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Ein Neuanfang im Spreewald

Kennenlernen im Übergangswohnheim: Annett Noack (Diakonie, jetzt Integrationsbeauftragte in Spree-Neiße), Sultan aus Dagestan, Sozialarbeiterin Elitsa Molla und Sozialdezernent Carsten Saß (CDU) im Gespräch.
Kennenlernen im Übergangswohnheim: Annett Noack (Diakonie, jetzt Integrationsbeauftragte in Spree-Neiße), Sultan aus Dagestan, Sozialarbeiterin Elitsa Molla und Sozialdezernent Carsten Saß (CDU) im Gespräch. FOTO: Ingvil Schirling
Lübben/Luckau. So bunt wie das Leben sind die Biografien der Neubürger im Spreewald. Kriegs- und Krisenflüchtlinge aus aller Welt leben nun auch in Lübben, Luckau und Umgebung. Wer sind die Menschen, die alles zurücklassen, um ein neues Leben zu beginnen? Zu Besuch im Flüchtlingsheim. Ingvil Schirling

"Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln", steht in großen Lettern an der Wand des kleinen Büros rechts des Eingangs. Hier arbeitet Elitsa Molla. Die Sozialarbeiterin beim ASB Luckau-Dahme betreut die 52 Bewohner des Lübbener Übergangswohnheims. Sie hat für jeden ein Lächeln, der hier hereinkommt auf der Suche nach Antworten auf die Fragen, die mit Flucht, Vertreibung und ihrem neuen Leben in einem fernen Land zusammenhängen.

Sultan, ein 37-jähriger Sporttrainer, kommt aus Dagestan, der russischen Republik im Nordkaukasus an der Grenze zu Georgien, Armenien und Tschetschenien. Er ist seit gut neun Monaten in Deutschland, und es gefällt ihm hier. Neben seinem Beruf als Trainer für Kung Fu hat er auch als Wachmann gearbeitet. Seine Kenntnisse als Kung-Fu-Lehrer will er gern an der 1. Grundschule in Lübben weitergeben, ehrenamtlich, im Rahmen einer Sport-AG, mit allem, was dazugehört: Atemübungen, geistige Einstellung, Fairness gegenüber dem Gegner. Doch momentan hat er kaum Zeit dafür: Das Asylverfahren ist anspruchsvoll, erfordert Fachwissen und Beratungen. Kommende Woche wird er mit seiner Frau Dzhamilya in eine Wohnung umziehen - endlich ein bisschen mehr Privatsphäre in einem Lebensabschnitt, in dem kaum noch etwas ist, wie es war.

In Elitsa Mollas Büro kommt auch Nouri Rassul. Der 42-Jährige ist Vater von vier Kindern und kommt aus Kabul in Afghanistan, lebt seit dem 14. Juli 2014 in Deutschland. Nach Stationen in Eisenhüttenstadt, Hamburg und Waßmannsdorf, dem großen Asylbewerberheim im Norden des Dahme-Spreewald-Kreises, kam er nach Lübben. "Mir gefällt hier alles", sagt er lächelnd, doch dann fällt ein Schatten auf sein Gesicht. "Ich habe ein Problem", beginnt er zu erklären, dass seine Frau mit dem jüngsten Sohn, drei Jahre alt, in Hamburg in einem Heim lebt, er mit den drei älteren Kindern in Lübben, "und das macht mich traurig". Jetzt in den Osterferien steht zwar ein Besuch bei der Mutter an, sonst aber gibt es nur Telefonate. "Die Kinder brauchen die Mutter", sagt Nouri Rassul schlicht und ergreifend. Noch hat das Gericht nicht entschieden, was aus der Familie werden soll. Die Eltern aber sind entschlossen, alles zu tun, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben werden. "In Afghanistan ist Krieg", sagt Nouri Rassul, "die Kinder können nicht zur Schule gehen und haben daher keine Zukunft. Von einer besseren Bildung in Deutschland erhofft sich die Familie mehr Wohlstand und sozialen Aufstieg für die kommende Generation. Die drei Kinder, sechs, zehn und elf Jahre alt, "sind ganz fleißige Schüler", attestiert Elitsa Molla. Ihr Vater tue sein Bestes, um sie zu versorgen, bekochen und zu unterstützen.

Nouri Rassul ist Lackierer und arbeitete in einer großen Autowerkstatt. Das würde er gern wieder tun - wenn er darf.

Während der Familienvater seine Söhne von der Schule in Empfang nimmt, lockt strahlender Frühlingssonnenschein nach draußen. Saedia geht durch den Flur, einen Korb mit frisch gewaschener Wäsche vor sich hertragend, gefolgt von ihrer Tochter Riyaag. Beide kommen aus Somalia und leben seit dem 23. September 2013 in Deutschland. Saedia ist 19 Jahre alt, Riyaag zwei Jahre und fast neun Monate. Auch diese beiden hoffen auf einen Neuanfang. Riyaag hat sich schon einmal die aktuelle Tageszeitung geschnappt. Zum Lesen der Lausitzer Rundschau reicht es noch nicht. Aber auf dem Kopf trägt sie sie stolz durch den Flur.

Zum Thema:
52 Menschen leben derzeit im Flüchtlingsheim an der Lübbener Friedrich-Ludwig-Jahnstraße. Darunter sind etwas mehr als 30 Kinder. In Wohnungen nahe Walddrehna gibt es weitere 45 Plätze. Zudem wird in Luckau die ehemalige Förderschule zur Unterbringung von 191 Migranten bis zum Jahreswechsel hergerichtet. In Zützen bei Golßen sollen weitere 26 Wohnungen angemietet werden.