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| 18:26 Uhr

Die Wüste in der Lieberoser Heide
Die Wüste in der Heide lebt

Oberförster Peter Wöhl und sein Wachtel Bärli am Rande der Wüste in der Lieberoser Heide.
Oberförster Peter Wöhl und sein Wachtel Bärli am Rande der Wüste in der Lieberoser Heide. FOTO: Norbert Gisder
Lieberose. Eine Wanderung mit Oberförster Wöhl durch die Lieberoser Heide.

Vergiss Atacama, Namib, Sahara. Die größte deutsche Wüste liegt vor der Haustür und – „Psst!“. Peter Wöhl, Revierförster in der Oberförsterei Lieberose, hält den Zeigefinger seiner Rechten vor die Lippen. Mit scharfem Blick mustert er den Horizont. „Da ist er.“ Wöhl folgt mit dem Arm einem rabengroßen dunklen Vogel, dessen Flug über dem Rand eines lichten Gehölzes von verkrüppelten Kiefern und Weißerlen unstet wirkt. Den Schwarzspecht hat der Ranger an seinen markanten Rufen erkannt. Und am Flugbild. Wöhl hat mit diesem schlanken Vogel zugleich eine Spezies ausgemacht, die zu den seltenen in der Lieberoser Wüste, Teil der Heide, gehört. Dieser so karge Fleck Brandenburgs hat alles – und noch viel mehr –, was das Erleben einer Wüste zum Abenteuer macht.

 Ein Dutzend Brandenburger und Berliner Städter hatte am Samstag die Gelegenheit, mit dem Revierförster den Naturraum zu erkunden. Wöhl machte aus der Exkursion an diesem bewölkten Samstag ein Erlebnis. Der kleine Trupp „Wöhl-Follower“ erlebte die Ranger-Qualitäten eines Naturmannes, dem dieses, vom Menschen geprägte, dennoch ökologisch so wertvoll gewordene Stück Niederlausitz vertrauter ist, als den meisten Menschen das Blumenbeet im eigenen Vorgarten. Dabei ist die Wüste immerhin fünf Quadratkilometer groß. Sie ist damit nicht nur die größte in Deutschland: Im Lauf von fast 80 Jahren – seit einem großen Waldbrand 1942 – wurde sie zu einer auch durch Geologie und Flora interessanten Formation. Intensive und vor allem im Sommer starke Thermik schafft über der Sandbüchse zwischen Lieberose, Jamlitz, Staakow, Schönhöhe, Großsee, Peitz, Byleguhre, Straupitz, Butzen und Lamsfeld ein eigenes Mikroklima.

Interssante, kleine Pflanzen haben sich entwickelt.
Interssante, kleine Pflanzen haben sich entwickelt. FOTO: Norbert Gisder

Förster Wöhl erzählt von der Ausprägung dieser meteorologischen Besonderheit durch die militärische Nutzung, die dem großen Waldbrand von 1942 folgte. Die Menschen waren im Krieg mit dem Überleben beschäftigt. „Um das Feuer auf den Gütern der Herrschaften von Schulenburg (in Lieberose) und Houwald (in Straupitz) konnte sich kaum jemand kümmern. Und so brannte die wertvolle Flora von einst fast völlig nieder.“ Nur der, unter der dünnen Humusschicht weiße, märkischen Sand blieb. „Klein Sibirien“ entstand. Danach, im ausgehenden Dritten Reich, zunächst durch die deutsche Wehrmacht genutzt (ein KZ-Außenlager von Sachsenhausen und eine spärliche, militärische Infrastruktur), wurde das Land nach 1954 Kernstück des sowjetischen Truppenübungsplatzes Lieberose. Nach der Wende überließen Politik, Umweltschutz und Forsten die Wüste ganz bewusst sich selbst – und beobachteten und kartographierten die Entwicklung mit wissenschaftlicher Präzision.

 Heute sind die Erkenntnisse über die „Panzerwüste“ nicht nur für die Menschen am Rand der Schutzzone wertvoll. Einen  solch faszinierenden Naturraum, besiedelt von Seeadler und anderen Greifen bis hin zu  kleinsten Vögeln, von Wolfsrudeln bis hin zu Kleinstsäugetieren, von Ur-Moosen und Silbergras bis hin zu einer sich erst im Lauf von Jahrzehnten bildenden Folgevegetation, gibt es sonst nirgendwo in Deutschland. Und in Mitteleuropa nur in der noch ausgedehnteren, polnischen Bledow-Wüste. Förster Wöhl schildert die Mission, die Natur sich selbst zu überlassen. Man spürt den wissenschaftlichen Geist und eine Empathie, die rührt: Man wünscht unwillkürlich, dass sich die – zeitweise geplanten – Nutzungen von Wirtschaftsbetrieben, die dort etwa Flugzeugmotoren oder andere Industrieprojekte entwickeln und testen wollten, niemals gegen die Naturschutzbemühungen durchsetzen.

Wenn Peter Wöhl in der Fläche nachweist, wie der Gras-Moosteppich, der sich erst in den vergangenen 20 Jahren auf dem Sand als Vorstufe einer Wiederbewaldung entwickelt hat, zum Lebensraum für seltene Tierarten wurde, möchte man den großen, stämmigen Mann umarmen vor Dankbarkeit, dass einer wie er sein Leben dem Schutz einer Natur wie dieser widmet. Zugleich lernt man den Forstbetrieb von einer ganz eigenen Seite schätzen: Für wissenschaftliche Präzision, mit der hier ein Lebensraum für Tiere geschützt wird, die schon unsere, erst recht aber nachfolgende Generationen ohne die Anstrengungen der naturschutzfachlichen Diskussionen des Eigentümers von Großteilen der Flächen, der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg und einem ihrer Exponenten wie Oberförster Peter Wöhl, sicherlich nur noch aus Büchern kennen könnten.

Mehr über die Stiftung und weitere Möglichkeiten, die Wüste selbst zu erleben, im Internet unter www.stiftung-nlb.de