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| 16:40 Uhr

Niewitz
Ein Landkreis in der Pflicht

Zu den Höhepunkten des Neujahrsempfangs gehörte das Konzert des Kammerorchesters der Jungen Philharmonie Brandenburg, bei dem sich Landrat Loge mit Blumen bedankte.
Zu den Höhepunkten des Neujahrsempfangs gehörte das Konzert des Kammerorchesters der Jungen Philharmonie Brandenburg, bei dem sich Landrat Loge mit Blumen bedankte. FOTO: Ingvil Schirling / LR
Lübben. Dahme-Spreewald feiert Neujahrsempfang im Spreewald-Parkhotel Niewitz mit vielen nüchternen Tönen. Vor allem der Ausgleich zwischen Nord und Süd wird wieder mehr zum Thema. Von Ingvil Schirling

Es scheint, als habe sich der Landkreis Dahme-Spreewald nun genug gefeiert - und feiern lassen. Als „abundant“, also finanziell nicht mehr von Schlüsselzuweisungen abhängig, gilt er, als wirtschaftsstark und von Zuzüglern begehrt. Dass diese herausragende Stellung auch Verpflichtungen mit sich bringt, machte Kreistagsvorsitzender Martin Wille (SPD) in seiner Rede deutlich. Vor rund 150 Gästen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Verwaltung sagte er beim Neujahrsempfang im Spreewald-Parkhotel Niewitz: „Der Landkreis muss seine Ausgleichsfunktion zielgerichtet wahrnehmen, denn noch immer sind die Lebensbereiche unserer Bürger von Schönefeld bis Lieberose sehr unterschiedlich.“ Es werde die Kreistagsabgeordneten immer wieder in eine Zwickmühle bringen, „wenn Hilferufe von mehreren Gemeinden kommen, man aber nicht gleichzeitig helfen kann.“

Eine hohe Priorität habe das Thema Bildung. Er hoffe, „dass wir das leidige Theme Schülerfahrzeiten zügig in Zusammenarbeit mit der Verwaltung abräumen können“, sagte er weiter. Wohnraum und Breitband seien weitere Knackpunkte.

„Und dann haben wir ja noch ein Luxusproblem“, kam Wille auf ein aktuelles Kernthema zu sprechen, „nämlich den Bilanzgewinn von 14 Millionen Euro sinnvoll einzusetzen“. Wahrlich, dieses „Luxusproblem“ hätten wohl viele gern. Landrat Stephan Loge (SPD) hatte dazu bereits Vorschläge gemacht (die LR berichtete). Demnach könnte ein zweiter Kreisstrukturfonds eingerichtet werden, die Kreisumlage um ein viertel bis ein halbes Prozent gesenkt und Gemeinden, die noch keine Eröffnungsbilanz haben, Wirtschaftsfachleute dafür an die Seite gestellt werden. Dies sind bis jetzt aber nur Vorschläge, die Loge am Rande des Empfangs versicherte. Was der Kreistag daraus macht, ist noch offen.

Der Landrat selbst hob in seiner Rede zunächst auf die Erfolgsfaktoren im Kreis ab. Laut mittelfristiger Finanzplanung seien bis 2020 Investitionen in Höhe von 100 Millionen Euro geplant. Beispiele sind das neue Zentrum für Zukunftstechnologien in Wildau, das Jobcenter in Königs Wusterhausen, das neue Gymnasium in Schönefeld, weitere Modernisierungen an Gymnasien. Für 2200 Wohneinheiten seien im vergangenen Jahr Baugenehmigungen erteilt worden.

Die Schattenseite allerdings wird vom deutlich spürbaren Fachkräftemangel beherrscht. 1700 freie Arbeitsplätze seien aktuell gemeldet, aus allen Branchen - „das ist sehr viel“, kommentierte Stephan Loge. „Ich habe Angst vor Stagnation.“

Eine Kreisentwicklungskonzeption, wie auch im Kreistag gefordert, soll auf den Weg gebracht werden - gemeinsam mit Städten, Gemeinden und Einwohnern.

Loge nutzte den Abend um zu danken. Dem scheidenden Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine (CDU), der aus dem Unterspreewald ins niedersächsische Diepholz wechselt und dort Kreisrat wird - das entspricht der Position eines Dezernenten - sprach er höchste Anerkennung für sein „regionales, soziales und persönliches Engagement“ aus. Kleine sei eine „Person mit Haltung“. Im Zusammenhang mit der „Flüchtlingskrise 2015“ habe er „zusammen mit dem Landkreis Dahme-Spreewald zu der uns übertragenen Aufgabe gestanden und uns aus Überzeugung unterstützt“.

Zwei Jahre nach der Ankunft vieler Geflüchteter, den daraus folgenden Unterbringungs- und Integrationsfragen, konnten die Gäste beim folgenden Imbiss gleich zwei positive Beispiele ihrer Lebenswege beobachten und kennenlernen. Abdul Vajid Sediqui und Shaheem Noori, 19 und 25 Jahre, beide aus Afghanistan, sind seit 1. September Auszubildende im Spreewald-Parkhotel Niewitz und versorgten viele derjenigen mit Getränken, die ihnen diesen Start unter anderem über das Förderprogramm „LDS integriert“ ermöglicht hatten.

Migrationsbeauftragte Antje Pretky und die Ehrenamtliche Swantje Rosenboom haben großen Anteil daran - auch, weil es sich in vielen Fällen um eine detaillierte Einzelbetreuung von der Wohnungssuche bis zum ersten Arbeitstag und weit darüber hinaus handelt. Ausbilder Enrico Hausmann ist sehr zufrieden mit den beiden jungen Afghanen. „Am Anfang waren sie etwas ruhig und schüchtern. Jetzt blühen sie richtig auf - und schulisch liegen sie zwischen den Noten eins uns zwei.“

Beiden gefällt es sehr gut. „Es macht Spaß, mit den Gästen umzugehen“, sagt Abdul Vajid Sediqi, der als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland kam, im OSZ das neunte Schuljahr machte und nun einen festen Ausbildungsplatz hat. Beide sprechen sehr gut Deutsch.

Noch bis in den späten Abend hinein fanden sich die Gäste des Neujahrsempfangs in kleinen Grüppchen zusammen. Ein Höhepunkt war ebenso das Konzert des Kammerorchesters der Jungen Philharmonie Brandenburg mit Auszügen aus Opern und Operette.

Im Gespräch: RUNDSCHAU-Chefredakteur Oliver Haustein-Tessmer, Landrat Stephan Loge, Adam Glinski (Geschäftsführer) und Roksana Lewandowska-Schmidt vom Spreewald-Parkhotel Niewitz sowie Ralf Henkler (BVMW).
Im Gespräch: RUNDSCHAU-Chefredakteur Oliver Haustein-Tessmer, Landrat Stephan Loge, Adam Glinski (Geschäftsführer) und Roksana Lewandowska-Schmidt vom Spreewald-Parkhotel Niewitz sowie Ralf Henkler (BVMW). FOTO: Ingvil Schirling / LR
Landrat Stephan Loge (r.) würdigte Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine als eine „Person mit Haltung“.
Landrat Stephan Loge (r.) würdigte Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine als eine „Person mit Haltung“. FOTO: Ingvil Schirling / LR
Gewürdigt wurde auch Axel Jilek von der Johanniter-Unfallhilfe Südbrandenburg.
Gewürdigt wurde auch Axel Jilek von der Johanniter-Unfallhilfe Südbrandenburg. FOTO: Ingvil Schirling / LR
Vor etwa 150 gelandenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Verwaltung, darunter Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (erste Reihe, 2.v.r.), sprach Landrat Stephan Loge (SPD) über die Wirtschafftsstärke des Landkreises, aber auch die kommenden Herausforderungen.
Vor etwa 150 gelandenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Verwaltung, darunter Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (erste Reihe, 2.v.r.), sprach Landrat Stephan Loge (SPD) über die Wirtschafftsstärke des Landkreises, aber auch die kommenden Herausforderungen. FOTO: Ingvil Schirling / LR