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| 16:28 Uhr

Herzensmensch
Linstädts Lyrik ist zurück

FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Es ist mehr als nur traurig sein. Was manchmal als die dunkle Nacht der Seele beschrieben wird, heißt auch Depression. Der Lübbener Autor Harald Linstädt ist daran chronisch erkrankt. Wie findet er immer wieder die Kraft zum Weiterschreiben? Von Ingvil Schirling

Im Jahr 1976 gab es ein Flugvorkommnis am Himmel über Neuhardenberg, damals Marxwalde. Ein Gewitter zog auf, und der junge Leutnant Harald Linstädt musste auf einem benachbarten Flugplatz notlanden. Er saß in einer MIG 21, einem Jagdflugzeug, das mit 2500 Kilometern pro Stunde unterwegs sein kann, und hatte noch etwas mehr als 300 Liter Treibstoff im Tank. „Es hieß immer: Wenn man weniger als 300 Liter hat, muss man sich katapultieren“, erinnert er sich an die traumatischen Minuten. „Man muss wissen: Wenn so eine Maschine keinen Treibstoff mehr hat, ist sie einfach nur noch ein tonnenschwerer Stein, der vom Himmel fällt.“

Mehr als 40 Jahre später kann der Lübbener über dieses Ereignis sprechen. Das Unsagbare von damals schimmert durch die Erzählung, doch die Situation, die zur Fluguntauglichkeit führte, ist heute eingeordnet. Linstädt bewerkstelligte die Notlandung. Ins Cockpit stieg er jedoch nie wieder. „Es war das Ende meiner Fliegerei.“

Für ihn markiert dieser Vorfall den Beginn der erkannten Depression, die ihn über die folgenden Jahrzehnte mehrfach tief in die seelische Dunkelheit führte.

Doch Harald Linstädt zeichnet noch etwas anderes aus, eine Kraft, die sich über all die Zeit als unbeugsam erwies und immer wieder erneuerte: seine Kreativität. Sogar dann, wenn er manchmal selbst daran zweifelte.

Allein 2011/12, die gut eineinhalb Jahre vor seiner „bisher tiefsten Krise“, wie er sagt, „waren für mich literarisch eine gute Zeit“. Neun Veröffentlichungen brachte er heraus, acht Bücher und ein Hörbuch. „Das ist für einen Schriftsteller ein Glücksfall“, beschreibt er, denn er fand jeweils auch die richtigen Verlage.  Zur Liste der Verleger gehören beispielsweise der Regia- und der Radochla-Verlag aus der Region. 30 Bücher hat Harald Linstädt insgesamt bis jetzt geschrieben, bei 14 war er Mitautor, dazu kommen in mehr als 40 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit Beiträge für Zeitschriften, den Kinderhörfunk, Multimedia, Broschüren und vieles mehr.

Seine Kreativität berührt große und kleine, alte und junge Menschen und spiegelt sich in Titeln wie „Kalendermanns Vorschlag“, „arbora morgana oder für Bäume flüstern“, „Im Weihnachtsspielzeugmärchenland“, allesamt aus dem Jahr 2011, oder im etwas älteren Lyrikband „Eisvogelwarten“ (2004). Sie spiegelt sich auch in den vielen Buchlesungen und in Hörfunkbeiträgen. Und sie ließ in den 18 erfüllenden und stolz machenden Monaten – wie schon in früheren fruchtbaren Phasen – Manuskripte entstehen, die trotz allem Herzblut mit einem zeitweiligen Schattendasein in Schränken und Kisten konfrontiert wurden.

Denn eines Tages im August 2012 schlug die Glückssträhne ins Gegenteil um. Ängste übernahmen die Herrschaft. Harald Linstädt war es nicht möglich, den Raum einer anstehenden Veranstaltung zu betreten. Umsichtige Mitmenschen brachten ihn sofort in professionelle Obhut.

Da, wo Harald Linstädt war, reichen Worte kaum hin. Die eigenen nicht, und auch die anderer nur schwer. Und doch stellte sich der Erkrankte der Aufgabe, seinen Zustand zu betrachten und damit zu arbeiten. Es war ein langer, ein mutiger Weg. Das schlimmste war, dass der Lübbener nicht mehr auch nur im geringsten daran glaubte, jemals wieder eine einzige Zeile schreiben zu können. Mehr noch: Nahm er Bücher von sich in die Hand, auf denen unzweifelhaft sein Name geschrieben stand, war er überzeugt, dass der Autor ein anderer gewesen sein müsse. Die Linstädtsche Lyrik steckte fest im unergründlichen Schneckenhaus mit seinen zahllosen Windungen, in das er sich zurückgezogen hatte.

Nach der Phase in der Klinik wechselte er zum psychosozialen Verein Horizonte in Lübben und fand besonders mit Betreuerin Janine Kärger Schritt für Schritt wieder zurück ins Leben. Fernsehen, Nachrichten lesen erschien zunächst unvorstellbar – heute geht Harald Linstädt gerne wieder zum Bäcker auf eine Tasse Kaffee. „Ich würde mich nicht als introvertiert bezeichnen“, sagt er, „aber während der akuten Krankheitsphase war ich es.“

Im Herbst 2017 konnte wieder eine Lesung stattfinden. „Das ging mir so an die Nieren“, erinnert er sich an den Neustart, „es war eine dufte Truppe“. Eine „Seelentankstelle“ sind die zuhörenden Kinder, besonders, wenn sie in einem Alter sind, in dem die klugen Nachfragen kommen.

Harald Linstädt ist es wichtig, über seine Krankheit zu reden – auch öffentlich. Nicht, um sich persönlich in den Vordergrund zu spielen, sondern, weil Depressionen weit verbreitet sind und vergleichsweise wenig über sie gesprochen wird. Das führt zu Vorurteilen, zu Scham, zu Ausgrenzung und letztlich vor allem dazu, dass Betroffene es nicht wagen, Hilfe zu suchen. Damit bleibt die Krankheit unbehandelt und kann sich verschlimmern. Auch wenn über psychische Krankheiten, Ängste und Depressionen längst nicht alles erforscht ist, gibt es viele hilfreiche Ansätze.

Harald Linstädt sah das Licht am Ende des Tunnels. Von dort leuchtete ihm seine Kreativität entgegen. Die Manuskripte kamen aus dem Schrank, und der Autor erkannte seine Handschrift, seine Feder wieder. „Ich hatte drei Kinderbuchmanuskripte fertig und konnte die wieder lesen und als meine akzeptieren“, sagt er. Lust und Kraft stiegen auf, aus den dreien machte er zwei, sichtete Ordner, Kladden und Kartons. Liedtexte entstanden, dazu ein Friedensbüchlein, und auch für Lesungen steht der Autor wieder zur Verfügung. Die Linstädtsche Lyrik ist aus dem Schneckenhaus zurück.

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.