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| 19:26 Uhr

Landschaftspflegerin Jenny Eisenschmidt im RUNDSCHAU-Interview
„Die Gefahr besteht nach wie vor“

Am 9. Juli brennen Wald- und Heideflächen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Lieberoser Heide.
Am 9. Juli brennen Wald- und Heideflächen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Lieberoser Heide. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Lübben. Eine Landschaftspflegerin spricht über den Brand in Lieberose, Katastrophentourismus und eine gewagte Wolf-Theorie.

Zwei Brände in der Lieberoser Heide haben den Spreewald in den vergangenen Tagen und Wochen auf Trab gehalten. Auch die „Stiftung Naturlandschaften Brandenburg“, die dort eine Fläche von rund 3000 Hektar unterhält, war davon betroffen. Im RUNDSCHAU-Interview erklärt die Leiterin der Außenstelle Lieberose Jenny Eisenschmidt (34), warum die Gefahr noch nicht gebannt ist und wieso es aus naturlandschaftlicher Sicht manchmal auch legitim ist, Feuer einfach brennen zu lassen.

Jenny Eisenschmidt zeigt die Karte, auf der die Brandfläche aus dem Jahr 2017 eingezeichnet ist.
Jenny Eisenschmidt zeigt die Karte, auf der die Brandfläche aus dem Jahr 2017 eingezeichnet ist. FOTO: Ingrid Hoberg

Frau Eisenschmidt, wie viele Kreuze haben Sie gemacht, als es in den vergangenen Tagen endlich mal wieder stärker geregnet hat?

Jenny Eisenschmidt untersucht eine Insektenfalle nach einem Brand.
Jenny Eisenschmidt untersucht eine Insektenfalle nach einem Brand. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Eisenschmidt Der Regen hat sehr geholfen, aber die Gefahr besteht nach wie vor. Die Böden waren einfach extrem trocken, das Wasser ist größtenteils einfach oberirdisch abgelaufen beziehungsweise kann in den sandigen Böden kaum gespeichert werden. Daher ist eine Waldbrandgefahr nach einigen Sonnentagen jederzeit wieder gegeben.

Soll der Wolf tatsächlich das Ziel von Brandstiftung gewesen sein?
Soll der Wolf tatsächlich das Ziel von Brandstiftung gewesen sein? FOTO: dpa / Patrick Pleul

Sie sind in Ihrem Büro schwer zu erreichen gewesen in diesen Tagen. Wie oft waren Sie während des Brandes in der Lieberoser Heide draußen vor Ort?

Eisenschmidt Jeden Tag. Wir müssen prüfen, ob der Brand wirklich gelöscht ist oder ob es zum Beispiel Wurzelstöcke im Untergrund gibt, die noch heiß sind und weiter glühen. Es handelt sich immerhin um Flächen, die von der Feuerwehr aufgrund der starken Munitionsbelastung nicht befahren werden dürfen. Daher hatten wir bei den letzten Bränden auch Löschhubschrauber im Einsatz. Zu unserem Berufsrisiko dagegen gehört, dass wir auch die munitionsbelasteten Flächen betreten, um das Gebiet zu kontrollieren und in diesem Falle die dreitägige Brandnachsorge zu übernehmen. Und es gibt auch immer den Katastrophentourismus, also Menschen, die sich das aus nächster Nähe anschauen wollen. Die müssen wir dann freundlich darauf hinweisen, dass das keine gute Idee ist.

Wie ging es mit dem Löschen voran?

Eisenschmidt Es bleibt auf jeden Fall festzuhalten, dass die Feuerwehr tolle Arbeit geleistet hat. Wir mussten zwar mit einem weinenden Auge mitansehen, wie die Hubschrauber bis zu  100 000 Liter Wasser aus den Seen und Mooren entnahmen, während wir uns gefreut hatten, dass der Grundwasserspiegel wieder schön angestiegen war. Aber die Maßnahme war absolut notwendig und richtig.

Wie ordnen Sie die Brände im Vergleich zum Vorjahr ein?

Eisenschmidt Die Voraussetzungen waren ähnlich, wir hatten vorausgehend eine lange Trockenperiode ohne Regen über mehrere Wochen. Letztlich war die Brandfläche im Wildnisgebiet der Lieberoser Heide mit circa 230 Hektar ähnlich groß wie vor einem Jahr. Auch dieses Mal ist von einem Boden-, im Vergleich zum Wipfelbrand, zu sprechen. Das Feuer bewegt sich dabei kriechend am Boden vorwärts und nur vereinzelt gehen Bäume in Flammen auf.

Stimmt es, dass Sie dem Feuer aus naturlandschaftlicher Sicht sogar etwas Gutes abgewinnen können, weil es zum natürlichen Vorgang der Sukzession gehört?

Eisenschmidt Ganz genau so ist es. Es ist zwar schwer zu vermitteln, weil wir andere Interessen haben als zum Beispiel ein Forstwirt, für den der Wald in erster Linie zu wirtschaftlichen Zwecken dient, oder Anwohnern, die Angst haben, der Brand könnte ihre Siedlungen bedrohen. Aber wir wollen Sukzession zulassen und Feuer gehört zu den natürlichen Ereignissen; jedoch darf das Feuer die Wildniszone nicht unkontrolliert verlassen. Dazu investieren wir unter anderem in Waldbrandschutzstreifen und Löschwasserbrunnen, die unsere Stiftungsflächen umgeben.

Reagieren Tiere eigentlich panisch auf Brände und flüchten in die Städte?

Eisenschmidt Auf keinen Fall. Sie flüchten, suchen sich aber einfach andere sichere Plätze in den Wäldern. Das Feuer hat sich recht langsam ausgebreitet, die Tiere hatten genug  Zeit für die Flucht gehabt. Für Wildtiere sind Brände ein natürliches Ereignis, und schon nach wenigen Tagen sind wieder Wildtiere auf den gelöschten Brandflächen zu sichten. Und für einige ist es eine willkommene Gelegenheit leichte Beute zu machen, so haben sich die Kraniche über die fliehenden Heuschrecken hergemacht.

Unsere Redaktion wurde jüngst mit der These konfrontiert, dass die verschiedenen Feuer willentlich von Menschenhand gelegt wurden, um den Wolf zu vertreiben. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Eisenschmidt Zum Thema Brandstiftung kann ich wenig sagen. Aber selbst wenn das die Intention eines Menschen sein sollte, wird er damit wenig Erfolg haben. Wölfe sind hochgradig anpassungsfähig. Sie würden sich vielleicht irgendwo verstecken für eine Weile, dann aber wiederkommen und schauen, ob alles in Ordnung ist.

Mit Jenny Eisenschmidt
sprach Steven Wiesner