die Frau, die ihr „von“ fortan in einer nur für Eingeweihte verständlichen Signatur versteckte, wurde erst wenige Jahre vor ihrem Tod, unter anderem auf Drängen von Jürgen von Woyski, mit dem Carl-Blechen-Preis geehrt.