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| 14:57 Uhr

Rettung des Quappenbestandes
Der „Brotfisch“ des Spreewalds kehrt zurück

Auf geht's ins kühle Nass: Eine markierte junge Quappe, kurz bevor sie in die Freiheit entlassen wird.
Auf geht's ins kühle Nass: Eine markierte junge Quappe, kurz bevor sie in die Freiheit entlassen wird. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Schlepzig. Lange waren sie ausgestorben, nun sollen sie wieder angesiedelt werden: Fischfreunde aus Schlepzig setzen 600 Quappen aus. Von Liesa Hellmann

Die dunklen, etwa zehn Zentimeter langen Fische haben am Donnerstag schon einen langen Weg hinter sich. Sie kommen aus Gersfeld in der Rhön von der dort ansässigen Fischzucht Rhönforelle. 500 Kilometer wurden die Fische also durch Deutschland gefahren. Warum das Ganze? Es handelt sich nicht um irgendeinen Fisch, sondern um junge Quappen, die nun gut ein Jahr alt sind. „Die Quappe war früher der Brotfisch der Fischer im Winter“, erklärt Fischereibiologe Frank Fredrich. Mittlerweile ist sie im Spreewald so gut wie ausgestorben. Seit einigen Jahren bemühen sich Fischereigenossenschaften um ihre Wiederansiedlung. Es sei allerdings schon eine Herausforderung, junge Quappen zu bekommen, weil die Aufzucht nicht einfach ist, erzählt Matthias Noah, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft „Unterspreewald“ in Schlepzig. Für ihn steht aber fest: „Quappen sollen wieder heimisch werden.“

Einmal jährlich setzen er und seine Kollegen Fische in den Gewässern um Schlepzig aus. Am Donnerstag waren neben Quappen auch Zander Karpfen dabei. Die Genossenschaft finanziert die Fische über den Verkauf von Angelkarten: Wer eine Angelkarte erwirbt, trägt gleichzeitig dazu bei, die Fischvielfalt zu erhalten. Da es sich bei der Quappe um eine stark gefährdete Art handelt,  haben die Fischer eine Förderung vom Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung des Landes Brandenburg erhalten, die für 90 Prozent der Kosten aufkommt.

Biologe Fredrich hat zu Quappen geforscht und will herausfinden, wie weit sie im Spreewald wandern und ob sich das Aussetzen der Fische tatsächlich lohnt. Er schätzt, dass nur fünf Prozent der 600 Quappen, die am Donnerstag ausgesetzt wurden, die nächsten Jahre überleben werden. Deshalb wurde etwa ein Drittel der kleinen Fische vor dem Aussetzen mit einer gelben Markierung gekennzeichnet. Wenn Fischer oder Angler eine Quappe mit gelber Markierung fangen, sollen sie den Fang der Fischereigenossenschaft melden, damit die Verbreitung der Fische nachvollzogen werden kann. Bisher gab es Meldungen von Fischern, die Quappen in ihren Netzen im Schwielochsee und im Neuendorfer See vorgefunden haben. Ab gesehen davon glänzt die Quappe weiterhin durch Abwesenheit.

Das war jedoch nicht immer so. Noch vor 100 Jahren war die Quappe im Spreewald eine der häufigsten Fischarten. Seit den 1970er Jahren ging ihr Bestand jedoch massiv zurück. „Die Quappe benötigt zum Laichen im Winter sehr kaltes Wasser bis maximal vier Grad Celsius“, erläutert Frank Fredrich. Beim Ausbau der Tagebaue wurde das wärmere abgepumpte Wasser in die umliegenden Gewässer geleitet, wodurch sich die Wassertemperatur im Spreewald über den kritischen Wert erwärmte. Zwar starben die Quappen nicht, sie pflanzten sich aber einfach nicht mehr fort.

Haben gut lachen: Gerhard Petigk (l.) und Reinhard Lehmann von der Fischereigenossenschaft freuen sich über den neuen Quappennachwuchs.
Haben gut lachen: Gerhard Petigk (l.) und Reinhard Lehmann von der Fischereigenossenschaft freuen sich über den neuen Quappennachwuchs. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Heute seien die Bedingungen für die Quappe wieder besser, sagt der Biologe. Das Wasser im Spreewald sei nicht nur wieder kälter, es gäbe auch Kleinstlebewesen wie Krebse und Insektenlarven, von denen sich junge Quappen ernähren, bevor sie, wenn sie älter sind, Fische fressen. Frank Fredrich ist dennoch skeptisch, ob sich die Fische allein durch das Aussetzen wieder dauerhaft im Spreewald ansiedeln können. Die Lebensbedingungen müssten dafür schon dauerhaft stimmen. „In der Umweltpolitik wäre eine Linie über viele Jahre wichtig“, sagt er.

Am Donnerstag kommen die markierten Quappen aber erstmal mit ihren unmarkierten Artgenossen in einen großen Bottich, der auf einen Kahn verladen wird. Dort stehen bereits ein Tank mit jungen Zandern und zwei weitere Bottiche mit jungen Spiegel- und Schuppenkarpfen, die ebenfalls in die Freiheit entlassen werden. Auf einer etwa einstündigen Fahrt auf den Spreearmen bei Schlepzig werden die Fische nach und nach von Reinhard Lehmann und Gerhard Petigk von der Fischereigenossenschaft ausgesetzt. Unterwegs sind an so manchem Baum Nagespuren von Bibern zu sehen, auch sie waren lange Zeit im Spreewald ausgerottet. Ein Seeadler beobachtet die Männer hoch oben von einer Baumkrone aus, ein Eisvogel fliegt, immer nah am Ufer entlang, eine Weile vor dem Kahn her. Sie alle sind (wieder) heimisch im Spreewald. Die Fischer hoffen, dass es auch die Quappe bald wieder sein wird.

Der Biologe Frank Fredrich markiert einige der 600 Quappen vor dem Aussetzen. Er will damit bald herausfinden, wie nachhaltig die Aktion war.
Der Biologe Frank Fredrich markiert einige der 600 Quappen vor dem Aussetzen. Er will damit bald herausfinden, wie nachhaltig die Aktion war. FOTO: LR / Liesa Hellmann