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Ehemaliger Häftling besucht Ort seines Martyriums

Jakob Richter (Mitte) im Gespräch mit Anett Quint, Florian Balser, Kai-Uwe und Momo Kohlschmidt und Andreas Weigelt (v. l.).
Jakob Richter (Mitte) im Gespräch mit Anett Quint, Florian Balser, Kai-Uwe und Momo Kohlschmidt und Andreas Weigelt (v. l.). FOTO: Jörg Kühl
Jamlitz. Rund 80 Gäste haben die Premiere des Dokumentarfilms "Der Hass auf andere ist keine neue Sache" im Gemeindehaus Jamlitz miterlebt. Der Film handelt vom Überleben des einstigen KZ-Häftlings Jakob Richter. jök

Und von dessen Begegnung mit Florian Balser, einem ehemaligen Straßenkind, im vorigen Jahr. Der 32-Jährige leistet gerade seinen Bundesfreiwilligendienst im Justus-Delbrück-Haus ab. Weitere Mitwirkende und Produzenten des Dokumentarfilms sind die Schauspielerin Momo Kohlschmidt, Musiker und Hörbuch-Autor Kai-Uwe Kohlschmidt sowie der Lieberoser Historiker Andreas Weigelt.

Der jüdische Zeitzeuge Jakob Richter, der in Chicago lebt, hatte im vorigen Jahr nach der Lektüre eines von Weigelts Büchern über das KZ-Nebenlager Lieberose den Historiker kontaktiert und schon einen ersten Besuch in Jamlitz abgestattet. Mit seinem Sohn Michael kam er zur Filmpremiere in Jamlitz..

Richter war im Sommer 1944 als 16-Jähriger von Auschwitz in das KZ-Nebenlager Lieberose nach Jamlitz verfrachtet worden. Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Onkel. Getrennt von seinen Verwandten, musste der Jugendliche im Bauhof des Lagers arbeiten. Einen Großteil der Arbeit verrichtete er innerhalb einer Baracke, er durfte einen Architekten bei Vermessungsarbeiten begleiten. Trotzdem seien Hunger und Unterernährung sowie Kleidung, die nur aus Fetzen bestand, ein Dauerzustand gewesen.

Die erste Mahlzeit bei Ankunft im Jamlitz sei Erbsensuppe mit Schnecken gewesen, erinnert sich der 88-Jährige. "Hat gut geschmeckt, weil wir Hunger hatten."

Der fürchterlichste Moment seiner Lagerhaft war der, als sein geliebter Vater, der bei der Evakuierung des Lagers im Februar 1945 zu den "marschunfähigen" Häftlingen zählte und so dem Tod geweiht war, ausrichten ließ, sein Sohn ein letztes Mal sehen zu wollen. Doch dies hätte bedeutet, dass er mit dem selben Zug gleich mit nach Sachsenhausen in den Tod geschickt worden wäre. So zwang die grausame Logik der SS-Bewacher Jakob Richter zu der für ihn bis heute nicht verkrafteten Entscheidung, dem Vater nicht mehr zu begegnen. Jakob Richter berichtet über seine Erlebnisse detailreich, offen und mit einem Lächeln. Er habe es speziell in der Nachkriegszeit, als er in Palästina Soldat wurde, abgelehnt, als Opfer wahrgenommen zu werden. Auch gegenüber seiner Familie in Chicago habe er lange über seine Erlebnisse geschwiegen.

Was Jakob Richter verspürt, wenn er heute, nach 72 Jahren wieder den Ort seines Martyriums besucht und ob er Groll gegen die Menschen empfindet, die in der Gegend wohnen, wird der 88-Jährige aus dem Publikum befragt. "Nein, die Jamlitzer haben ja selbst gelitten." Die Schergen im Lager seien keine Leute aus der Region gewesen.