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| 15:21 Uhr

Erinnerung
„Die Straße, die in den Tod führte“

Hannelore Priebe aus Heinsdorf hat ihren Vater in Ketschendorf verloren. Er hinterließ zehn Kinder.
Hannelore Priebe aus Heinsdorf hat ihren Vater in Ketschendorf verloren. Er hinterließ zehn Kinder. FOTO: Franziska Dorn
Lübben. Zeitzeugen und Angehörige finden bei Finissage in Lübben Gehör.

Als eins von zehn sowjetischen Speziallagern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nimmt das Lager Ketschendorf nahe Fürstenwalde eine besondere Rolle ein. Zwischen 1945 und 1947 fanden von den 10 000 Insassen mehr als 4700 den Tod. Inhaftiert waren ehemalige NSDAP-Mitglieder, Oppositionelle und viele Jugendliche, denen Untergrundtätigkeit vorgeworfen wurde. Schuldfeststellungen gab es nicht.

Eine Wanderausstellung, die auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde in der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche zu sehen war, erzählt die Geschichte des Lagers. Die Aufarbeitung der Geschehnisse begann mit dem Mut von vier Frauen. Das berichtet Eckhard Fichtmüller, ehemaliger Pfarrer in Fürstenwalde und Vorsitzender der Initiativgruppe Internierungslager Ketschendorf e.V., bei der Finissage.

Als die Politik sich 1990 neu ordnete und an den Runden Tischen die Zukunft der zusammenbrechenden DDR entschieden wurde, forderten vier mutige Unterzeichnerinnen, den Blick auf Vergangenes zur richten. Auf ihr Drängen hin und mithilfe von Eckhard Fichtmüller gedachte man am 8. Mai 1990 auf dem ehemaligen Lagergelände unter großem öffentlichem Interesse der Opfer. Was man bis dahin, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand in den Familien erzählte, begann öffentlich zu werden. Die totgeschwiegenen Opfer bekamen Namen. Ihre und die Schicksale der Überlebenden waren nicht vergessen.

Etwa ein Dutzend Menschen findet den Weg zur Finissage in der Paul-Gerhardt-Kirche. Unter ihnen sind auch Zeitzeugen und Angehörige einiger Opfer. Fritz Schneider aus Neu Zauche war 14 Jahre alt, als er im August 1945 von Sowjetsoldaten abgeholt wurde. Ohne jemals den Grund zu kennen, war er zwei Jahre lang Gefangener im Lager Ketschendorf. „Entwürdigend und grausam“, beschreibt der heute 87-Jährige die Erlebnisse. Heinz Schulz aus Lübben bestätigt kopfnickend. Auch er war bis 1947 in Ketschendorf interniert. Es folgte ein weiteres Jahr Haft in Neubrandenburg.

„Bis heute bekommen wir Anfragen von Menschen, die immer noch auf der Suche nach ihren Angehörigen sind oder mehr über ihr Schicksal erfahren möchten“, sagt Fichtmüller. „Im Jahr 2004 haben wir ein Totenbuch herausgegeben. Es sind die Namen der Opfer genannt, ergänzt mit historischen Dokumenten“. Auch der Name von Hannelore Priebes Vater steht in dem Buch. Er hinterließ die Mutter mit zehn Kindern. „Ich bin die jüngste Tochter. Mein Sohn hat die Geschichte unseres Vaters mit viel Aufwand recherchiert und aufgearbeitet. Lange genug musste geschwiegen werden“, sagt sie. Auf dem Waldfriedhof in Halbe erinnern seit 2004 Namenstafeln an die Toten von Ketschendorf.