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| 17:32 Uhr

Herzensmensch
Vielleicht wäre er ja Weltmeister geworden

 „Sonne im Herzen“ ist das Motto von Christian Taubert. Das Foto entstand bei einem Besuch des Aros-Museums in Aarhus.
„Sonne im Herzen“ ist das Motto von Christian Taubert. Das Foto entstand bei einem Besuch des Aros-Museums in Aarhus. FOTO: Christian Taubert / privat
Lübben. Christian Taubert verlor als Jugendlicher die Funktionsfähigkeit seines linken Arms. Der bekannte Journalist galt damals als einer der talentiertesten Nachwuchs-Radsportler. Wie geht man mit so einem Schicksalsschlag um? Von Ingvil Schirling

Am ehesten fällt wohl diese ungewöhnlich große, kräftige, geschickte rechte Hand auf. Die starken und beweglichen Finger tragen Kaffeetassen, halten Türen auf, schreiben Artikel. Man darf sich fragen, ob der gut gelaunte Mann mit dem offenen Lachen und den lebendigen blauen Augen in seiner Freizeit Holz schnitzt oder Kähne stakt. Doch die Kraft der rechten Hand liegt daran, dass der linke Arm die meiste Zeit kaum benutzbar auf dem Oberschenkel liegt.

 Als junger Sportler verlor Christian Taubert die Funktionsfähigkeit seines linken Arms. Der Rechtshänder lernte trotzdem, mit dem Alltag umzugehen und setzte sich einhändig von Anfang an mit der Schreibmaschinentastatur auseinander.
Als junger Sportler verlor Christian Taubert die Funktionsfähigkeit seines linken Arms. Der Rechtshänder lernte trotzdem, mit dem Alltag umzugehen und setzte sich einhändig von Anfang an mit der Schreibmaschinentastatur auseinander. FOTO: LR / Ingvil Schirling

Ein Stück Mittelstreifen war das letzte, was der 17-jährige Christian an jenem Frühlingstag des Jahres 1972 bewusst wahrnahm, ehe der Unfall seinem Leben eine unerwartete neue Richtung gab. An diesem Mittelstreifen orientierte er sich beim Straßenrennen in Delitzsch, der heutigen großen Kreisstadt im Nordwesten Sachsens. Und am selben Mittelstreifen kam ihm ein Motorradfahrer entgegen. „Wo der herkam, weiß ich nicht“, sagt Christian Taubert, noch heute kopfschüttelnd. Die Strecke war gesperrt, aber es gab nicht überall Posten.

 Herzensmenschen
Herzensmenschen FOTO: LR / Schubert, Sebastian

Absolutes Ausnahmetalent

Der junge Lübbener galt als absolutes Ausnahmetalent, war Ziehsohn der Trainer-Legende Eberhard Pöschke. Dieser bewohnte noch einige Jahre vorher eine kleine Wohnung in der Lübbener Hauptstraße. Ein Zimmer wurde fast komplett von einer Modelleisenbahn-Platte eingenommen. Und an der saß der kleine Christian, ein Junge noch, und spielte selbstvergessen mit den Figuren.

Übers Turnen wurde er später als Radsport-Talent entdeckt, Lieselotte Pöschke beobachtete ihn bei einer Sichtung, genommen wurde dann ein anderer, aber sie sagte zu ihrem Mann, er möge sich den Teenager mal anschauen. Und so setzte ihn Eberhard Pöschke 1966/67 auf ein Rennrad, und allen Beteiligten war klar: Das ist sein Ding.

Aufgewachsen in Lübben

Christian Tauberts Vater kam aus Crimmitschau, dem Geburtsort des Jungen, zum Kraftwerk nach Lübbenau, wollte dort aber nicht wohnen. Also zog die Familie nach Lübben, in die Hartmannsdorfer Straße. „Im Nachbaraufgang hat Volker Winkler gewohnt“, nennt Christian Taubert einen weiteren erfolgreichen Radsportler. Olympiasieger Olaf Pollack stammt übrigens aus derselben Ecke.

„Wenn sie mich im Spurt mit angebracht und nicht vorher abgehängt haben“, sagt Christian Taubert, „konnte ich immer gewinnen“. Es klingt weder überheblich noch sentimental. Das Straßenrennen in Delitzsch am Vortag hatte er für sich entschieden. Beim anstehenden Einzelzeitfahren „war ich richtig gut dabei“.

Der Unfall

Der Motorradfahrer kam frontal, hängte sich unglücklich in den Arm ein und riss den Renner zu Boden. „Ich wusste sofort, dass das kein normaler Sturz war“, sagt er.  „Ich hab mich gefühlt wie auf der Straße angeklebt. Ich konnte nicht aufstehen.“

Der Starter, den er eben noch überholt hatte, war zuerst bei ihm, dann die Sanitäter, die ihn auf die Intensivstation nach Delitzsch brachten. Der Arm war gebrochen, ein großes Stück vom Bizeps herausgerissen. Doch das Irreparable zeigte ein Röntgenbild mithilfe von Kontrastmittel erst 14 Tage später: Die Wurzel des Nervs, der den Arm mit Beweglichkeit, Gefühl und Funktionalität versorgt, war aus ihrer Tasche in der Wirbelsäule herausgerissen. „Das kann heute noch keiner operieren“, sagt er.

Es dauerte Wochen bis das Heilbare wieder zusammengewachsen war. Der Lübbener machte an der Cottbuser Sportschule noch Abitur und begann im Herbst 1973, damals 18-jährig, bei der Lausitzer Rundschau als Volontär eine journalistische Laufbahn, die ihn nach der Wende unter anderem als Korrespondent nach Potsdam führte.

Vergangenen Sommer ging Christian Taubert in Rente. Bei großen Anlässen wie kürzlich dem 85. Geburtstag von Radsport-Urgestein Eberhard Pöschke im Lübbener Neuhaus trifft er Weggefährten, Begleiter, alte Freunde und Interviewpartner gleichermaßen. „Es gibt immer noch Leute, die sagen, das wär‘ mal was ganz Großes geworden.“ Selbst eine Weltmeisterschaft wird genannt. „Aber das kann man nicht wissen“, reflektiert er selbst. Er war neun Mal Deutscher Meister auf der Straße, der Bahn und im Cross. In Biebersdorf fuhr er 1968 mit Detlef Stegk, Wolfgang Trunschke und Jürgen Hanschkow den ersten Vierermannschafts-Meistertitel für Lokomotive Lübben ein und wurde in Venusberg Einzel-Meister.

 Lok Lübben gewinnt im Jahr 1968 in Biebersdorf das Rennen bei den Schülern A.
Lok Lübben gewinnt im Jahr 1968 in Biebersdorf das Rennen bei den Schülern A. FOTO: privat / Privat
 Der „Lübbener Vierer“ damals und heute. Zum 85. Geburtstag von Eberhard Pöschke (Mitte) trafen sich Wolfgang Trunschke, Christian Taubert, Jürgen Hanschkow und Detlef Stegk in Lübben.
Der „Lübbener Vierer“ damals und heute. Zum 85. Geburtstag von Eberhard Pöschke (Mitte) trafen sich Wolfgang Trunschke, Christian Taubert, Jürgen Hanschkow und Detlef Stegk in Lübben. FOTO: Christian Taubert / privat

Ein Rad mit Hydraulik-Bremse

Der Übergang vom vielversprechenden Nachwuchstalent zum RUNDSCHAU-Redakteur dürfte nicht ohne dunkle Stunden abgegangen sein. Dass der Wurzelausriss „nicht reparabel war, das war mir ganz schnell klar“, sagt er. Lange hielt sich die Hoffnung, dass eines Tages medizinisch doch noch etwas möglich wird. Erst vor Kurzem wurde klar: Es wäre so aufwändig, so riskant und die Erfolgsaussichten nicht eindeutig, dass er diesen Gedanken ad acta legte.

„Im Prinzip geht alles, aber manchmal muss man sich helfen lassen“, sagt er. Manschettenknöpfe schließen wäre ein Beispiel. „Für mich war von Anfang an Fakt: Ich möchte selbstständig sein.“ So stieg er recht bald wieder aufs Rad. Seine Frau schenkte ihm eines mit Hydraulik-Bremse, „das fahre ich heute noch“. Wie einer, der einfach gern mal einhändig fährt.

Wer ganz genau beobachtet, sieht nicht nur die kräftige rechte Hand, sondern bemerkt auch, dass er fast immer in Schuhen unterwegs ist, die man nicht schnüren muss. „Außer bei den Tanzschuhen“, sagt er lachend. „Da gibt es das nicht.“ Und da lässt man sich dann eben helfen. Seine 14-jährige Enkelin Emma fasst es so zusammen: „Bei uns finden wir immer eine Lösung.“

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzens­entscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.