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| 02:50 Uhr

Der Leinölmüller von Straupitz

Viel Handarbeit ist nötig: Gerd Nowak prüft den Leinsamen.
Viel Handarbeit ist nötig: Gerd Nowak prüft den Leinsamen. FOTO: Peter Becker/peb1
Straupitz. Der Müllersohn hätte so gern Fußball gespielt, wie seine Straupitzer Kumpels. Er aber musste in der Mühle helfen, wenn Vater Willy rief. Gerd Nowak nahm Bretter vom Gatter, wenn Sägen angesagt war. Er nahm die Säcke fürs Schroten entgegen, wenn die Landwirte Korn brachten. Peter Becker / peb1

Gerd Nowak hat eine Kindheit erlebt, die früher so die Regel war, wenn auch nur ganz Wenige in einer Mühle mithelfen mussten - oder in der Außenansicht: durften. An der Straupitzer Mühle, seit Generationen in Familienbesitz, nagte allerdings schon der Zahn der Zeit.

Mit Windkraft wurde sie seit 1923 nicht mehr angetrieben, als durch Blitzschlag die Flügel verbrannten. Ersatzteile für das Mahl- und Sägewerk gab es kaum, Mehl wurde schon lange nicht mehr gemahlen, Leinöl nur noch ganz selten verpresst, zuletzt 1974.

Holz gab es immer seltener zu sägen, zuletzt im Auftrag der Tagebauvorfelderschließer, die gefällte Laubbäume zur Verarbeitung brachten. Für Gerd Nowak war eigentlich klar, dass im Mühlengeschäft keine Zukunft lag.

Nach der 10. Klasse lernte er in Cottbus Elektromonteur, anschließend ging es zum Wehrdienst nach Marxwalde. Als Flugzeugmechaniker war er für die Wartung der Elektrotechnik an den MiGs zuständig. Noch in dieser Zeit lernte er daheim die Neu Zaucherin Cordula näher kennen und in der Folge lieben, die Töchter kamen 1978 und 1979 zur Welt. Nach der NVA-Zeit war Gerd Nowak als Elektromonteur auf den Baustellen der Republik unterwegs.

Daheim, am Wochenende, wartete das riesige Mühlengrundstück auf ihn, auf dem die junge Familie wohnte. Für seine Frau war das kaum zu bewältigen. Schweren Herzens gab er den Job als Monteur auf und wurde Sägewerker im benachbarten Alt Zauche. Parallel dazu begann Gerd Nowak ein Fernstudium im Fachgebiet Staat und Recht, das ihm eine Bürotätigkeit beim Rat des Kreises Lübben bis kurz vor der Wende einbrachte. Als Eingabenbearbeiter hatte er alle Hände voll zu tun, die Gesundheit begann, unter der Dauerbelastung zu leiden.

Inzwischen war die elterliche Mühle verpachtet und stand zum Verkauf. Ein Berliner Betrieb wollte ein Kinderferienlager errichten - wenn dem nicht 1984 die Denkmalpflege einen Riegel vorgeschoben hätte. Erst vier Jahre später erwarb diese dann auch die Mühle. Nun konnten Nowaks die Hälfte der Unterhaltungskosten beim Denkmalschutz abrechnen, auf der anderen Hälfte blieb die Familie dennoch sitzen. Um wenigstens etwas Geld zu verdienen, ließ sich Gerd Nowak bei der Denkmalpflege im eigenen Betrieb als Sägewerker anstellen. Er sägte Leisten zurecht, allerdings nur ein knappes Jahr. Wendebedingt wurde er entlassen, die Mühle wurde von der Denkmalpflege an die Gemeinde verkauft. Die war damit ebenso überfordert, das Schicksal der alten Dreifachmühle schien besiegelt, niemand sah eine Chance zur Weiternutzung. Gerd Nowak jobbte danach im Luckauer Baustoffhandel - bis 2007, als ihn das Schicksal zurück in die Mühle führte.

Das Arbeitsamt wurde 1994 auf den arbeitslosen Straupitzer Lehrer Klaus Rudolph aufmerksam. Er wurde angesprochen, ob er denn nicht der alten Mühle neues Leben einhauchen könnte. Was niemand zu hoffen wagte, machte der kämpferische Rudolph möglich: Ein Jahr später floss das erste Leinöl aus den alten Apparaturen.

Es dauerte noch viele Jahre, bis dann 2003 endlich die Dreifachmühle wieder wie in alten Zeiten klapperte: sie mahlte Korn, sägte Stämme zu Brettern und presste Öl aus Leinsamen - wenn auch inzwischen mit Elektrounterstützung, der Wetterunabhängigkeit wegen. In der Mühle drehte sich alles so, als wenn es gar keine Unterbrechung gegeben hätte. "Es ist zweifellos der Verdienst von Klaus Rudolph, ohne ihn wäre die Mühle wohl endgültig verfallen. Er hat das Erbe meines Großvaters gerettet", würdigt der Enkel den inzwischen zum Ehrenmüller Ernannten.

Gerd Nowak sprang 2007 einmal für einen erkrankten Ölmüller ein - und blieb. Inzwischen ist er nach dem Ausscheiden von Klaus Rudolph Geschäftsführer der Straupitzer Mühlenvereins und presst, wenn es die Zeit erlaubt, Leinsamen zu Öl. Es ist immer noch die uralte schwere Handarbeit, die gerademal zu fünf Liter Öl in der Stunde führt - viel zu wenig für das inzwischen anerkannte und stark nachgefragte Gesundheitsprodukt. Der Bedarf kann kaum gedeckt werden, zumal die Spreewälder ihr Nationalgericht - Quark mit Leinöl - wenigstens einmal in der Woche auf den Tisch haben wollen und im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geschmack gekommen sind. Das Straupitzer Öl schmeckt eben anders, als das mit modernen Verfahren gewonnene Öl. Die Männer und Frauen des Mühlenvereins sind sich dessen bewusst, doch die Quantität können sie kaum beeinflussen. Eine Mühle, die einst die Versorgung eines Ortes und vielleicht noch von ein paar Nachbarorten abdeckte, ist mit der gleichen Technik von damals nicht in der Lage, eine Region und noch weit darüber hinaus zu versorgen. Nebenbei sind die Ölmüller auch noch Gästeführer. Gerd Nowak und seine Kollegen erklären mehrmals täglich die Herstellung in der Schauproduktion.