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| 01:31 Uhr

Der Traum vom Spreewald

Lübben. „Margachen, es ist nicht die pauer'sche, es ist die wend‘sche Tracht!“ Dieser Satz von Marga Morgensterns Großmutter hat sich in ihr Gedächtnis gegraben. Aufgewachsen in Straupitz, in der finstersten Zeit Deutschlands, erlebte sie den Druck der Nationalsozialisten gegen alles Wendische, aber auch den gelebten Humanismus ihrer Eltern, dem wendischen Vater und der deutschen Mutter. Marga Morgenstern ist dieses erste Porträt gewidmet, das im Rahmen einer in loser Folge erscheinenden Serie über Spreewälder in der RUNDSCHAU erscheint. Von Peter Becker

Ein kriegsgefangener Franzose, zur Arbeit in der elterlichen Stellmacherei verpflichtetet, aß grundsätzlich am Familientisch. Das brachte oft Ärger mit den Nazi-Oberen, die aber stets zu hören bekamen, dass der „wendische Tisch immer und für jedermann“ gedeckt sei.

Das Wendische war in der Familie Konzack allgegenwärtig, die kleine Marga ahnte wohl schon das Mystische, das Ursprüngliche, welches sie ihr ganzes Leben begleiten sollte. Besonders stolz war sie, wenn sie ihrer Großmutter beim Ankleiden der Sonntagstracht zusehen durfte, das diese stets zelebrierte. Wie eine Königin fühlte sie sich, wenn sie Großmutters Haube während des Ankleidens aufsetzen durfte. In den Nachkriegsjahren waren andere Dinge in den Vordergrund gerückt, der Kampf ums tägliche Brot drängte Brauchtum in den Hintergrund. Als Marga 1955 heiratete, hatte sie keine Tracht, sie heiratete „bürger'sch“.

Marga Morgenstern arbeitete bei der VEAB (Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb) in Straupitz und Lübben, später beim Rat für Land- und Nahrungsgüterwirtschaft und beim Amt für öffentliche Versorgungswirtschaft. 1963 und 1966 wurden ihre Töchter geboren – es war das normale Leben in einer wie es schien normalen Zeit.

Das dritte Leben

Mit der politischen Wende und dem Vorruhestand konnte sie sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen, auch angestoßen von der Familie: „Nun lebe doch endlich deinen Traum vom Spree wald!“, hieß es. „So begann mein drittes Leben, ich konnte endlich das tun, wofür ich immer brannte: Den Spreewald in seiner Einmaligkeit, den Menschen näher bringen!“ Marga Morgenstern, nun in Lübben wohnend, übernahm Stadtführungen, Wanderungen in den Spreewald und schrieb 1992 ihr erstes Buch, dem noch vier weitere folgten. „Mit Büchern wird man nicht reich. Aber ich möchte gern meine Großmutter befragen, kann es aber nicht, weil sie nichts hinterlassen hat. Meine Kinder und Enkel sollen wenigstens nachlesen können, wie das Leben früher war.“

Überzeugte Trachtenträgerin

Als überzeugte Trachtenträgerin fällt sie natürlich auf. „Aber es ist schon etwas anderes, täglich die Tracht zu tragen wie die wendische Großmutter, als sonntags vor Touristen ein Liedchen zu trällern!“ Sie wird oft zu Präsentationen, Eröffnungen und wichtigen Veranstaltungen eingeladen. „Die Leute spüren mit dem Herzen, dass sie eine echte, eine originale Spreewälderin vor sich haben und keine, die sich in ihrer Verkleidung nicht wohl fühlt, weil sie ständig von falsch sitzenden Nadeln gepiekt wird.“ Besonders gern vertritt sie den Spreewald. Dann zitiert sie oft ihren Fontane: „Es ist so still, dass ich sie höre, die Stille der Natur.“

„Älter werden ist wie Bergsteigen, je steiler der Weg nach oben ist, desto besser der Überblick“, sagt Marga Morgenstern. Die 73-Jährige denkt oft über das Leben im Spreewald nach, sieht es „im milden Licht der späten Jahre“: „Es ist nicht so wichtig, ob man Wende oder Deutscher ist. Es ist auch nicht wichtig, ob man hier geboren ist oder nicht. Wichtig ist aber, dass man mit dem Herzen dabei ist und seine Sache, den Spreewald und das Spreewäldische überzeugend vertritt“, sagt sie und fügt an: „Wenn man dabei möglichst viele Menschen erreicht, dann ist man vielleicht ein Original-Spreewälder, vielleicht sogar ein origineller, wenn man zusätzlich noch über einen gewissen Unterhaltungswert verfügt.“

Eigentümlicher Dialekt

Dieses Credo lebt sie vor, vielleicht wirkt sie auf die Touristen sogar exotisch. Sie halten ein und fragen nach: Was sind das eigentlich für Menschen hier im Spreewald? Und so leistet Marga Morgenstern ihren stillen Beitrag zum Verständnis der Lebensumstände im Spreewald: „Es ist gut, wenn hier und da die sorbische Sprache wieder gelehrt und die Kultur gepflegt wird. Ich finde es auch wichtig, diesen eigentümlich wendisch-deutschen Dialekt zu pflegen, der so direkt ist und von allen verstanden wird“, sagt sie und gibt eine Kostprobe: „Ich treeme von Friedn und Zärtlichkeit, treemen is Sunntag des Denkens bei diese Zeit. Ich winsche Eich Glick, keen Hass und keen Streit, nee, imma bloß Zufriedenheit – eure alte Spreewald'sche.“