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| 02:56 Uhr

Die "Rote Nelke" an der Sorbentracht

Mit regionaler Zeitgeschichte beschäftigte sich der Vortrag "Leben der Sorben/Wenden in der DDR" von Dr. Timo Meskank aus Leipzig. Hier ist der 47-jährige Referent (r.) im Gespräch mit Kai Berdermann aus Lübben vertieft. Foto: bdx1
Mit regionaler Zeitgeschichte beschäftigte sich der Vortrag "Leben der Sorben/Wenden in der DDR" von Dr. Timo Meskank aus Leipzig. Hier ist der 47-jährige Referent (r.) im Gespräch mit Kai Berdermann aus Lübben vertieft. Foto: bdx1 FOTO: bdx1
Lübben. Kaum jemand konnte sich in der DDR der politischen Beeinflussung, gesellschaftlichen Bevormundung und staatlichen Drangsalierung entziehen. Das traf auch für die Dachorganisation der etwa 60 000 Sorben/Wenden, die Domowina, zu. Konkrete Fakten und Details zu diesem Thema legte der Historiker Dr. Timo Meskank aus Leipzig bei einem Vortrag am Mittwochabend in der Volkshochschule auf den Tisch. Bernd Marx/bdx1

Als der Pulverdampf des Zweiten Weltkrieges sich langsam auflöste, hoffte die sorbisch-wendische Bevölkerung auf eine bessere, sichere und glückliche Zukunft. Unter der Nazi-Diktatur, von 1933 bis 1945, hatten die Sorben/Wenden in der Widerstandsbewegung einen hohen Blutzoll zahlen müssen. Nun sehnte sich die Minderheit in der Nieder- und Oberlausitz ihre Politik und Kultur, Sprache und Traditionen, Sitten und Bräuche in die Tat umzusetzen und öffentlich praktizieren zu können.

"Doch die hochgesteckten Erwartungen der Mitglieder der Domowina in der DDR erfüllten sich leider nicht", so Dr. Timo Meskank und setzte noch hinzu: "Eine freie und demokratische Entfaltung der sorbisch sprechenden Minderheit war auch niemals von der DDR-Regierung geplant gewesen". Der 47-jährige Historiker wertete in den letzten Jahren umfangreiches Archivmaterial in Berlin, Frankfurt/Oder, Dresden und Leipzig aus. Darunter viele Akten der Staatssicherheit der DDR. Bereits mit der Gründung der DDR im Jahr 1949 sollte die Arbeit der Domowina auf Schulungen und Kulturarbeit beschränkt bleiben. Der Aufbau von eigenständigen Organisationen war untersagt.

Konkretes Ziel war die schnelle Assimilierung der Sorben/Wenden in der deutschen Bevölkerung. Die Drangsalierung durch die Parteiorganisationen und der staatlichen Behörden bei der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in der DDR machte auch vor der sorbisch sprechenden Minderheit in den Dörfern zwischen Oder und Spree, Schöps und Dahme, nicht Halt.

"Sogar der Sprachunterricht für die Kinder und Jugendlichen in der Sorbenregion wurde drastisch verkürzt", meinte Christiane Zimmermann aus Vetschau in der lebhaft geführten Diskussion. Immer stärker wurden die Menschen in das politische, ideologische, ökonomische und kulturelle System der DDR mit eingebunden.

Nur Chancen durch Anpassung

Nur wer sich den Schikanen durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), den staatlichen Behörden und den Sicherheitsorganen anpasste, hatte eine Chance zur Entfaltung im persönlichen Berufsleben oder auf der Karriereleiter. Viele Menschen handelten allerdings auch nach dem Leitsatz: "Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich auch singe", und arrangierten sich mit dem totalitären Regime. So ist es nicht verwunderlich, dass es zahlreiche Domowina-Kongresse, Kulturwochen und Festveranstaltungen für die sorbisch/wendische Bevölkerung in der Ober- und Niederlausitz gab. Die Vorgaben und Ziele dieser im In- und Ausland mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgten Veranstaltungen wurden aber von der SED und dem Staat genau vorgegeben.

Reduzierte Anerkennung

Alle sorbischen Massenmedien, wie Presse, Fernsehen und Rundfunk, waren auf die Linie der SED politisch-ideologisch ausgerichtet und abgestimmt. Sogar Sonderbriefmarken und Gedenkmedaillen mit sorbischen Motiven sollten die Verbundenheit zwischen der nationalen Minderheit und dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat dokumentieren. "Allerdings wurde die sorbische Nationalkultur fast nur auf den Tourismusbereich mit Kahnfahren und Stollenreiten, Ostereiermalen und Trachtenschau reduziert", so Kai Berdermann aus Lübben.

Diese "Scheindemokratie" blieb nicht ohne Folgen. Für die Mehrzahl der Mitglieder der Domowina begann ein ideologischer Spagat zwischen der eigenen Nationalkultur und DDR-Staatstreue. Ergebnis dieser Widersprüche war der rapide Rückgang der Mitgliederzahlen bei der Dachorganisation Domowina in den 1980-er Jahren.

Die sorbisch-wendische Bevölkerung erkannte nach 1989/90 ihre Chance und organisierte sich in den Gremien der Domowina neu. Seit über 20 Jahren pflegt das sorbische/wendische Volk ihre Sprache und die unverkennbare Nationalkultur zwischen Bautzen und Schlepzig, Raddusch und Straupitz. Und das alles, ohne symbolisch die "Rote Nelke" an die Tracht stecken zu müssen.