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| 16:44 Uhr

Premiere
Die verschwiegenen Schüler

Der Kontakt unter den ehemaligen Schülern der Storkower Oberschule riss nie ab. Unter anderem trafen sich einige Klassenkameraden im Schulmuseum in Friedrichshafen/Bodensee.
Der Kontakt unter den ehemaligen Schülern der Storkower Oberschule riss nie ab. Unter anderem trafen sich einige Klassenkameraden im Schulmuseum in Friedrichshafen/Bodensee. FOTO: Sabine Wilkens-Köhler / LR
Görlsdorf/Berlin. Ein Görlsdorfer war Teil einer Protestaktion zu DDR-Zeiten. Nun ist die Geschichte verfilmt worden. „Das schweigende Klassenzimmer“ hat nächste Woche Premiere. Von Ingvil Schirling

Er muss wohl etwas blass gewesen sein. Bestürzt fragte eines der Regie-Mitglieder Karsten Köhler nach der Vorpremiere, ob es ihm wohl gut gehe? Er sehe jedenfalls nicht so aus...

Zehn Minuten brauchte der Mann aus Görlsdorf bei Luckau, um sich wieder zu fassen. Die Reise in die Vergangenheit war intensiv und aufwühlend - obwohl Karsten Köhler viel über das spricht, was er damals erlebte. Vor allem aus einem Grund: Um andere zu ermutigen, auch in der heutigen Zeit immer wieder Zivilcourage zu zeigen. Wo immer es nötig ist. So wie damals.

Damals, das waren die Tage des Ungarnaufstands im Herbst 1956. Karsten Köhler lernte in der kleinsten Klasse mit 20 Schülern einer überschaubaren Oberschule in Storkow mit insgesamt vier Klassen. „Natürlich haben wir Rias Berlin gehört“, sagt er. Im Internat bewohnten sie ein Zimmer zu viert. Jeweils einer musste vor der Tür Schmiere stehen, damit die anderen drei das Weltgeschehen außerhalb der kleinen DDR verfolgen konnten.

Der Auslöser für das folgenreiche Schweigen von Karsten Köhlers ganzer Klasse kam eines morgens aus dem Radio: Der Einmarsch der Russen in Ungarn. „Wir waren, ehrlich gesagt, stinksauer“, erinnert sich der Görlsdorfer an die Emotionen. Im Rias wurde eine Schweigeminute empfohlen. „Das machen wir auch!“, sagte einer der vier jungen Männer, die einander damals schon freundschaftlich verbunden waren. Einer davon war Karsten Köhler, ein anderer Dietrich Garstka, der über die prägenden und lebensverändernden Folgen dieses Vorschlags ein Buch schreiben sollte. Das Buch, das nun verfilmt wurde.

Wie das so ist bei den spontanen Ideen mit der entsprechenden Überzeugungskraft: Sie wurde umgesetzt. Eine ganze Klasse schwieg. Eine Minute lang.

Zunächst erschien das kein großes Ding. Das Leben ging weiter. Doch die Schüler gerieten mit ihrer Aktion ins Visier der Staatssicherheit. Und die wollte vor allem wissen: Wer war es? Wer war der Anführer, der die Klasse angestiftet hatte?

All das lief im Hintergrund. „Für uns war die Sache schon abgehakt“, erinnert sich Karten Köhler an das unheilvolle Schweigen, das dem Schweigen folgte.

Wochen nach der Gedenkminute kam der Minister. Karsten Köhler erinnert sich noch genau, wie der knapp 1,65 Meter große Mann, auf den die Klasse der Bestuhlung wegen auch noch herunterschaute, die Schüler beschimpfte. „Da war klar: Jetzt sagen wir gar nichts mehr“, erinnert er sich.

Der Druck wurde erhöht. Nach intensiver Befragung blieben die vier übrig, die sich am Ende gegenseitig schützten. Bis heute.

Doch klar wurde: „Man braucht einen, den sie an die Wand nageln, rausschmeißen können, an dem sie ein Exempel statuieren können. Ganze Diktaturen sind darauf aufgebaut“, sagt Karsten Köhler. Dass keiner aus dieser Klasse sein Abitur bekommen würde, war nur eine der Drohungen. Köhler war damals Klassensprecher. Hautnah fühlte er die Kameradschaft einerseits, aber auch den wachsenden Druck andererseits.

Es gab Warnungen, zunächst für Dietrich Garstka. Er war der erste, der ging. Am 19. Dezember verließ er die DDR. Alle anderen folgten bis auf vier Mädchen, die blieben. Zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem 30. Dezember reisten die Schüler in Gruppen zu dreien, vieren nach Berlin und über einen Verwandten von Dietrich Garstka, der Pfarrer war, ins Flüchtlingslager nach Marienfelde.

Dort sollte Karsten Köhler noch eine letzte Mahnung ereilen - in Form eines Telegramms von seiner Mutter. Sie sei schwer erkrankt, hieß es darin, er möge sofort kommen. Der junge Karsten Köhler wunderte sich über die Nachricht, vor allem aber über den Wortlaut, und entschied, eine Nacht darüber zu schlafen - trotz der angeblichen Dringlichkeit. Und tatsächlich stellte sich am nächsten Morgen heraus: Es war eine Falle.

So verbrachte Karsten Köhler einen großen Teil seines Lebens im Westen, arbeitete bei der Firma Merck, verlor aber nie den Kontakt. 1990 kehrte er zurück, gemeinsam mit seiner Frau Sabine Wilkens-Köhler.

Seit es möglich ist, trifft sich die Klasse von damals regelmäßig. Der Görlsdorfer hat auch die Entstehung des Films intensiv verfolgt, ist in den vergangenen Tagen oft interviewt worden. Sein Anliegen, durch sein Beispiel Zivilcourage zu stärken, steht nach wie vor. Nach der Vorpremiere des Films ist ihm klar, dass die Ereignisse von damals noch viel tiefer sitzen als gedacht. „Ich dachte immer, man muss auch mal loslassen und nach vorne schauen können“, sagt er. Doch nun weiß er: Manche Dinge vergisst man nie.

„Das schweigende Klassenzimmer“ wird jetzt in den Kinos, darunter im UCI-Kino in Groß Gaglow bei Cottbus und in Königs Wusterhausen gezeigt.