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Die Natur setzt auf Selbstverteidigung

Der Kiefernspinner frisst Wälder in der Lieberoser- und Reicherskreuzer Heide kahl.
Der Kiefernspinner frisst Wälder in der Lieberoser- und Reicherskreuzer Heide kahl. FOTO: si
Lieberose. Am gestrigen Montag sollte der Kampf gegen eklige Kiefernspinner-Raupen und gefräßige Nonnen in den Lausitzer Wäldern mit einem ersten Hubschrauberangriff beginnen. Doch die Natur hat die Pläne durchkreuzt. Jan Siegel

Noch immer sieht es trostlos aus in vielen Waldgebieten der Lieberoser und Reicherskreuzer Heide und rund um Drachhausen. Kahle Kiefern, wohin das Auge blickt. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht in den Baumkronen ein paar frische grüne Spitzen. Sie machen Hoffnung.

Eine beispiellose Invasion von Kiefernspinnern und des Forstschädlings Nonne hatte in den vergangenen drei Jahren, den Wäldern zugesetzt. Besonders schlimm war es im vorigen Jahr vor allem in den riesigen Naturschutzgebieten, in die sich das Areal des ehemaligen russischen Truppenübungsplatzes nach der Wende verwandelt hatte.

Forstleute und Naturschutzbehörden aller Ebenen stritten lange über chemische Bekämpfungsmaßnahmen. Am Ende nahm die Natur ihren Lauf.

Insgesamt 3500 Hektar stehen nun seit Monaten unter strengster Beobachtung der Forstingenieure in der Oberförsterei Cottbus. Geht der Kahlfraß weiter, dürfen sie in diesem Frühjahr das Schädlingsbekämpfungsmittel "Karate Forst flüssig" einsetzen. Der Hubschrauber für den Angriff mit der chemischen Keule war bereits bestellt. Jetzt wurden die Flüge, die am Montag beginnen sollten, aber erst einmal abgesagt. Dafür gibt es zwei Gründe.

Einer davon ist die Tatsache, dass trotz des milden Winters ein großer Teil des nimmer satten Nonnen-Nachwuchses noch nicht geschlüpft ist. Wichtiger aber ist eine andere Erkenntnis. Es scheint nämlich so, als habe die Natur sich bereits selbst gegen die Schädlingsinvasion gewehrt. "Die Massenvermehrung in großen Gebieten ist gestoppt", sagt Barbara Schubert, die Leiterin der Oberförsterei Cottbus. Es seien vor allem natürliche Gegenspieler, die die Eier und Larven von Kiefernspinner und Nonne in großem Stil angegriffen hätten.

Neben bestimmt Viren und Pilzen, die den Schädlingsnachwuchs attackieren, waren offenbar auch verschiedene Schlupfwespen, Käferarten und nützliche Raubwanzen am Werk. Außerdem erbeuten Fledermäuse und Vögel die Eier, Raupen, Puppen und Falter der Schädlinge. Als nützlich haben sich auch die vielen Wildscheine erwiesen, die während der Winterruhe den Waldboden durchwühlt haben.

Von den insgesamt 3500 Hektar Wald, die im vergangenen Jahr besonders stark geschädigt worden waren und die unter besonderer Beobachtung der Forstleute stehen, scheinen in diesem Frühjahr nur noch rund 450 Hektar akut gefährdet zu sein. Die Flächen befinden sich vor allem westlich des Dörfchens Drachhausen. "Nur dort kommt aus derzeitiger Sicht der Einsatz von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln noch in Betracht", ist Forstingenieurin Barbara Schubert optimistisch. "Erst in etwa zwei Wochen können wir festlegen, wo und ob ein Hubschrauber zur Bekämpfung eingesetzt werden muss." Bis dahin laufe die intensive Beobachtung der Waldbestände weiter.

Ob sich die Waldgebiete erholen, die in den vergangenen Jahren so massiv geschädigt worden sind, ist bisher unklar. "Dabei kommt es darauf an, ob Sekundärschädlinge, wie beispielsweise der Borkenkäfer die Stämme angreift", sagt Barbara Schubert. Die Sekundärschädlinge greifen vor allem kranke Bäume an und können ihnen schließlich den Garaus machen. Parallel läuft der schrittweise Umbau der riesigen Kiefern-Monokulturen in der Lieberoser- und Reicherskreuzer Heide weiter. Künftig sollen Mischwälder mit Eichenbarrieren die Schädlingsangriffe auf natürliche Weise stoppen.