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| 17:38 Uhr

Herzensmensch
Wenn Lutki erwachsen werden ...

 Felix Krause auf dem Spreewaldkahn. Der junge Lübbener studiert in Franken, kehrt aber zum Trachtenfest zurück.
Felix Krause auf dem Spreewaldkahn. Der junge Lübbener studiert in Franken, kehrt aber zum Trachtenfest zurück. FOTO: privat
Sechs Jahre alt war Felix Krause, als er das erste mal bei den Lutki mittanzte. Inzwischen studiert der 22-Jährige in Nürnberg-Erlangen. Was treibt ihn an, zum Trachtenfest extra anzureisen und sich als Gästeführer einzubringen? Von Ingvil Schirling

Es ist soweit. Tausende Gäste erwartet Lübben am Wochenende zum Deutschen Trachtenfest. Damit diese etwas über die Stadt erfahren können, aber auch Orientierung finden, sind zahlreiche Helfer bereit, sie an die Hand zu nehmen – und zwar mit Herz.

Stellvertretend für sie steht der Gästeführer Felix Krause – und er dürfte zu den jüngeren Mitgliedern dieser Gruppe zählen. Gerade mal 22 Jahre ist er alt, kommt aus der Lutki-Schmiede von Doris Strasen und Elke Hoffmann. Diese beiden und viele andere inspirierten ihn derart, dass er, da schon ein junger Erwachsener, echte Fischköpfe mit an die Schule brachte. Doch dazu später.

Führungen mit neuem Wissen

Von den Führungen des Felix Krause, der mit einer Partnerin in traditioneller Tracht mit Handwagen unterwegs sein wird, dürften die Teilnehmer stark profitieren. Denn der Lehramtsstudent mit Hauptfach Geografie hat ein ausgeprägtes Bewusstsein für zeitgemäß gelebte Tradition mit bestimmten Elementen im Kern, auf die er großen Wert legt.

Die Saat brachte Elke Hoffmann aus als Leiterin der Tanzgruppe Lutki. Als kleiner Junge war Felix in Hartmannsdorf in die Kita Gänseblümchen gegangen, kam dann in die heutige Liuba-Grundschule und den Hort der Spreewald-Kita. „Freitags probten die Lutki, und ich saß auf der Spielburg und schaute zu, wie die anderen getanzt haben“, erinnert er sich, heute ein hoch aufgeschossener junger Mann, der im fränkischen Nürnberg-Erlangen studiert. Beim Zuschauen blieb es nicht: „Ich wollte auch mitmachen.“

Ruckzuck das erste Paar

Mit Marie Britze, einer Kindheitsfreundin aus dem Dorf, bildete er ein Tanzpaar, „und es lief gleich so gut, dass wir ruckzuck das erste Paar waren“, erzählt er – nachdem die älteren Kinder nicht mehr dabei waren.

Von da an traten die beiden beim Spreewaldfest auf, beim Handwerker- und Bauernmarkt, zu Ostern und bei anderen Veranstaltungen. „Diese Feste waren immer etwas Besonderes für uns, und sie haben auch einfach Spaß gemacht.“

Felix Krause wechselte aufs Gymnasium. Mit 16 machte er den Sportbootführerschein binnen. Mit Freunden rausfahren in den Spreewald, einfach baden, in der Sonne auf dem Steg hängen, die Umgebung erkunden war immer schön – und „ruckzuck war der Kahn zu klein“. Der junge Mann liebäugelte mit dem Kahnfährmannsschein, hakte jedoch zunächst das Abitur ab und holte die Beförderungserlaubnis mit 19 Jahren nach. Ein eigener Kahn folgte auf dem Fuß. In den Gesprächen mit den Fährleuten vertiefte sich sein Interesse an Flora, Fauna und Geografie des Spreewalds. Die Studienrichtung war gesetzt. Und beim Zampern war er längst traditionell als Storch, Eierfrau, Schimmelreiter oder doppelte Person dabei.

Was ist die „richtige“ Tracht?

Doch nicht nur da stellten sich im Spreewald immer wieder heiß diskutierte Fragen: Was ist denn nun die „richtige“ Tracht? Welches Teil sagt was aus, ist wie beschaffen, wird traditionell wie hergestellt?

Kleine Details können große Unterschiede machen, und Felix Krause arbeitete sich tief in die Materie ein. Für sich traf er die Entscheidung, bestimmte Trachtenteile nach den überlieferten Vorgaben schneidern zu lassen: ein leichtes Baumwollhemd samt Leinenhose für informelle Gelegenheiten, Frack und Zylinder für den Einsatz als Fährmann beim traditionellen Kahnkorso zum Spreewaldfest-Höhepunkt. Teile der Spreewald-Tracht für Trägerinnen hat er ebenfalls zu Hause und kann, wenn gewünscht, somit aushelfen.

Nach der Schule kamen die Liuba-Schüler ein Jahr lang in den Genuss, das von ihm Erkundete spielerisch kennenlernen zu dürfen. Er leistete dort ein Praktikum, ließ die Kinder vorgezeichnete Kähne selbst gestalten als Wasserfahrzeuge für Feuerwehr, Polizei und andere.

Die Unterwasserwelt des Spreewalds wurde ebenso Thema – und damit sich das alle besser vorstellen konnten, brachte er präparierte Fischköpfe mit. Die langen, spitzen Zähne des ein oder anderen Exemplars dürften nachhaltig Eindruck gemacht haben.

„In Lübben hat sich viel entwickelt“

Nun steht in Nürnberg Geographie auf dem Stundenplan. Mit immer wieder neuem Blick und frischen Kenntnissen kehrt der Lübbener zurück in seine Heimatstadt, bringt oft Freunde und Bekannte mit. „Lübben mausert sich. Hier hat sich viel entwickelt, im positiven Sinne“, bilanziert er und erwähnt anerkennend den zeitgemäßen Architekturstil mit historischen Elementen.

„Heute muss man mit der Zeit gehen – und das ist früher auch schon so gewesen“, weist er darauf hin, dass Tradition veränderlich ist, wiewohl es auf ihre Kernelemente ankommt. Er unterscheidet klar zwischen Tracht und von ihr inspirierter Mode – „und trotzdem ist beides in Ordnung.“

Auf das Wochenende, wenn er mit Wiebke Günther aus Großschwabhausen (zwischen Weimar und Jena gelegen) als seiner Trachtenpartnerin unterwegs sein wird, freut er sich besonders. Beide ziehen als Gästeführer durch Lübben, um Informationen anzubieten und Orientierung zu geben – quasi als mobiler Infopunkt. Trachtenverbände aus Baden-Württemberg sind ihnen besonders zugeordnet.

„Ein großes Fest in dieser Form kommt nie wieder“, ruft Felix Krause die Lübbener zum Mitmachen auf. „Die Stadt wird dadurch noch bekannter. Wir leben ja vom Tourismus und möchten weiterhin viele Menschen anlocken.“