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| 17:53 Uhr

Serie: Ich kaufe regional
"Das erfordert auch Zivilcourage"

80 Kilo Müll produziert ein Spreewälder im Jahr. Allein die Hälfte davon entsteht durch Leichtverpackungen.
80 Kilo Müll produziert ein Spreewälder im Jahr. Allein die Hälfte davon entsteht durch Leichtverpackungen. FOTO: dpa / Stefan Sauer
Die Sprecherin des Abfallentsorgungsverbandes spricht über den „Einkaufsbeutelwahnsinn“ und die Macht, die jeder Verbraucher mit einem intelligenten Einkauf auf die Müllproduktion hat. Von Steven Wiesner

Frau Jurrack, rund 80 Kilo Verpackungsmüll aus Pappe und Papier, Glas oder Leichtverpackungen häuft ein Bewohner aus Lübben und Umgebung jährlich an. Welchen Einfluss habe ich als Verbraucher, um den Wert zu senken?

Ich kaufe regional 4c
Ich kaufe regional 4c FOTO: LR

Jurrack Wenn ich spezielle Waren kaufen möchte, die schon vorverpackt sind, habe ich nicht viele Möglichkeiten, da etwas dranzudrehen. Aber ich kann mich durchaus nach Läden umsehen, die Waren ohne Verpackungen anbieten. Überall ist es nicht möglich, aber gerade bei Getränken kann ich Einfluss nehmen, indem ich anstelle von PET-Flaschen Mehrwegverpackungen aus Glas kaufe, die direkt zum Handel zurückgehen und immer wieder neu befüllt werden können. Und je mehr Druck der Verbraucher auf den Handel und die Industrie macht, desto mehr müssen die sich auch anpassen.

Halten Sie das für realistisch?

Roswitha Jurrack vom Kommunalen Abfallentsorgungsverband (KAEV) Niederlausitz
Roswitha Jurrack vom Kommunalen Abfallentsorgungsverband (KAEV) Niederlausitz FOTO: LR / Steven Wiesner

Jurrack Es gibt immer eine Chance, das ist in der Politik genauso. Wenn ich um bessere Busverbindungen kämpfe, muss ich auch was unternehmen, sonst kriege ich keine.

Ist es eine Option, mit der Tupperdose durch die Stadt zu laufen oder mir den Cappuccino in einen eigenen Behälter füllen zu lassen?

Jurrack Ich befürchte, man würde in vielen Geschäften die Antwort bekommen: Nein, das dürfen wir nicht aufgrund von Hygienevorschriften.

Was führt noch zur Müllinvasion?

Jurrack Es fällt unglaublich viel Pappe und Papier durch den Onlinehandel an. Die moderne Gesellschaft möchte es bequem haben und entwickelt sich weiter, aber das fördert auch unsere Erstickungsgefahr im Müll. Das belastet die Verpackungsindustrie und die Entsorgungswirtschaft. Wenn ich aber vor die Tür gehe und regional einkaufe, fördere ich nicht nur die einheimische Wirtschaft, sondern vermeide auch Verpackungen und CO². Darauf wollen wir hinwirken. Und ich glaube, der Trend geht auch wieder dahin.

Was bestärkt Sie in dem Glauben?

Jurrack Wenn man über die Märkte geht und die Leute einkaufen sieht, nimmt das nach meiner Wahrnehmung schon zu. Und es ist auch richtig so. Die Gurke muss nicht gerade sein, und die Äpfel müssen auch nicht durch jede Schablone passen. Die schmecken genauso gut.

Wenn man sich anguckt, wie oft Müll auch im Wald abgeladen wird, muss man zu dem Schluss kommen, dass die Leute gar nicht sensibilisiert sind für das Thema. Wie versuchen Sie, das Bewusstsein dafür zu schaffen?

Jurrack Wir sind in Kindergärten und Schulen unterwegs und leisten auch bei öffentlichen Veranstaltungen Aufklärungsarbeit. Um den Einkaufsbeutelwahnsinn zu stoppen, haben wir auch schon Baumwolltaschen kreativ gestalten lassen von Kindern und Erwachsenen, die sie immer wieder benutzen können. Die Leute müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie Müll vermeiden können.

Muss sich eine Gesellschaft dahingehend auch selbst erziehen? Vor allem, wenn Müll irgendwo in die Landschaft geschmissen wird?

Jurrack Sicher. Das erfordert auch Zivilcourage. In unserer Region gucken die Leute vielleicht noch mehr auf den anderen als in einer großen anonymen Stadt, wo sich niemand um den anderen schert.

Frau Jurrack, Sie sitzen an der Quelle und sind so sehr im Thema wie kaum ein anderer. Wie und wo gehen Sie eigentlich einkaufen?

Jurrack Ich habe da schon einen anderen Blick drauf, das stimmt. Ich gehe mit Körben und Kisten einkaufen und achte darauf, Mehrwegprodukte zu kaufen. Ich versuche, regional zu kaufen, gehe in Geschäfte, wo ich weiß, da bekomme ich das Fleisch, Obst und Gemüse aus Golßen oder Lübbenau. Oder ich gehe auf Märkte und kaufe Produkte von Kleingärtnern. Und sich seine Brötchen beim Bäcker nicht einpacken, sondern in seinen eigenen Beutel füllen zu lassen, ist auch schon ein kleiner Schritt, um Verpackungsmüll zu verhindern.

Mit Roswitha Jurrack
sprach Steven Wiesner