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| 15:22 Uhr

Waldentwicklung
Die große Chance nach dem Sturm

Umgestürzte Bäume bieten neue Lebensräume. Thomas Fischer (re.) und Richard Discher betrachten die Veränderungen im Wald positiv.
Umgestürzte Bäume bieten neue Lebensräume. Thomas Fischer (re.) und Richard Discher betrachten die Veränderungen im Wald positiv. FOTO: Jenny Theiler / LR
Lübben/ Schlepzig. Die Verwüstungen durch Sturmtief Xavier bieten die Möglichkeiten für mehr Artenvielfalt in Brandenburgs Wäldern.

Von Jenny Theiler

Drei Monate sind vergangen, seit Sturmtief Xavier über das Land Brandenburg gefegt ist. Noch immer geben gestapeltes Totholz, freiliegende Wurzelteller und breite Baumkronen in den regionalen Wäldern ein chaotisches Bild ab. Aber wie muss ein „ordentlicher“ Wald eigentlich aussehen? Und sind die so genannten Aufräumarbeiten in den Wäldern wirklich so notwendig? Die RUNDSCHAU war in einem Lübbener Waldstück unterwegs und hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Von einem Waldchaos, das Sturmtief Xavier im Oktober 2017 hinterlassen habe, könne man laut Thomas Fischer nicht sprechen. Der Rechtspfleger besitzt ein Stück Wald bei Schlepzig und setzt sich seit Jahren für die regionalen Wälder und deren naturgerechte Verwaltung ein. „Der Wald kümmert sich selbst um seine Entwicklung und Umwelteinflüsse wie Stürme müssen nicht unbedingt einen Schaden bedeuten“, meint der Waldbesitzer mit Blick auf die umgestürzten Kiefern auf seinem Waldgrundstück. Folglich sei Xaviers Wüten für Brandenburgs Wälder kein Schaden, sondern viel mehr die Chance für eine Umstrukturierung der Artenvielfalt und der Forstwirtschaft.

Ökonomisch gesehen, wirken die Schäden jedoch anders. Für jene Waldbesitzer, die von ihrem Wald leben, sind die Sturmschäden ein herber Schlag. „Die Bäume sind auch wirtschaftliche Produkte, mit denen einige Waldbesitzer Geld verdienen. Wenn das Produkt durch den Sturm geschädigt wird, kann es passieren, dass die Finanzierungsplanung eines gesamten Jahrzehnts durcheinander gerät“, erklärt Oberförster Burkhard Nass aus Luckau. Er räumt jedoch ein, dass die Natur durch den Sturm eine Chance bekommt, sich in eine neu Richtung zu entwickeln, bei der auch Monokulturen zurückgedrängt werden können.

Sie wächst schnell und ist in jedem brandenburgischen Wald zu finden - die märkische Kiefer. Die plantagenartige Aufforstung der Kiefer in Brandenburg hat aber einen ausgelaugten Boden und den Rückgang von Tier- und Pflanzenarten zur Folge. Das brandenburgische Wahrzeichen hat sich mittlerweile zur Monokultur entwickelt und bildet ein hohes Schädlingsrisiko. „Mischwälder sind immer erstrebenswerter, weil sich Schädlinge bei einer größeren Artenvielfalt längst nicht so stark verbreiten“, erklärt Thomas Fischer, was demnach auch der Holzqualität und der Waldgesundheit zugute kommt.

An dieser Stelle komme der Sturm ins Spiel. Die freie Fläche, die durch umgestürzte Bäume entsteht, biete einen höheren Lichteinfall, wodurch der Wuchs neuer Baumtriebe begünstigt werde. Durch die Entwurzelung vereinzelter Kiefern wird der Boden an den jeweiligen Stellen entlastet, weil ihm weniger Nährstoffe entzogen werden. Der umgestürzte Baumstamm - Totholz genannt, werde zum Habitatbaum und bilde wiederum einen wichtigen Lebensraum für beispielsweise Käfer und Pilze. „Ich bin schon fast ein bisschen enttäuscht, dass in meinem Waldstück nur so wenig umgestürzt ist“, scherzt Thomas Fischer und betrachtet den Humus, der sich um einen Baumstumpf gebildet hat und wichtige Nährstoffe enthält. „Die Grundlage für Weiterentwicklung ist erstmal die Veränderung der bestehenden Verhältnisse“, erklärt der Waldfreund.

Über das Fachwissen, das sich Thomas Fischer im Laufe der letzten Jahrzehnte auch durch sein Wirken bei der „Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft“ (ANW) angeeignet hat, verfügt nicht jeder Walbesitzer. „Die meisten Waldbesitzer haben zu ihrem Grund und Boden allenfalls eine emotionale, aber keine ökologische Bindung mehr“, bedauert Thomas Fischer. Die Waldgrundstücke würden höchstens verwaltet, aber nicht mehr gepflegt werden. Demzufolge würde der Wald einen Großteil seiner wirtschaftlichen und ökologischen Nutzbarkeit einbüßen.

An dieser Stelle hilft unter anderem das Unternehmen „wald-wird-mobil.de“ - ein junges Team von Waldliebhabern, die sich für die Erhaltung und effektive Nutzung der Wälder deutschlandweit einsetzen. Durch gezielte Beratung soll dem Waldbesitzer die Nutzbarkeit seines Waldstücks klargemacht werden. „Wir sind das Bindeglied zwischen dem Waldbesitzer und dem Dienstleister“, erklärt Richard Discher von wald-wird-mobil.de. Das Projekt ist nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen die heimischen Wälder wieder nutzbar gemacht werden und auch die Verbreitung von Monokulturen in den Wäldern beseitigt werden sollen. Oberförster Burkhard Nass spricht von Fördermitteln, die eingesetzt werden, um den hohen Wildbestand in Brandenburg zu senken, der vor allem den jungen Laubbäumen schadet.

Man habe außerdem schon damit begonnen vereinzelte Kiefern stückweise zu entfernen, um Platz für neue Arten zu schaffen, so Burkhard Nass.

Die Kieferndichte soll ohne Kahlschlag gesenkt werden. Für den Dauerwald dürfen die markierten Bäume stehenbleiben.
Die Kieferndichte soll ohne Kahlschlag gesenkt werden. Für den Dauerwald dürfen die markierten Bäume stehenbleiben. FOTO: Jenny Theiler / LR
(the)