| 02:32 Uhr

Ein Hund braucht eine Aufgabe – und Probezeit

Saskia Stahn mit "Charlie". Er ist nicht mehr als Rettungshund aktiv. Saskia Stahn bildet jetzt Schäferhund "Nasir" als Rettungshund aus und die Shih-Tzu-Hündin "Bella" als Trümmersuchhund.
Saskia Stahn mit "Charlie". Er ist nicht mehr als Rettungshund aktiv. Saskia Stahn bildet jetzt Schäferhund "Nasir" als Rettungshund aus und die Shih-Tzu-Hündin "Bella" als Trümmersuchhund. FOTO: privat
Interview der Woche. Saskia Stahn (46) ist der Inbegriff für die Rettungshundestaffel des DRK Forst/Spree-Neiße. Doch die Leitung der Staffel ist nur eine von vielen ehrenamtlichen Aufgaben, der sich die Simmersdorferin verschrieben hat. Hauptberuflich leitet sie die DRK-Seniorenwohnanlage in Döbern (Spree-Neiße). Die RUNDSCHAU sprach mit ihr über ihre vierbeinigen Freunde und darüber, warum es sich lohnt, auf den Rettungshund zu kommen.

Frau Stahn, wie sind Sie eigentlich auf den Hund gekommen?
So wie es sich viele Kinder wünschen. Als ich 13 war hat meine Freundin gesagt, unser Hund hat Welpen, und mir einen geschenkt. Den habe ich dann mit nach Hause genommen. So bin ich zu Pfiffi gekommen, meinem ersten Hund, ein Schäferhundmischling.

Und seitdem geht nichts mehr ohne Hund?
Nein, ein Leben ohne Hunde ist für mich nicht vorstellbar.

Warum?
Hunde sind tolle Kameraden. Sie möchten am liebsten 24 Stunden mit Dir zusammen sein, lassen Dich nicht im Stich. Sie bringen Dich in Bewegung und zwingen Dich zu Struktur. Sie brauchen eine Aufgabe, so wie wir Menschen auch. Besser geht's nicht.

Vielleicht doch, wenn sich Mensch und Hund als zertifiziertes DRK-Rettungshundeteam ausbilden lassen. Kann das jeder machen?
Wir brauchen nervenstarke, gehorsame, aufmerksame und lernfähige Vierbeiner. Extrem bissig oder total ängstlich, das geht gar nicht.

Wie stellen Sie fest, ob ein Vierbeiner als Rettungshund taugt?
Da gibt es einen Eignungstest. Dabei geht es darum, das Wesen des Hundes zu testen, zu beobachten, wie er sich bei Menschengruppen und Geräuschen verhält und beim Laufen über verschiedene Untergründe. Auch die Spielfreude wird getestet. Das ist eine richtige Prüfung, die erste, die ein Hund ablegen muss, um Rettungshund zu werden. Diese Prüfungen finden zwei Mal jährlich auf Landesebene statt, einmal im Frühjahr und einmal im Herbst. Wer es schafft, ist zertifiziert. Rettungshund und Hundeführer bekommen dann aber bei uns trotzdem noch ein halbes Jahr Probezeit, um zu testen, ob sie sich den Aufgaben wirklich gewachsen fühlen.

Und was passiert, wenn sie dann doch nicht als Rettungshundeteam in den Einsatz gehen?
Wer einmal bei uns eingestiegen ist, bleibt meistens gerne dabei, denn wir sind eine gute gefestigte Truppe, der Zusammenhalt stimmt. Wer mit dabei ist, braucht aber auch einen langen Atem. Denn neben den Einsätzen sind die Trainingseinheiten mittwochs und samstags vorzubereiten und zu absolvieren, nicht zu vergessen die Vorführungen bei verschiedenen Festen und Institutionen der Region und der Sanitätsdienst, den wir als DRK-Mitglieder ebenfalls sicherstellen. Da können im Jahr schon 800 bis 1000 ehrenamtliche Stunden zusammenkommen.

Wie zahlt sich das aus?
Wir sind eine ehrenamtliche Organisation, bekommen keine Gelder für unsere Arbeit. Alles, was wir auf die Beine stellen, stemmen wir aus eigener Kraft. Wir freuen uns über jede helfende Hand und über jeden Sponsor, der uns hilft, technisch auf dem Laufenden zu bleiben und unsere Hunde fit zu halten. Die Vierbeiner, die nicht oder nicht mehr als Rettungshund aktiv sind, können bei uns zu Therapiehunden ausgebildet werden oder zu Besucher- und Vorführhunden oder im Mantrailing. Beim Mantrailing sucht der Hund an der Leine nach vermissten Personen nach ihrem individuellem Geruch.

Wie lange kann ein Hund aktiven Dienst in der Rettungshundestaffel leisten?
Je nach Leistungsfähigkeit und Gesundheitszustand können das ein bis acht Jahre und mehr sein.

Lohnt sich die Ausbildung überhaupt, wenn nur ein paar Jahre aktiver Einsatz im Katastrophenschutz rausspringen?
Die Ausbildung lohnt sich immer und in jedem Fall. Weil man sehr viel lernt über das richtige Verhalten in brenzligen Situationen, über Erste Hilfe, den Umgang mit Verletzten und Angehörigen von Vermissten, über Orientierung in unbekanntem Gelände und vieles mehr. Dabei lernt man auch viel über sich selbst. Man gewinnt Wissen, Erfahrung und Nervenstärke. Man kann sich aus- und weiterbilden und zu einer Führungskraft entwickeln. Das macht auch für den Alltag fit und den Job. Das macht es aus, und mir persönlich auch leicht, meine Ehrenämter, die ich gerne übernommen habe, und meine Arbeit unter einen Hut zu bekommen.

Apropos Job: Wie ist das, wenn Sie im Einsatz sind?
Die Arbeit geht immer vor. Zuerst muss abgesichert sein, dass die Aufgaben übergeben sind und der Betrieb läuft, dann bin ich frei für den Einsatz. Anders als beim Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren, deren Sicherung eine kommunale Pflichtaufgabe ist, gibt es für die Rettungshundestaffeln keine Regelung, dass deren Mitglieder im Einsatzfall von der Arbeit freigestellt werden, und die Arbeitgeber den Arbeitsausfall bezahlt bekommen. Wir sind, wie schon gesagt, ehrenamtlich im Einsatz. Unsere Mitglieder nehmen Urlaub oder Überstunden, um beim Einsatz dabei zu sein.

Wie läuft es im Einsatzfall?
Wir bieten an, Tag und Nacht, rund um die Uhr nach Vermissten zu suchen, zusammen mit Einsatzkräften der Polizei und der Feuerwehr. Und das stellen wir auch sicher. Wir haben einen eigenen 24-Stunden-Rufbereitschaftsdienst. Den teilen sich jeweils drei Mitglieder unserer Staffel für die Dauer von 14 Tagen. Dafür gibt es einen Einsatzplan. Jeder weiß, wann er dran ist, und kann dementsprechend freie Tage und Urlaub planen. Wenn wir angefordert werden, entscheiden wir, wer und wie viele Teams losfahren. Fällt der Einsatz, wie so häufig, in die Nachtstunden, sind unsere Staffelmitglieder jederzeit einsetzbar und am nächsten Morgen auch wieder pünktlich am Arbeitsplatz. Das organisieren wir so.

Wie oft werden Sie zu Einsätzen gerufen?
Pro Jahr kommen wir auf etwa zehn bis 15 Einsätze. Seit der Gründung waren es insgesamt etwa 300. Dabei beschränkt sich unser Einsatzgebiet nicht nur auf Brandenburg. Auch in Sachsen oder Sachsen-Anhalt helfen wir.

Was waren die bislang größten Herausforderungen?
Jede Personensuche ist eine Herausforderung. Freilich ist bei der Vermisstensuche unter Trümmern besondere Eile geboten. Unserer Staffel gehören die beiden einzigen ausgebildeten Trümmersuchteams des DRK im Land Brandenburg an. Das sind Nancy Wagner mit Filou und Kathrin Goldmann mit Lea. Sie waren auch dabei, als nach dem Zugunglück in Hosena im Juli 2012 in den Trümmern des Stellwerkes nach einem Bahnmitarbeiter gesucht wurde, oder als im Mai 2014 nach einer Gasexplosion in einem Wohnhaus in Burg bei Magdeburg nach vermissten Personen gesucht wurde. Diese Einsätze werden für uns immer in Erinnerung bleiben. Genauso wie der Fall der vermissten Mädchen, nach denen wir Anfang Februar nach dem Brand in einer leer stehenden Tuchfabrik in Forst mit unseren Rettungshunden im Gebäude gesucht haben. Es war ein beklemmendes Gefühl, als wir später die Information bekommen haben, dass die beiden Mädchen noch drin waren, direkt im Brandherd umgekommen sind. Zu wissen, dass wir an ihnen vorbeigelaufen sind, oder neben ihnen gestanden haben, das geht einem unheimlich nahe. Auch wenn wir wissen, dass unsere Rettungshunde auf die Suche nach lebenden Personen spezialisiert sind, ein Mensch nach dem Tod langsam seinen typischen Geruch verliert und deshalb von unseren Hunden nicht mehr gewittert werden kann.

Wie gehen Sie mit solchen belastenden Situationen um?
Wir setzen uns alle zusammen, gehen die Situation noch einmal durch. Das gemeinsame Gespräch hilft. Wenn es ganz schlimm ist, nehmen wir auch Notfallseelsorger dazu. Man muss mit der Situation abschließen und weitermachen können. Wer nicht abschalten kann, sollte sich professionelle Hilfe suchen.

Stehen Sie mit Ihrem Wissen auch Hundefreunden abseits der DRK-Rettungshundestaffel und des Katastrophenschutzes zur Seite?
Wir werden oft um Rat gefragt, und geben auch gern mal einen Tipp. Aber Schwerpunkt bleibt die Rettungshundestaffel. Allerdings bieten wir in diesem Jahr aus Anlass des 20jährigen Bestehens unserer DRK-Rettungshundestaffel Forst/Spree-Neiße Hundefreunden der Region viel zum Mitmachen und Lernen an.

Was sollten sich Hundefreunde deshalb im Kalender vormerken?
Am 1. Mai laden wir erstmals zu einem Tierflohmarkt ein an der Gaststätte Hundehütte in Forst, und wir lassen an dem Tag auch das traditionelle Hunderennen wieder aufleben. Am Nachmittag schließt sich unser traditionelles Hunde-Paten-Treffen an. Zur 750-Jahr-Feier von Forst werden wir im Juli im Festumzug gemeinsam mit Fallschirmspringern und Feuerwehr unsere Rettungshunde im Einsatz zeigen. Bei der Frühjahrsputzaktion "Sauberhaftes Forst" helfen wir Zweibeiner fleißig mit. Zum Mitternachtsshopping im September unterhalten wir die Forster mit Vorführungen und Aktionen zum Thema Hund. Und am 11. November begleiten wir mit unseren Hunden die Döberner Kinder beim Sankt-Martins-Umzug. So wollen wir allen Unterstützern Danke sagen und Menschen zusammenbringen, so wie es einer Rettungshundestaffel entspricht.

Mit Saskia Stahn

sprach Beate Möschl

Zum Thema:
Die DRK-Rettungshundestaffel Forst/Spree-Neiße war am 11. März 1995 die erste Rettungshundestaffel des DRK im Land Brandenburg. Heute gibt es sieben DRK-Rettungshundestaffeln in Brandenburg. Die Staffel Forst/Spree-Neiße hat 32 Mitglieder, 19 Rettungshunde, drei Besucherhunde und drei Mantrailer. Sie ist mit sieben geprüften Hunden in der Fläche, zwei geprüften Trümmerteams, vier Einsatzleitern, drei Kraftfahrern und zehn Helfern einsatzfähig für die Suche nach vermissten Personen in Trümmern nach Gebäudeeinstürzen sowie nach hilflosen und orientierungslosen Personen in unwegsamen und unübersichtlichen Geländen. Wer mitmachen möchte, wendet sich an die Staffelleitung, Telefon 0172/3530401.

Zum Thema:
Saskia Stahn (46) ist im Mai 1995 mit "Chaplin" zur DRK-Rettungshundestaffel gestoßen. Sie wurde schnell Ausbilderin und ist heute Prüfer und Fachberaterin für alle DRK-Rettungshundestaffeln im Land Brandenburg und Vorsitzende des Seniorenbeirates Döbern.